Sterbebegleitung

Da sein, wenn das Leben zu Ende geht

18.01.2016

Sterbebegleiter betreuen Menschen in den letzten Stunden ihres Lebens. Susanne Müller ist eine von ihnen, sie engagiert sich seit 2008 ehrenamtlich in der Sitzwache des Hospizes Stuttgart. Im Interview spricht sie über ihre Beweggründe und Erfahrungen.

Susanne Müller über ihre Tätigkeit im Hospiz

Die 68-Jährige erzählt von ihrer Arbeit im Hospiz. Sie ist eine von 136 Sterbebegleitern, die sich in der Sitzwache des Hospizes Stuttgart engagieren.

Sterben – ein Tabu?

Der Tod ist medial präsent, gleichzeitig wird er von der Gesellschaft häufig in den Hintergrund gedrängt. Es gibt nichts so alltägliches, das uns alle betrifft und zugleich so fremd ist. Sterben findet im Vergleich zu früher nicht mehr zu Hause bei den Angehörigen statt, sondern hauptsächlich in Institutionen – unsichtbar und abgeschottet von der Gesellschaft.

Die Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit ist ein Thema, welches für viele mit Angst verbunden ist. Die Ungewissheit bleibt – unabhängig davon, welche Antworten uns unsere Religion oder spirituelle Haltung auf die alles entscheidende Frage, wie es nach dem Tod weitergeht, gibt. Aus psychologischer Sicht ist die Verdrängung des eigenen Todes ein Abwehrmechanismus unserer Psyche. Letztlich sind Sterben und der Tod Teil unserer Existenz – sie sind unausweichlich. Das Ende gehört genauso zum Leben dazu wie der Beginn. Der Tod schließt den Kreis des menschlichen Daseins. Das Leben bekommt dadurch seinen Glanz und seine Einzigartigkeit.

Damit das Sterben leichter wird

Sterbebegleiter besuchen Sterbende in Krankenhäusern und zahlreichen Pflegeeinrichtungen. Sie reden mit ihnen, hören zu und sind auch dann da, wenn kein Gespräch mehr möglich ist. Zu ihrer Aufgabe gehört es auch Angehörige und Nahestehende bei ihrer Trauer zu unterstützen und ihnen zu helfen ins Leben zurückzufinden. Die Begleiter setzen sich häufig mit dem Sinn des Lebens auseinander und denken auch über die eigene Lebensbilanz nach. Die aktive Beschäftigung mit dem Sterben kann das eigene Leben positiv verändern – es eröffnen sich neue Blickwinkel.

In Deutschland wurde das erste stationäre Hospiz 1986 gegründet. In einem Hospiz werden unheilbar kranke Menschen begleitet und palliativ versorgt. Palliativ bedeutet, dass der Schwerpunkt der Behandlung nicht auf der Heilung des Patienten liegt. Hauptziel ist die Erhöhung der Lebensqualität, um den Sterbenden somit ein würdevolles und möglichst schmerzfreies Sterben zu ermöglichen – und nicht die Verlängerung der Lebenszeit. Im Zentrum der Sterbebegleitung stehen der kranke Mensch und seine Angehörigen, welche durch die Begleiter dabei unterstützt werden, in Ruhe und Würde voneinander Abschied zu nehmen. Die gesellschaftliche, kulturelle oder religiöse Herkunft spielt dabei keine Rolle. Sterbebegleiter orientieren sich an der Einzigartigkeit eines jeden Menschen – sie richten sich ganz nach den individuellen Wünschen und Bedürfnissen des Sterbenden. Die verbleibende Zeit so angenehm wie möglich zu gestalten, ist der Schwerpunkt der Hospizarbeit.

Sterbehilfe

Im Gegensatz zur aktiven Sterbehilfe wird bei der Sterbebegleitung die gezielte Herbeiführung des Todes abgelehnt. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass Sterbebegleitung nicht in den Prozess des Sterbens eingreift.

Am 6. November 2015 hat der Bundestag die organisierte Beihilfe zum Suizid in Deutschland verboten: Das bedeutet, dass niemand das Leben eines unheilbar Kranken durch irgendwelche Maßnahmen von außen beenden darf. Die Tötung auf Wunsch des Sterbenden ist weltweit nur in den Niederlanden, Belgien, Luxemburg und im US-Bundesstaat Oregon erlaubt.

Bei der passiven Sterbehilfe verzichtet der Sterbende auf lebensverlängernde Maßnahmen oder beginnt erst gar nicht mit einer Behandlung. In Deutschland ist diese Form der Sterbehilfe erlaubt, wenn klar ist, dass eine Patientenverfügung vorliegt. Auch Sterbebegleitung in Form von Beistand und Seelsorge gilt als passive Sterbehilfe.

Bei der indirekten Sterbehilfe geht es hauptsächlich um die Linderung von Schmerzen. Durch die Verabreichung hoch dosierter Schmerzmittel wird ein vorzeitiger Tod als unvermeidbare Nebenwirkung in Kauf genommen. Indirekte Sterbehilfe ist in Deutschland nicht strafbar, so lange sie dem Willen des Patienten entspricht.

Ein Schritt in die richtige Richtung

Der Umgang mit dem Thema Sterbebegleitung hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert – die Gesellschaft geht offener und aufgeklärter damit um. Auch die öffentliche Debatte über die Sterbehilfe hat dazu beigetragen, das Sterben aus der Tabuzone zu holen.

Zudem hat die Hospizarbeit in Deutschland zunehmend an Bedeutung gewonnen. Es gibt eine wachsende Anzahl an ambulanten Hospizdiensten und stationären Hospizen. Bis heute wächst das ehrenamtliche Engagement in der Hospizarbeit stetig: Laut Berechnungen des Deutschen Hospiz- und Palliativverbands engagieren sich zurzeit rund 100.000 Menschen, die meisten davon ehrenamtlich.

Auch in der Politik hat ein Wandel stattgefunden: Der Bundestag beschloss im November das Hospiz- und Palliativgesetz vom Gesundheitsminister Hermann Gröhe. Durch die neuen Regelungen sollen mehr Menschen Zugang zu einer professionellen Sterbebegleitung bekommen – egal ob zu Hause, in Heimen oder im Krankenhaus. Die steigenden Zuschüsse der gesetzlichen Krankenkassen sollen unter anderen für eine bessere Ausstattung der ambulanten und stationären Hospize verwendet werden. Zudem soll das Gesetz eine bessere Betreuung sterbender Menschen ermöglichen. Alle gesetzlich Versicherten sollen damit einen Anspruch auf Beratung bekommen.

Sterben und Tod: Zahlen und Fakten

Aktuelle Zahlen und Fakten zum Thema Sterben in Deutschland (Erstellt von Diana Manov via piktochart.com)

Sitzwache des Hospiz Stuttgart

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Über den Autor

Diana Manov

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Eingeschrieben seit: Sommersemester 2015