Sadomasochismus

Das lustvolle Spiel mit der Macht

01.07.2016

Fesselspiele, Handschellen und Rohrstöcke: Seit dem Erfolg des Bestsellers „Fifty Shades of Grey“ ist Sadomasochismus für fast jeden ein Begriff. Ich traf drei Menschen, die offen mit ihrer Vorliebe zu BDSM umgehen. Sie sprachen über Vertrauen, Vorurteile und was hinter all den Klischees steckt.

Eine Reise in die Welt des BDSM. | Bild: Geraldine Nirschl

Da stehe ich nun. Mein erster Blick geht zu dem frisch überzogenen Bett. Die rotgoldenen Tapeten und die dunkle Holzwand machen das Zimmer gemütlich. Mein Blick wandert weiter von dem Regal mit Sexspielzeug zu dem großen braunen Käfig. Von der Decke hängt ein Seil mit einem ledernen Armband. An einer schwarzen Holzleiste befinden sich Klammern, Handschellen und Peitschen.

„Gehen wir in Zimmer 3", fordert mich Michael, der Besitzer der Arachne SM-Appartements, auf. Er führt mich durch alle sechs Zimmer, die sich vom Stil und dem Equipment stark unterscheiden. Michael erklärt, wie er dazu gekommen ist. Anfangs sei es noch eine Nebentätigkeit gewesen, die aus Interesse entstand. Irgendwann jedoch gab es so viel Zuspruch, dass er seinen alten Job kündigte und sich allein auf die SM-Appartements und den Shop konzentrierte.

Bild: Geraldine Nirschl via Canva

Für Michael gehört BDSM inzwischen zum Alltag. Auch Lisa*, Bondage- und SM-Coach der Stuttgarter BDSM-Manufaktur, sowie der Sozialpädagogen Lukas*, teilen diese Leidenschaft. Doch wo beginnen außergewöhnliche Vorlieben? Coach Lisa ist der Meinung, dass in jedem Menschen etwas schlummert, das man in eine BDSM-Schublade stecken könnte. Bei vielen erscheint jedoch bei dem Begriff ein rotes Lämpchen im Kopf.

Was für Vorurteile gibt es auf Stuttgarts Shopping Meile?

BDSM (Bondage, Discipline, Dominance, Submission, Sadism und Masochism) ist allerdings mehr, als nur eine spezielle Form der Sexualität. Es geht darum, in verschiedene Rollen zu schlüpfen. Im Mittelpunkt steht das Machtgefälle zwischen den Sexualpartnern, welches von beiden Seiten bewusst gewollt ist. Die Rollenverteilung wird klar geregelt. Der sogenannte submissive Part gibt sich dem Machtspiel hin und befolgt die Regeln des dominanten Partners. Als Gegenpool genießt der Dominante es, Macht über seinen Partner auszuüben. Neben diesen beiden Parts gibt es außerdem den sogenannten Switcher. Dieser wechselt und lebt seine dominante und submissive Neigung wahlweise aus.

Bild: Geraldine Nirschl via Canva

Welche Rolle die Beteiligten ausleben, ist geschlechtsunabhängig. Überhaupt zu erkennen, dass jemand BDSM anziehend findet, ist meist ein fließender Prozess.

Wie entsteht diese? Schriftsteller Karl May spielte bei Michaels Entwicklung eine wichtige Rolle.

Stuttgarter Sozialpädagoge Lukas ist nun seit mehr als 20 Jahren in der Szene aktiv. „Für mich ist Sexualität inzwischen ein Teil meiner Persönlichkeit, für den ich mich nicht schämen muss." Bekannte von ihm reagieren offen, Details bespricht er mit ihnen trotzdem nicht. Aber ist das bei Blümchensex anders? Der offene Umgang war jedoch beim Entdecken seiner Vorliebe von Zweifeln begleitet. Bei ihm fand die Entwicklung gegen Ende seiner Pubertät statt. „Gerade als junger Mensch in der Selbstfindungsphase stellt man sich oft die Frage: Bin ich normal? Da ist die Hürde groß, gegen den Strom zu schwimmen. Wir sind einfach noch nicht so weit, dass SM in der Gesellschaft akzeptiert wird."

