Die Gefahr der Unwissenheit

Das ist rassistisch – oder?

21.07.2015

„Rassismus“ – ein Begriff, der überall auftaucht. Doch wie aktuell ist die Einteilung der Menschen in Rassen noch? Der Rassenbegriff hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert. Neue Formen des Rassismus profitieren von der Unkenntnis der Menschen über diese Entwicklung.

Am 17. Juni 2015 wurden in Charleston, USA neun Menschen bei einer Schießerei getötet. Das Motiv des Schützen? Rassismus. Darüber sind die meisten sich einig. Hier wirft nur der Tathergang Fragen über den Hintergrund der Tat auf, doch auch das Wort „Rassismus" an sich ist in seiner Bedeutung heutzutage unklar. Der Begriff hat sich oft gewandelt, auch in den letzten Jahrzehnten. Noch im 16. Jahrhundert hatte der Rassenbegriff eine ganz andere Bedeutung als heute. Wurde man hier „beschuldigt" einer anderen Rasse anzugehören, dann lag das daran, dass man einer anderen Familie angehörte. Vermutlich bewegte man sich auch in unterschiedlichen sozialen Kreisen. Von „Rasse" sprach man damals nämlich im Zusammenhang mit Familienzugehörigkeit. Außerdem wurde so zwischen Adel und Pöbel unterschieden.

Mit der Aufklärung kommt der Rassismus

Diese Bedeutung währte allerdings nicht lang. Bereits im nächsten Jahrhundert kam der Drang nach wissenschaftlichen Erklärungen auf. Die Aufklärung hatte begonnen. Man wollte die Natur verstehen und nicht nur Tiere und Pflanzen teilte man in Rassen ein. Francois Bernier, ein französischer Arzt und Philosoph, kategorisierte im „Journal des Sçavans" als Erster Menschen nach Körpereigenschaften. Er unterteilte die Menschheit in vier bis fünf Rassen je nach Hautfarbe, Gesichtsform und Statur. Auf dieser Grundlage wurde die Bevölkerung Asiens beispielsweise der „mongolischen Rasse" zugeteilt.

Erweiterung der Rassenlehre

Carl von Linné, der Leibarzt des schwedischen Königs, fügte den Rassenmerkmalen 1773 Charakterzüge hinzu. Vierzig Jahre zuvor hatte er in seinem Werk „systema naturae" zum ersten Mal den „homo sapiens" an oberster Stelle der Primatenreihe platziert. Diese Systematik besteht bis heute. Seine Erweiterung der Klassenlehre jedoch war deutlich wertend und bezeichnete Afrikaner beispielsweise als „phlegmatisch und schlaff". Solche Charakterzuschreibungen wurden begründet durch Merkmale wie die Schädelform.

Auch der deutsche Philosoph Immanuel Kant war in seinen frühen Arbeiten durchaus abwertend anderen „Rassen" gegenüber. Er beschrieb die „europäische Rasse" als überlegene Rasse, und die „Neger" als „unterlegende Rasse", die „alle stinken" würden. Diese Aussagen widerrief er in seinem Aufsatz „Bestimmung des Begriffs einer Menschenrasse" von 1785 jedoch wieder.

Rassismus ist nicht nur ein globales Phänomen sondern auch sehr anpassungsfähig. Grafik: Meike Maurer

Über den klassischen Rassismus herrscht Unklarheit

Grundlegend geht der Rassismus davon aus, dass es Rassen gibt. Darüber hinaus sind einige dieser Rassen „schlechter" als andere. Dies gibt übergeordneten, europäischen Rasse das Recht zu herrschen. Vom historischen Rassismus unterscheidet sich der klassische insofern, als dass die Definition der „Rassen" Völkergruppen mit einbezieht, die in der bisherigen Unterteilung nicht berücksichtigt wurden.

Auf Basis dieser Aussagen werden „niedere" Rassen, seien es schwarze oder Sinti und Roma, abgewertet, indem ihnen negative Charaktermerkmale zugeschrieben werden.

Der Nationalsozialismus verwendet und verändert also Begriffe der Aufklärung. Die Diskriminierung der Juden allerdings ist durch die Rassenlehre kaum erklärbar, da Juden eine religiöse Gruppe sind und sogar die mit der größten Vielfalt was ihre Angehörigen angeht.

"Rassismus ohne Rassen"

Durch den Fortschritt in der Wissenschaft ist die Rassenlehre inzwischen eindeutig widerlegt. Der Rassismus muss sich also den neuen Gegebenheiten anpassen. Er konzentriert sich nun auf kulturelle Unterschiede anstatt biologischer. Diese Form des Rassismus, wird auch Neo-Rassismus oder „Rassismus ohne Rassen" genannt. Die Parolen der Neo-Rassisten plädieren auf Unvereinbarkeit der Kulturen anstatt Überlegenheit der eigenen Rasse. Sie fordern den Erhalt der kulturellen Identitäten, wobei sie ihre eigene Identität als bedroht ansehen. Es wird die „Pflicht zur Differenz" gefordert, statt „Ausländer raus". Dadurch hat der neue Rassismus ehemalig „linke" Begriffe mit neuer Bedeutung versehen. Er versteckt sich hinter einem Mantel der „kulturellen Differenzierung".

Umfrage bei Studenten über die Bedeutung von „Rassismus"

Diya hat Stuttgarter Studenten zum Thema Rassismus befragt.

Die Gefahr besteht nun darin, dass man durch mangelndes Wissen den Neo-Rassismus unterstützt. Denn obwohl dieser zwar von Kulturen statt Rassen redet, redet er keineswegs von „schlechteren" Kulturen, wie man es vielleicht erwarten würde. Stattdessen betont er die Unterschiede verschiedener Kulturen und deren Diversität, um so eine „Vermischung der Identitäten" anzuprangern. Gerade Vertreter der Multikultur laufen Gefahr ungewollt die Unterscheidung zwischen der „eigenen" und der „fremden" Kultur zu zementieren, so der Politikwissenschaftler Jost Müller.

Die Bedeutung des Wortes in verschiedenen Ländern

Deutschland- Rassismus: äußerliche Merkmale werden aufgewertet, in Bezug auf die eigene Rasse überhöht, und in Bezug auf andere Rassen abgewertet; das Überlegenheitsgefühl wird gefördert. bpb

Frankreich - Racisme: Ideologie basierend auf der Annahme, dass manche „Rassen" besser seien als andere. Sie wird immer von denen bestärkt, die sich einer „besseren Rasse" angehörig fühlen.

USA - Racism : Vorurteile, Diskriminierung oder Feindseligkeit gegenüber jemandem der einer anderen "Rasse” angehört. Basierend auf dem Glauben, dass die eigene „Rasse" überlegen sei.

Der Neo-Rassismus hat sich an die Post-Nazi-Gesellschaft angepasst. Grafik: Meike Maurer

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