Kreativität und psychische Krankheiten

Das Genie und der Wahnsinn

12.12.2016

Künstlerische Genies werden oft als „verrückt“ beschrieben. Doch gibt es einen Zusammenhang von Kreativität und psychischen Krankheiten, und inwiefern kann Fantasie für Leid sorgen?

Amy Winehouse und Klaus Kinski - Genies oder Erkrankte? |Quelle: Lili Oberdörfer

Kleine Tonstudios in den Hinterzimmern der Großstädte. Die Musik wabert mit dem Rauch durch den zu engen Gang. Inspiration liegt im Raum, sein Stift gleitet über das Papier. Stop! Da war etwas in der hintersten Ecke seines Hirns - aber das Karussell hört nicht auf sich zu drehen, die Idee ist entwichen. Wut steigt auf, er fängt an zu schreien, wieder ist er gefangen als Zuschauer am Spielfeldrand, in seinem eigenen Kopf. Der Stift bohrt sich in das Papier, sein Arm fegt durch die Luft und auf dem Küchenboden bilden sich schwarze Seen aus Tinte. Zwei Mitbewohner rauchen am Fenster zum Innenhof, alles normal: Auf und Ab, er wird sich wieder kriegen, die Flecken verbleichen mit der Zeit. Der Lebensraum eines kreativen Genies. Das Klischee eines gequälten Künstlers.

Die Lebensgeschichten von Amy Winehouse und Kurt Cobain, oder aber auch die von Vincent Van Gogh und Robert Schumann lassen Genialität und Wahnsinn zusammenhängend erscheinen. Der Mythos um diesen schmalen Grad ist faszinierend und trotzdem gefährlich, denn die Romantisierung psychischer Erkrankungen findet besonders bei außergewöhnlichen Künstlern statt. Selten gehört es derartig der Normalität an, eines unnatürlichen Todes zu sterben.

Was ist Kreativität?

Kreativität bezeichnet laut Prof. Dr. Andreas J. Fallgatter, ärztlicher Direktor der Allgemeinen Psychiatrie und Psychotherapie am Uniklinikum Tübingen: „Die Fähigkeit etwas vorher nicht dagewesenes originelles und neues zu erschaffen". Hand in Hand mit Kreativität gehe Intelligenz.

Thomas Winkler, Leiter der Fachbereiche Ergotherapie, Kunst- und Gestaltungstherapie und Musiktherapie an der Universitätsklinik Freiburg, unterscheidet zwischen zwei Arten der Kreativität. Einerseits im Bezug auf ein Produkt oder Ergebnis, andererseits Kreativität als grundlegende Eigenschaft eines Jeden, um sich an die Umwelt anzupassen. Deswegen könne Kreativität auch eine angelernte Eigenschaft sensibler Menschen sein, um mit belastenden Situationen umzugehen.

Vermutet wurde der genannte Zusammenhang schon in der Geschichte. Wissenschaftler bemängelten jedoch bisherige Studien als nicht repräsentativ. Besonders kritisch sei die Auswahl „kreativer" Menschen anhand ihrer Berufung, denn kreatives Denken komme nicht nur bei künstlerischen Tätigkeiten vor.

Moderne Studien finden genetische Verknüpfungen.

Die Studie der Firma deCODE Genetics sammelte dafür die Daten von 86 000 Teilnehmern. Darunter wurden die genetischen Variablen gesucht, die für ein höheres Risiko sorgen an Schizophrenie oder Bipolarität zu erkranken. Im Vergleich mit dem Durchschnitt trugen Mitglieder künstlerischer Vereine diese 17 Prozent öfter.

Eine weitere Studie ist die über 40 Jahre angelegte Studie des Wissenschaftlers Simon Kyaga und seiner Kollegen. Sie untersuchten 1,2 Millionen Menschen und stellten fest, dass die durch extreme Höhen und Tiefen geprägte bipolare Störung für eine acht Prozent höhere Chance sorgt, einen kreativen Beruf wahrzunehmen.

Hervorzuheben ist die Entdeckung, dass Menschen öfter in kreativen Berufen arbeiten, wenn ein Verwandter ersten Grades an einer psychischen Krankheit leidet.

Daraus lässt sich schließen, dass das vermutete „Gen" vererbt wird, und manchmal nur ein Teil, etwa die Kreativität und nicht Krankheit ausgeprägt ist.

Das Gen der Genies und Wahnsinnigen

Das Protein Neuroregulin 1 ist verantwortlich für Signalvermittlungen und regelt die Ausschüttung von Neurotransmittern. Bis jetzt nur mit Schizophrenie in den Zusammenhang gebracht, zeigt eine Studie der Semmelweis Universität in Budapest die Verbindung zur Kreativität auf. Szabolcs Kéri, Professor an genannter Uni, entdeckte Varianten dieses Gens, welche die Anfälligkeit des Menschen für eine wahrnehmungsverändernde Schizophrenie festlegt (vergleiche Infografik).

„When you are insane, you are busy being insane - all the time."

– Sylvia Plath

Akute Krankheiten machen keinen Künstler

Ob so mancher Künstler von seiner psychischen Krankheit profitiert lässt sich in Frage stellen. Prof. Fallgatter sagt dazu: „Es könnte sein, dass Vorstadien einer Kataphasie wie bei Hölderlin oder einer bipolaren Störung wie bei Schumann zu gesteigerter künstlerischer Kreativität beitragen."

Kataphasie:
Psychose geprägt durch Denkstörungen und sprachliche Auffälligkeiten.

Trotzdem sind Menschen, die akut erkrankt sind, nicht mehr in der Lage, produktiv zu sein. Das Reflektieren und Steuern des künstlerischen „Flows" ist nämlich das, was die künstlerische Substanz ausmacht, so Thomas Winkler.

Wichtig zu wissen ist, dass keine psychische Krankheit nötig ist, um kreativ und produktiv zu sein. Eine Behandlung sollte keinesfalls aus Sorge an Ideenmangel ausbleiben.

Jeder Bereich, der das Gen Neuroregulin 1 steuert, hat zwei Charakteristika: eines von mütterlicher Seite, eines von väterlicher Seite. Hierbei werden diese als T und C bezeichnet.

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Über den Autor

Lili Oberdörfer

Crossmedia Redaktion/ Public Relations
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2016