Sterbebegleitung & Sterbehilfe in Deutschland

Bis zum letzten Atemzug

05.06.2017

Sterben ist in unserer modernen Gesellschaft ein allgegenwärtiges Geschehen. Allerdings erfährt der Tod neben den medial stark positionierten „öffentlichen“ Sterbefällen wenig Aufmerksamkeit. Doch wie kann man sich als Einzelner für dieses Thema einsetzen? Und wie können Menschen erreichen, dass das Thema Tod nicht länger ein Tabu-Thema bleibt?

Hospiz: Ein Haus des Lebens |Foto: Leonie Höfer


Was die Deutschen zum Thema Sterben bewegt |Grafik: Leonie Höfer und Anna-Lena Bindel via Piktochart

In Deutschland sterben pro Jahr fast 1 Million Menschen auf verschiedene Art und Weise. Der Tod als solcher hat also viele Facetten. So wurde, mit dem Inkrafttreten des § 217 des Strafgesetzbuches im Dezember 2015, organisierte Sterbehilfe in Deutschland verboten. Suizidbeihilfe, die in Deutschland seit über 140 Jahren straflos war, ist nun nur noch in ganz geringen Ausnahmefällen zulässig. Immer wieder wird jedoch die Forderung nach aktiver Sterbehilfe in der Gesellschaft laut.

Der Rechtsanwalt Torsten Benzin aus Berlin ist stellvertretender Vorsitzender des Vereins „Sterbehilfe Deutschland". Er setzt sich im Rahmen dieser Organisation ehrenamtlich für das Selbstbestimmungsrecht eines Menschen, bis zum letzten Atemzug, ein. Für Benzin steht vor allem eine rechtliche und gesellschaftliche Akzeptanz der Sterbehilfe im Mittelpunkt. Er möchte mit seinem Ehrenamt auf den Missstand, der aus seiner Sicht in unserer Gesellschaft herrscht, aufmerksam machen.


„Das Verbot der organisierten Sterbehilfe ist menschenverachtend.

Die Bürger sind ihrer Freiheit beraubt, sich auch für ein selbstbestimmtes Ende zu entscheiden." (Torsten Benzin)


Laut dem Verständnis der Sterbehilfe Deutschland e.V. ist das Verbot der organisierten Sterbehilfe ein massiver Eingriff in das Grundrecht auf freie Selbstbestimmung. Daher hat die Organisation Verfassungsbeschwerde gegen dieses Gesetz eingelegt. Ihr Ziel ist es, eine Regelung wie in der Schweiz zu erreichen. Dort ist die Suizidbeihilfe erlaubt, die aktive Sterbehilfe jedoch verboten. Diese Regelung galt bis Dezember 2015 auch in Deutschland.


Die verschiedenen Formen der Sterbehilfe |Grafik: Leonie Höfer und Anna-Lena Bindel via Piktochart

Torsten Benzin fordert im Rahmen seines Ehrenamtes, dass Menschen die Freiheit haben sollen, als Lebensende auch assistierten Suizid wählen zu können. Daneben unterstützt er allerdings auch Alternativen. So fehlt es laut Benzin vielen Regionen Deutschlands an umfassenden Angeboten von Palliativ - und Hospizangeboten.

In einem Hospiz können Menschen die letzte Zeit ihres Lebens verbringen. Manchmal sind es nur ein paar Tage, einige von Ihnen verbringen jedoch mehrere Wochen im Hospiz. In Ausnahmefällen sind es sogar Monate. Die gesamte Betreuung ist darauf ausgerichtet, den Menschen mit viel Würde und Respekt jeden Wunsch bis zu ihrem Lebensende zu erfüllen. Dabei sind Hospize, wie das Hospiz St. Martin in Stuttgart, auf die Hilfe von Ehrenamtlichen angewiesen. Ohne den Einsatz des rund 40-köpfigen Teams, ist die Arbeit dort kaum zu bewältigen.

Interview mit zwei Ehrenamtlichen des Hospiz St. Martin in Stuttgart |Video: Leonie Höfer und Anna-Lena Bindel

Letztendlich bleibt die Frage, was Menschen bewegt, die wissen, dass ihnen nur noch wenig Zeit verbleibt? Was wünschen sich Menschen hinsichtlich ihres Todes? Im Gegensatz zu dem Leben vieler Menschen, ist für Susanne der Tod beinahe etwas Alltägliches. Sie leidet an dem Gendeffekt „Peutz-Jeghers-Syndrom", hat Hepatitis C und einen aggressiven Krebs, der nach und nach Organe wie Leber, Nieren und Milz zerstört. Susanne betreibt ein Instagram-Profil mit dem Namen @susisickwolf und einen eigene Facebook-Seite mit dem Namen"Susi's Überleben's Blog" und geht mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit.

Sie berichtet fast täglich über ihre Gefühlswelt, ihre Ansichten und Einstellungen. Dabei schenkt sie anderen Hoffnung. Ihre Motivation ist dabei, nicht im Mittelpunkt zu stehen, sondern anderen zu zeigen, dass man sich trotz unheilbarer Krankheiten und schwierigen Lebensumständen nicht vor der Gesellschaft verstecken muss.


„Keiner kann definieren was „Normalität" bedeutet, denn für jeden heißt normal sein etwas anderes. Der Tod soll kein Tabu-Thema in der Gesellschaft sein, da er ein ständiger Begleiter ist. Man sollte sich darüber bewusst werden, dass es ohne den Tod kein Leben gäbe, und umgekehrt." (@susisickwolf)


Susanne weiß, dass ihr Leben in absehbarer Zeit wegen ihrer unheilbaren Krankheiten zu Ende gehen wird und dann möchte sie selbst darüber entscheiden können, wie und wann sie sterben wird. Wenn es wirklich nichts mehr gibt, was ihr hilft, ihr Leben, so wie sie es jetzt kennt, weiterzuleben, würde sie sogar gerne den Dienst einer Sterbehilfe beziehen wollen. Dabei würde Susanne sich Menschen an ihrer Seite wünschen, die mit ihr diesen Weg gehen und ihr die letzte Ehre erweisen. „Ich darf frei entscheiden, welchen Beruf ich ausüben möchte, wie viel Kinder ich habe und wo ich gerne wohnen möchte, also sollte ich auch als sterbender Mensch frei entscheiden dürfen, wie und wann ich sterbe."

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Über die Autoren

Anna-Lena Bindel

Medienwirtschaft
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2015

Leonie Höfer

Medienwirtschaft
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2015