Diskussionen sind okay

Bist du politisch?

08.06.2017

Politik und Jugend. Irgendwo ein totdiskutiertes Thema. Nichtsdestotrotz, seit Trump und dem BREXIT tut sich wieder etwas in Sachen Engagement. Die Jugendbewegung DEMO möchte bundesweit zu mehr Demokratie anregen. Unabhängig von Parteien und Klischees, ohne Wahlprogramm und ohne radikale Tiraden. Trotzdem jung und politisch.

Ist Aktivismus für Jugendliche überhaupt noch relevant? | Foto: Gloria Dreiseidel

Mittwochabend am Marienplatz in Stuttgart. Hier ist das altdeutsche Spießertum noch nicht ganz so präsent wie im Rest der Schwabenhochburg. Cafés in denen Studierende den Klängen alternativer Life Acts lauschen, vegane Super Bowls schlemmen und ihre Tinder Dates treffen. Ein paar Straßen weiter trifft sich um sieben Uhr der DEMO Stammtisch.

Gegründet wurde die Jugendbewegung letztes Jahr von der Journalistin Mareike Nieberding. Nach der US-Wahl war ihr klar, es muss etwas getan werden, sonst geht’s abwärts. Mit unseren Werten, unserer Demokratie, unserem Frieden, unserem Land. Europa wird gespalten, alle sind entweder Pro oder Contra, schwarz oder weiß, dafür oder dagegen. Es wird marschiert, demonstriert, reformiert und polarisiert. Kein Wunder, dass bei so viel unterdrückter Wut junge Leute abspringen. An der simpelsten Kommunikation untereinander scheitern wir. Was tun gegen die Distanz unter uns? Wie Die Ärzte schon 2003 plädierten: „…Worte tun niemandem weh. Darum lass uns drüber reden, Diskussionen sind ok". Unabhängig von Partei und Identität, wir müssen doch miteinander reden können – auch wenn es unangenehm ist, vielleicht auch, wenn man gar nicht will. Über seinen Schatten zu springen, und versuchen gegensätzliche Positionen zu verstehen, ist auch eine Form von Politik. DEMO gibt es in jedem Bundesland, die Kommunikation erfolgt meist über Facebook. In Baden-Württemberg ist die Bewegung noch recht neu, erst zum dritten Mal trifft sich der Stammtisch und ich bin – so unvoreingenommen wie es nur geht – auch dabei.

                               Wie wichtig ist Politik für dich? |Foto: Gloria Dreiseidel

Organisiert hat ihn Linda. Braune, schulterlange Haare, breites Lächeln und Informatik Studentin. Sie ist sympathisch und freut sich, dass ich da bin. Der Tisch füllt sich, Stühle werden zusammengerückt, Bier wird bestellt.

Wie politisch ist die Jugend?
Jugendliche gehen kritisch mit aktuellen Sachverhalten um.

Sie interessieren sich für Umweltschutz und Klimawandel.

Ein Großteil der 16–19-Jährigen haben eine Grundbereitschaft zum Mitdenken und Mitmachen.

Wichtig ist dabei die Vermittlung. Je unverständlicher Politiker reden, desto weniger interessieren sich Jugendliche für die Thematik.

52% der jungen Europäer finden Demokratie ist die beste Staatsform.

26% sehen keinen Unterschied zu anderen Optionen.

Quelle: Sinus Akademie 2O16

Das Treffen stellt sich aus stereotypischen Aktivisten par excellence zusammen. Studierende von Politikwissenschaften, Philosophie, Kunst und Jura, fest entschlossen etwas zu bewegen. Aber alle (natürlich) Studierende. Ich könnte glatt vergessen, dass ich in Stuttgart sitze, die Szenerie würde besser nach Berlin Kreuzberg passen. Weil ich neu dazu gestoßen bin, bekomme ich von Linda einen Elevator Pitch zum Thema „politisch sein":

„Es geht darum, diese Welt jeden Tag Stück für Stück ein bisschen besser zu machen. Auf einen Schlag retten können wir sie – leider – nicht, aber wir sind dennoch handlungsfähig. Es klingt nach Klischee, aber Politik fängt für mich vor der Haustür an. Mit meiner Stadt, mit Umweltschutz, mit Schule, Freizeit und mit Gemeinschaft. Mit meinem Verhalten. Werte kann man nicht predigen, man kann sie nur leben."

