Foodsharing

Braune Flecken auf der Banane

13.06.2017

Zu schade für den Müll: Allein private Haushalte werfen jährlich mehrere Millionen Tonnen Lebensmittel in den Abfall. Die Initiative Foodsharing rettet genießbare Esswaren vor der Tonne – und setzt damit ein Zeichen gegen Überproduktion und Verschwendung.

Foodsharing bietet Lebensmitteln eine Alternative zur Mülltonne. | Foto: Svenja Deutschkämer

22 Uhr auf dem Campus Vaihingen. Luisa Merz geht mit zügigen Schritten die Treppe der S-Bahnstation hinauf. Sie hat zwei riesige Taschen geschultert, gefüllt mit Backwaren, Obst und Gemüse. Oben angekommen, belädt sie im Dunkeln vorsichtig ihren Fahrradkorb, sodass die kostbare Fracht später beim Schieben nicht herunterfällt. Ihr Ziel: ein unscheinbarer Schrank, direkt bei den Wohnheimen.

Luisa ist Studentin und eines von etwa 700 ehrenamtlichen Mitgliedern bei Foodsharing in Stuttgart. Die junge Initiative setzt sich in Deutschland, Österreich, der Schweiz und in den Niederlanden gegen Lebensmittelverschwendung ein. Über eine Online-Plattform wird übrig gebliebenes Essen geteilt und die Abholung von nicht mehr für den Handel geeigneter Ware bei Betrieben organisiert.

„Das große Wegschmeißen"

Die WWF Studie von 2015, „Das große Wegschmeißen", fand heraus, dass jährlich 18 Millionen Tonnen Lebensmittel ihr Ende auf der Mülldeponie finden. Davon sind fast zehn Tonnen vermeidbar. Laut der Studie landen jede Sekunde 313 Kilogramm Lebensmittel in Deutschland im Müll. Für diese Verschwendung sind nicht nur Händler und Produzenten verantwortlich. Jeder Deutsche entsorgt pro Jahr im Durchschnitt 82 Kilogramm verwertbare Lebensmittel in den Haushaltsmüll. Fast die Hälfte davon ist Obst und Gemüse. 20 Prozent der weggeworfenen Lebensmittel sind Backwaren. Das ergab eine Studie der Universität Stuttgart 2012.

Luisa setzt sich gegen Lebensmittelverschwendung ein. Vom Foodsharer zum Foodsaver wurde sie, indem sie online bei Foodsharing ein Quiz absolviert hat.| Foto: Svenja Deutschkämer

Fairteilen

„Wir von Foodsharing wollen auch auf privater Ebene Bewusstsein dafür schaffen, nicht so viele Lebensmittel wegzuwerfen", erklärt Maike Lambarth, eine der Botschafterinnen von Foodsharing im Bezirk Stuttgart. Auf der Plattform der Initiative kann man Reste von zubereiteten Gerichten anderen Menschen online in einem virtuellen „Essenskorb" zur Verfügung stellen. Wer Interesse an den Lebensmitteln hat, kündigt sich an und holt sie vor Ort bei dem Ersteller des Essenskorbes, dem „Foodsharer", ab.

Auch Betriebe finden Gefallen an der Idee des Foodsharings. „Ich glaube, jeder hat eine Abneigung, Lebensmittel wegzuwerfen", freut sich Luisa über die gelungene Kooperation mit zahlreichen Betrieben in Stuttgart. Luisa ist Betriebsverantwortliche und bringt, wie die Foodsaver, wöchentlich nicht mehr verkäufliche Ware aus den Läden zu sogenannten „Fairteilern". Das sind Schränke und Kühlschränke an öffentlichen Orten. Im Bezirk Stuttgart kooperieren Betriebe wie die CAP-Märkte, die körperlich und geistig beeinträchtigten Menschen eine Arbeitsstelle bieten, sowie Naturgut und Schüttgut.

Im Namen der Initiative wurden bereits über 8600 Tonnen Lebensmittel gerettet, welche die Foodsaver für den Eigenbedarf nutzen, an Freunde verteilen und in die Fairteiler bringen. Ziel der Initiative ist es nicht, immer mehr Lebensmittel vor der Tonne zu bewahren, sondern der Lebensmittelüberproduktion entgegen zu wirken. „Die Initiative möchte sich eigentlich selbst abschaffen", schlussfolgert Maike. „Durch eine angemessene Produktion können wir Ressourcen wie Wasser, aber auch Saatgut, einsparen. Weniger Pestizide und weniger Anbau schonen die Böden."

Die insgesamt sechs Fairteiler im Bezirk Stuttgart werden von 700 Ehrenamtlichen gefüllt. Häufig ist auf den zugehörigen Facebook-Seiten zu sehen, welche Lebensmittel in welchem Fairteiler vorrätig sind. | Grafik: Svenja Deutschkämer via Google Maps

Foodsharing für alle

Jede Person, egal ob aktives Mitglied bei Foodsharing oder nicht, kann sich an den Lebensmitteln in den Fairteilern bedienen und hineinlegen, was sie selbst übrig hat. Eine Bedingung gibt es allerdings doch: „In die Fairteiler dürfen keine Lebensmittel mit Verzehrdatum, wie zum Beispiel Hackfleisch. Auch Reste von gekochten Gerichten besser nicht, weil man die Qualität schlecht prüfen kann", erklärt Luisa. Mit dem Lebensmittelüberwachungsamt hat Foodsharing vereinbart, dass Putzpläne für die Fairteiler erstellt werden. Luisa sieht bei ihrem Fairteiler in Vaihingen fast täglich nach, ob die Lebensmittel genießbar und die Aufbewahrungsboxen sauber sind. „Es ist wichtig, dass es Leute vor Ort gibt, die im besten Fall täglich am Fairteiler vorbeikommen und den Inhalt kontrollieren." Denn die Foodsaver übernehmen die rechtliche Verantwortung für die Genießbarkeit der geretteten Lebensmittel und die Lebensmittelüberwachung führt immer wieder unangekündigte Stichproben durch.

Für Luisa ist Foodsharing längst mehr als nur eine Nebenbeschäftigung: „Jeder Mensch versucht sein Leben so gut es geht zu leben. Foodsharing ist meine Art, Gutes zu tun." Aus diesem Grund nehme sie nächtliche Touren durch die Stadt gerne in Kauf.

22.15 Uhr auf dem Campus Vaihingen. Luisa hat alle Lebensmittel in den Boxen des Fairteilers verstaut. Bis auf einen Bund reifer Bananen mit kleinen braunen Flecken. Sie lächelt: „Daraus mache ich leckeres Bananeneis!"

Rettungsaktion - Vom Supermarkt bis zum Fairteiler

Eine Lebensmittelabholung bei einem der 51 kooperierenden Betriebe in Stuttgart. | Fotos: Svenja Deutschkämer

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Über den Autor

Svenja Deutschkämer

Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2016/2017