Spätaussiedler in Deutschland

Das Leben mit zwei Heimaten

26.06.2015

Manche sehen sie als Ausländer, manche sehen sie als Deutsche. Viele von ihnen haben einen Akzent, besitzen jedoch deutsche Wurzeln. Viele Spätaussiedler haben sich in Deutschland so gut eingelebt, dass man sich ihrer weitgefächerten Geschichte mitunter nicht bewusst ist. Was haben also Helene Fischer, Miroslav Klose und Hertha Müller gemeinsam?

Landsmannschaften

Die Heimatvertriebenenverbände von Aussiedlern bezeichnen sich selber als Landsmannschaften. Hier organisieren sich die verschiedenen Regionen der Aussiedler, um ihre ehemaligen Traditionen aufrechtzuhalten, sich auszutauschen oder gemeinsame Projekte zu verwirklichen. Eine Übersicht dieser Verbände finden Sie auf der Website des Bundes der Vertriebenen in Deutschland.

Abgesehen von ihrer medialen Präsenz, haben diese drei Prominenten eine ähnliche Geschichte. Sie sind drei von mehr als viereinhalb Millionen Spätaussiedlern in Deutschland. Ihre Vorfahren stammen aus Deutschland, was sich unter anderem an ihren Nachnamen bemerkbar macht. Ihre Geschichte reicht von den östlichsten Regionen Europas bis nach Polen oder Tschechien. „Russlanddeutsche" oder „Donauschwaben" sind Beispiele für ihre Bezeichnung in Deutschland. Und sogar in diesen Begriffen wird ein Problem der Aussiedlung deutlich, denn Heimatland und Zufluchtsland prägen die Kultur und den Charakter der Spätaussiedler.

Zusammenhalt durch Geschichte

Mittlerweile sind die meisten Spätaussiedler nach Deutschland gezogen, um ein neues Leben zu beginnen. Besonders nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zwischen 1989 und 1990 kam eine große Welle an Aussiedlern aus dem Osten Europas und den Randgebieten Asiens nach Deutschland. Diese Generationen der deutschen Minderheiten verteilten sich oftmals in bestimmte Ballungsgebiete, sodass in manchen Regionen mehr deutschstämmige Bewohner als Einheimische lebten. Eine dieser Regionen war zum Beispiel das Banat im Westen Rumäniens, wo in den 1930er Jahren etwa 237.000 Deutsche lebten. „Es gab Dörfer mit einer Mehrheit an Deutschen, aber auch Dörfer mit einer Mehrheit Rumänen. Die Spätaussiedler wurden immer als Angehörige der deutschen Minderheit, also als Ausländer, gesehen", schildert Stefanie Dolvig vom Bundesvorstand der Landsmannschaft der Banater Schwaben in Deutschland.

Innerhalb dieser Landsmannschaften organisieren sich die Spätaussiedler einer bestimmten Region in Landes- und Kreisverbänden, um auch in Deutschland ihre Bräuche und Traditionen beizubehalten. „Selbst die in Deutschland geborenen Generationen beteiligen sich aktiv an diesen Bräuchen, zum Beispiel in Jugendtanzgruppen.", so Stefanie Dolvig. Dank regelmäßigen traditionellen Veranstaltungen können ehemalige Banater Schwaben zusammenkommen und sich über die gemeinsame Zeit austauschen. Zudem erscheint zweimal im Monat die „Banater Post", „die über alle wichtigen Themen der Banater, sei es Geschichte oder aktuelles Geschehen, berichtet."

„Die Heimat existiert nicht mehr so, wie sie einst war"

Jede Landsmannschaft gliedert sich auf ihre eigene Weise, denn die gemeinsame Geschichte hält zusammen und verbindet. So leben ehemalige Nachbarn kilometerweit voneinander entfernt, doch die „Erinnerung an die alte Zeit ist geprägt an schöne Momente. Seine Heimat zu verlassen, ist für niemanden leicht. Aber ein Großteil der Banater Schwaben ist sicherlich froh über die Entscheidung, Rumänien zu verlassen.", beschreibt Stefanie Dolvig, die selber ihre Wurzeln in einem kleinen Dorf im Banat hat.

Um den Aussiedlern die Integration in Deutschland zu vereinfachen, bietet die Caritas Migrationsberatungsstellen für Erwachsene an. Spätaussiedler, aber auch andere Immigranten und Flüchtlinge, bekommen Beratungen zu Amtsgängen, Anerkennung der alten schulischen Ausbildung und generelle Unterstützung bei Alltagsfragen. „Im Vergleich zu anderen Ausländern haben Spätaussiedler wenige Probleme bei der Integration. Aber auch hier gibt es Menschen, die sich in Deutschland nicht so leicht zurecht finden.", berichtet Walter Nieckert, Helfer bei einer Beratungsstelle der Caritas. Abgesehen davon unterscheiden sich auch die Deutschkenntnisse der Aussiedler, zumal nicht jeder die Möglichkeit hatte, auf eine deutsche Schule zu gehen. „Die Sprachkenntnisse unterscheiden sich vom Herkunftsland, da die deutsche Kultur nicht immer toleriert wurde. Die Rumäniendeutschen hatten viel Glück, da sie – im Vergleich mit Russlanddeutschen – relativ offen ihre Tradition und Sprache ausleben konnten", sagt Nieckert weiter.

Spätaussiedler unterscheiden sich also nicht nur von anderen Ausländern, sondern haben auch viele unterschiedliche Herkunftsländer und Geschichten. Wirklich „Deutsch" sind sie trotzdem nicht. Die Zeit der Aussiedlung aus Deutschland und die Rückkehr nach Deutschland hat Spuren hinterlassen. Das neue Leben in Deutschland hat viele Freunde und Verwandte weit verstreut. Die Erinnerung an die gemeinsame Zeit und an die gemeinsamen Wurzeln verbindet sie, egal ob Russlanddeutsche oder Donauschwaben.

Es gibt also viele verschieden Gruppen von Spätaussiedlern. Aber wo kommen Sie genau her? Und wo leben sie heute?

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Über den Autor

Alexander Pillo

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2014/2015