Das es jetzt, kurz vorm aktiven Wahlkampf, nicht um Parteien gehen soll, finde ich schwer zu begreifen. „Unser Ziel ist es, mit Leuten zu reden und zur Wahl zu motivieren! Wir hoffen, durch den Dialog gegenseitiges Verständnis entstehen zu lassen und es zu vertiefen. Es wäre schön sagen zu können: Ich muss nicht deiner Meinung sein, aber ich verstehe dich. Versteh’ du mich aber bitte auch. DEMO ist parteiunabhängig, wir möchten niemanden von irgendeinem Programm, sondern vom Dialog überzeugen." Aus Linda sprudelt es raus, es wird diskutiert. Was machen wir jetzt? Workshops in Schulen? Auftritte auf Festivals? Einfach einen Stand auf der Straße aufbauen? Egal. Hauptsache wir machen jetzt was. Ina*, die Reinkarnation von Janis Joplin, kümmert sich um das Design von Flyern und Bannern. Dennis* möchte über Crowdfunding Spenden zusammentragen. Es werden Aufgaben verteilt und Spätzle bestellt.

Bedeutet politisch zu sein, immer aktiv zu handeln? Sich auf die Straße zu stellen und zu rebellieren? Aber ist es auf der anderen Seite nicht wirklich ein bisschen zu wenig, bei der Wahl einfach nur sein Kreuz zu machen? Vielleicht sollte mehr untereinander geredet und diskutiert werden, unabhängig von den großen Mächten und einfach nur mal so. Weil mich mein Mitmensch interessiert und jeder bestimmt seine Gründe für seine Ansichten hat, so wie ich auch meine. Dennoch. Diskussionen gehe ich gerne aus dem Weg. Nicht weil ich per se unpolitisch bin, sondern einfach nicht empathisch genug, und ein bisschen faul. Was bringt es, meine Meinung für mich zu behalten? Politik ist wohl das, was man daraus macht. Es heißt ja nicht umsonst Volksstaat. Ein bisschen muss das Volk ja auch aktiv werden, und zwar im ursprünglichen, nicht rechtspopulistischen Sinne.

Wir haben die Leute am HdM Campus in Stuttgart gefragt, ob sie politisch sind. |Quelle: Gloria Dreiseidel

Wie so vieles fängt es wohl im Kopf an, ein Schritt, den so mancher Populist überspringt. Ich muss mir Gedanken machen, mich mit grundsätzlichen Fragen beschäftigen. Lebe ich gerne in Deutschland? Was und wer stört mich, und wieso? Wovor habe ich Angst und mit wem kann ich darüber reden? Gefolgt von: Was kann ich, will ich und werde ich tun? Mit all den Fragen und Antworten im Kopf ist das aktiv sein doch gar nicht so abschreckend.

Ich hoffe inständig, im Alter nicht zurückblicken zu müssen und mein Stillsitzen zu bereuen. Und miteinander reden ist doch ein politisches Sein, das wir alle, auch wenn es unangenehm wird, ausprobieren könnten. Wer etwas mehr will geht z. B. zu DEMO. Und wer keine Lust hat, ist trotzdem politisch, weil er rebelliert. Gegen die Politik!


Dieser Artikel wurde von zwei Autoren erstellt.

Carolina hat geschrieben und gesprochen, Gloria hat geschnitten und geschossen. Aber nur Fotos.

*Namen von der Redaktion geändert

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Über die Autoren

Carolina Philipps

Crossmedia Publishing & Management
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2016

Gloria Dreiseidel

Crossmedia Publishing und Management
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2016