Konzept Zwischennutzung

Bis die Bagger rollen

02.02.2015

Die einen haben ihn, die anderen brauchen ihn. Bezahlbarer Raum zum Leben und Arbeiten ist in Stuttgart wie in anderen Ballungsgebieten Mangelware. Nichtsdestotrotz stehen manchmal ganze Industrieareale jahrelang leer und bleiben sich selbst überlassen. Mit einer Zwischennutzung lassen sich viele Probleme abfedern und auch die Nachfrage nach günstigen Flächen ist in Innenstadtnähe groß. Wäre da nicht die Bürokratie.

Vier Jahre war die ehemalige Daimler-Niederlassung in der Türlenstraße verlassen. Kabel hingen von der Decke, Löcher klafften in den Wänden und im Eingangsfoyer sammelte sich totes Laub. Dort, wo früher das Mercedes-Benz „Zentrum E-Mobilität" angesiedelt war, herrscht heute wieder buntes Treiben. Hunderte Besucher strömten am ersten Dezemberwochenende zur Design-, Kunst- und Modemesse Dekumo und füllten die riesigen Hallen mit neuem Leben. Auch abgesehen von der Großveranstaltung hat sich das Areal zu einem völlig neuen Ort entwickelt. Im Erdgeschoss brummt eine Schreinerwerkstatt, Mechaniker restaurieren Oldtimer und in der großen Halle bauten noch vor kurzem Studenten an der Kulisse für einen Kurzfilm. Vieles davon hat eine Gruppe von engagierten Köpfen möglich gemacht, die Ende 2013 die Kulturniederlassung Südwest ins Leben riefen.

Große Träume

„Es war wie eine Reise ohne Reiseleiter" sagt Gründungsmitglied Giovanni Atria über die Anfangszeit. „Man zieht einfach los und schaut was passiert." Die Gruppe erarbeitete ein Konzept für eine einjährige Zwischennutzung des Areals und erhielt den Zuschlag. Auf 20.000 qm wollten sie Raum für Theater und Konzerte, für Werkstätten und Ateliers schaffen und Start-Ups ein Dach über dem Kopf bieten. Die Vorteile für die Beteiligten sind vielfältig: Mit einer Zwischennutzung können Unternehmen aus der Kreativwirtschaft Konzepte testen und neue Geschäftsmodelle erproben. Veranstaltungsorte, Ateliers oder Proberäume bereichern das kulturelle Leben einer jeden Stadt und sorgen darüber hinaus für positive Berichte über die Immobilie. Die Eigentümer können flexibler planen, erhalten Mieteinnahmen und die Objekte sind vor Vandalismus geschützt. Kultur und Wirtschaft profitieren von einer Zwischennutzung gleichermaßen. Theoretisch. Denn auch wenn es erklärtes Ziel vieler deutscher Städte ist, derartige Projekte zu fördern, scheitern viele an der konkreten Umsetzung.

Hohe Auflagen

„Die Behörden sind vorsichtig geworden, was die Auflagen zu Brandschutz oder zu Fluchtwegen angeht", sagt Raphael Klinger, der die Mieter der Kulturniederlassung betreut. Gerade nach dem Unglück bei der Love Parade 2010 habe man in der Veranstaltungsbranche deutlich gemerkt, dass sich in der Verwaltung niemand mehr dem Vorwurf der Nachlässigkeit aussetzen will. Doch allein die Gutachten, die für eine Genehmigung als Veranstaltungsort nötig sind, übersteigen schnell das Budget vieler Initiativen. Ganz zu schweigen von den Kosten, die für die bauliche Umsetzung der Maßnahmen entstehen. Größenordnungen von 1.000€ pro Quadratmeter sind so schnell erreicht und ersticken viele Vorhaben im Keim. Auch die Initiatoren der Kulturniederlassung bekamen die Strenge der Behörden zu spüren. Viele der ursprünglichen Ideen, wie etwa eine dauerhafte Bühne für regelmäßige Konzerte im Foyer, mussten wieder verworfen werden.

Zu lange Wartezeiten

Thorsten Brose ist vom Eigentümer als Technischer Betreuer angestellt und kümmert sich um die Instandhaltung der Gebäude. Gleichzeitig ist er Betreiber der Werkstatt im Erdgeschoß. Er war schon an mehreren, auch größeren Zwischennutzungsprojekten beteiligt und sieht immer wieder die gleichen Probleme: Eine Zwischennutzung wird von den Behörden genauso behandelt, wie wenn es sich um eine langfristige Nutzung handelt. Bei einem Zeitraum von nur wenigen Monaten lohne sich aber der Umbau nach den gesetzlichen Vorgaben kaum, da die Mieten schnell zu hoch und damit für das Zielpublikum uninteressant würden. Eine Lockerung der Sicherheitsbestimmungen sieht er kritisch, doch zumindest ein beschleunigtes Genehmigungsverfahren würde vieles vereinfachen. Dafür müsste das Konzept „Zwischennutzung" in der Landesbauordnung und in den Verwaltungsvorschriften gesondert behandelt werden. Auch intern führen die langen Wartezeiten und die Planungsunsicherheit oft zu Schwierigkeiten. Entscheidungen müssen dann schnell gefällt werden, um die verbleibende Zeit noch nutzen zu können. „Wenn viele Personen gleichberechtigt beteiligt sind, birgt das natürlich Konfliktpotenzial".

Der Abriss der Gebäude in der Türlenstraße ist längst überfällig, der Spatenstich für das futuristische Projekt „Look 21" war ursprünglich für Januar 2014 geplant. Bis Juni 2015 haben die Unternehmer, Künstler und Handwerker noch Zeit, eine neue Bleibe zu finden. Thorsten Brose hat für seine Schreinerwerkstatt bereits ein weiteres Zwischennutzungsprojekt im Auge. Genaueres kann er dazu allerdings noch nicht sagen: „Wir warten noch auf die Genehmigungen von der Stadt."

Alte Räume - Neues Leben

Die Kulturniederlassung in der Türlenstraße. Mit und ohne Zwischennutzer.

Zwischennutzung

„Als Zwischennutzung gilt eine zeitlich befristete Nutzung von leer stehenden Gebäuden oder brach liegenden Flächen, die mit geringen Investitionen umgesetzt werden kann. Durch eine gezielte Aktivierung vorhandener Leerstände wie zum Beispiel Büro- oder Gewerbeflächen können die Interessen von Kreativbranche, Eigentümern und Investoren vernetzt werden."

Wirtschaftsförderung Region Stuttgart

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Über den Autor

Dominik Strobel

Elektronische Medien Master
Eingeschrieben seit: SoSe 2014