Coach Lisa verliebte sich erstmals mit 19 Jahren in einen sexuell dominanten Mann. „Ich habe mich von dieser Art der Sexualität magisch angezogen gefühlt. Es war so aufregend und unglaublich lustvoll." Auch sie hatte mit einer „moralischen Schere zu kämpfen": „Meine gesamte Vorstellung von gesellschaftlichen Normen wurde durch meine eigene Lust immer wieder auf den Kopf gestellt. Das war oft ein Wechselbad der Gefühle von Verlangen zu Scham und wieder zurück."

Inzwischen gibt es viel mehr Möglichkeiten, sich beispielsweise durch Stammtische und Onlineforen auszutauschen und zu vernetzen. Hierbei kann man nicht nur potenzielle Partner finden, sondern auch Freunde. Appartement-Besitzer Michael schätzt den Anteil von bekennenden SM‘lern allerdings höchstens auf 10 Prozent der Bevölkerung.

Michael hat hierzu eine klare Meinung.

Bild: Geraldine Nirschl via Canva

Wie bei allen Beziehungen sind auch bei BDSM Vertrauen und Kommunikation wichtige Faktoren, gerade weil Schmerzen und Macht im Spiel sind. „Bei BDSM spielen das gemeinsame Erkennen und die Kommunikation von Lust und persönlichen Grenzen eine große Rolle", sagt Coach Lisa. Sozialpädagoge Lukas betont: „Jeder Mensch macht mal Fehler. Auch bei einer SM-Session. Ich muss mir aber sicher sein, dass meine Partnerin sich traut, «Stopp» oder «Nein» zu sagen." Die Machtverhältnisse sollten im Voraus geklärt sein. Gerade nach einem Spiel muss Raum sein, den anderen mit der sogenannten Nachsorge durch zärtlichen Körperkontakt aufzufangen.

Vielen Außenstehenden ist diese zärtliche Seite des BDSM jedoch unbekannt. Spätestens beim Erotikbestseller Fifty Shades of Grey wird klar, dass in der Öffentlichkeit viele Vorurteile existieren. Dieser handelt von der Beziehung zwischen der naiven Studentin Anastasia und dem Milliardär Christian, welcher sie in die Tiefen des BDSM verführt. Die wahre Welt des Sadomasochismus sieht ganz anders aus. „Der komplette Roman besteht aus Vorurteilen", sagt Lukas. „Er hat nichts, rein gar nichts, mit der Realität zu tun."

Ein romantisch, idealisierender Roman mit wenig Wahrheitsbezug. So urteilt die SM-Szene über den Bestseller. „Alle wichtigen Elemente für eine SM-Beziehung sind nicht enthalten", erklärt Lukas. „Es fehlt an Vertrauen und klaren Regeln, mit welchen beide Parteien einverstanden sind. Würde ich mich so verhalten, würde das einer Misshandlung gleichkommen!"

Bild: Geraldine Nirschl via Canva

„Natürlich kommt erschwerend hinzu, dass die mediale Aufbereitung von BDSM sehr oft ein schwarz-weiß Schema zeichnet", sagt Coach Lisa. „Diese Darstellung eignet sich hervorragend dazu, in reißerischer Form monströse Gewaltdarstellungen und pornografische Elemente miteinander zu verbinden, um damit die eigenen Umsatzzahlen zu erhöhen." Haben Journalisten jedoch nicht die Aufgabe, wahrheitsgetreu zu berichten und neuen Materien mit Offenheit zu begegnen? Sollten nicht gerade Medien Vorurteile ausräumen und Themen kritisch gegenüberstehen?

Die Menschen, denen ich begegnet bin, sind anders, wie viele sie sich vielleicht vorstellen: Es sind offene, einfühlsame und rücksichtsvolle Menschen. Sie haben mir ihre Seite der Geschichte erzählt. Sich geöffnet. Über Lust und Vertrauen gesprochen. Mit der mitschwingenden Angst, dass die Medien sie verdrehen. Mal wieder.

Möglichkeiten für Interessierte aus Stuttgart
Appartements: www.sm-stuttgart.de
Shop: www.shop-arachne.de
Seminare: www.bdsm-manufaktur.de
Stammtisch: www.sm-stammtisch-stuttgart.de

*Name von der Redaktion geändert.

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Über die Autoren

Geraldine Nirschl

Crossmedia Redaktion / Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/2016

Malin Zeuchner

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