Nachwachsender Rohstoff

Da ist der (Holz-)wurm drin

04.02.2015

Holz ist nachhaltig, es wächst ja nach. Doch es kann auch zu nachhaltigen Zerwürfnissen führen, zumindest im ländlich geprägten Raum der Republik. Genauer in Dettingen an der Erms auf der Schwäbischen Alb. Dort tobt seit Monaten ein Streit um etwaige Holzlagerungen. Vom Kleinen zum Großen ist das Motto dieses Beitrages: Vom Kreis über Deutschland bis zu Europa wird der Rohstoff Holz unter die Lupe genommen.

„Wir machen das schon seit Jahren, bisher ohne Probleme", schimpft der Dettinger Ralf Kirchner, wenn man ihn auf seine Holzlagerungen anspricht. Er gehört der Interessengemeinschaft Holz im Ermstäler 10 000-Einwohner-Dorf an. Das Problem: Laut Verwaltung sind auf den ortsansässigen Wiesen lediglich 30 Festmeter Holz zur Lagerung erlaubt. Gar ein Doktor aus dem Landrat war im Gemeinderat, um dies wissenschaftlich zu belegen. Die Holz-Verarbeiter der Gemeinde haben aber weit mehr auf ihren Wiesen sitzen. Alles, was über die erlaubte Menge geht, soll weg. So wollen es zumindest die Denker und Lenker der Gemeinde. Der Keil ist tief ins jahrzehntealte Holzlager getrieben und geht wohl so schnell auch nicht wieder raus. Die Fronten sind eichenhart, weder Verwaltung noch Holzmacher wollen nachgeben. Ein runder Tisch kam bisher nicht zustande, die Gemeinde bleibt stur und pocht mit hölzernem Zeigestock auf die angestaubten Paragrafen.

Spricht man mit Jürgen Wippel vom Reutlinger Kreisforstamt, dann sieht man die verdrehten Augen zum Thema Dettingen/Erms nahezu durch den Telefonhörer: „Das ist ein anderes Thema, sprechen wir lieber über den Wald in der Region." Dieser umfasst 40 000 Hektar Fläche, ungefähr doppelt so viel wie das gesamte Stuttgarter Stadtgebiet. Daraus werden jährlich 260 000 Festmeter Holz geschlagen. Ein Viertel davon wird energetisch verwendet. „Die Forstwirtschaft richtet sich schon seit 300 Jahren nach dem Prinzip der Nachhaltigkeit. Die Waldfläche hier im Kreis Reutlingen nimmt die Jahre über eher zu als ab", weiß der Förster nur Gutes über „seinen" Wald und seine Zunft zu berichten.

Pellets als Alternative zum Öl

Dass man mit Holz zahlreiche Möbel herstellen oder auch Häuser bauen kann, ist bekannt. Energetisch verwendet wird der nachwachsende Rohstoff natürlich auch. Laut Bundesministerium für Landwirtschaft wird in jedem vierten Haushalt mit Holz geheizt. Seien es Kachelöfen, Hackschnitzel oder Holzpellets. Mit letzteren hat der studierte Umweltingenieur Bernhard Glaser reichlich Erfahrung gesammelt. „Ich heize seit 15 Jahren mit Pellets. Die Anlage läuft problemlos und funktioniert genauso vollautomatisch wie Gas oder Öl", berichtet er und ergänzt schmunzelnd: „Damals war das ja noch gar nicht so bekannt. Die Leute schauten dann schon skeptisch, wenn man von einer Pelletheizung erzählt hat." Glaser hat beim Hausbau bereits einen separaten Raum als Lager auserkoren. Rund zwölf Kubikmeter passen dort hinein – damit kann er laut eigener Aussage drei Jahre lang heizen. Somit sind die Mehrkosten der Neuinstallation flott wieder hereingeholt, zumal Pellets meist günstiger zu kaufen sind als Heizöl. Der Neueinbau einer Pelletheizung wird im Übrigen vom Staat mit mindestens 2 900 Euro gefördert. „Das Rohmaterial für die Pellets kommt zum Großteil von Sägewerken oder anderen holzverarbeitenden Betrieben. Da fällt ja viel Abfall an, das ist dann ideal weiterzuverarbeiten. Deshalb wollte ich auch von Anfang an mit Pellets heizen, weil ich eine nachhaltige Heizung in meinem Haus wollte", ist der Umweltingenieur auch noch 15 Jahre nach dem Einbau überzeugt von seiner Heizung.

Blick über den lokalen Tellerrand hinaus

Doch wie sieht es mit dem Holzvorkommen in Deutschland und Europa aus, wenn immer mehr Menschen auf Holz als Brennstoff umsteigen. Hierzu hat Nikola Krebs vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft eine klare Antwort: „Trotz der höheren Nutzung, sind die Vorräte in den deutschen Wäldern um sieben Prozent angestiegen und liegen weiterhin auf einem Rekordniveau in Europa."

Infografik Holzeinschlag in Deutschland, Grafik: Sebastian Buck

Die Infografik in voller Auflösung finden Sie hier.

Doch in Europa gibt es gerade im Osten größere Probleme. Laut WWF werden zum Beispiel in Bulgarien rund vier Millionen Festmeter pro Jahr illegal gefällt. In Rumänien werde der illegale Holzschlag vor allem durch Korruption noch zusätzlich ermöglicht, so der WWF weiter. Zudem werde durch „die Ausrichtung der Wälder auf eine effektive Holzproduktion" die Artenvielfalt zerstört, was wiederum zu Änderungen im gesamten Ökosystem führt. Nun zur drängenden Frage, ob es dem Holz einmal ähnlich geht wie dem Öl und eines Tages ganz ausgeht? Nikola Krebs kann hier beschwichtigen: „Holz wird bei weltweit zunehmender Nachfrage voraussichtlich knapper werden, im Rahmen nachhaltiger Waldbewirtschaftung, der Erschließung von Primärwäldern und global zunehmenden Plantagenflächen aber weiterhin zur Verfügung stehen."

Zur Not springt eben die Holzweltstadt Dettingen an der Erms ein. Denn mit den rauen Mengen an Holz ist zumindest die Binnenversorgung im Ermstal auf Jahre hinaus gesichert. Sofern die Gemeindeverwaltung die „unzulässigen Lagermengen" nicht dem Erdboden gleich macht. Sollte dies der Fall sein, muss am Ende wohl auch in Dettingen an der Erms in die harte Nuss des Holzimportes gebissen werden. „Sollen die Leute hier lieber auf Rohstoffe aus Rumänien zurückgreifen", fragte sich die Interessengemeinschaft Holz bereits gegenüber der SüdWestPresse. Dann wäre auch in Dettingen der Holzwurm aus dem Ostblock angekommen. Doch egal wo auch immer der Rohstoff herkommt: Er gibt warm, wächst nach und bindet große Mengen an CO2 und ist somit ein nachhaltiger Energieträger.

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Sebastian Buck

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