Religiöse Symbole an Schulen

Das Neutrum Lehrer

11.05.2015

Zwölf Jahre herrschte Uneinigkeit über die Präsenz religiöser Symbole an deutschen Schulen. Neun davon waren „religiöse Bekundungen“ für Lehrer verboten. Die Neutralität sollte gewahrt werden. Doch gibt es dabei einen Unterschied zwischen Kopftuch und Nonnentracht? Zwei Lehrerinnen berichten von ihrem Alltag, den Reaktionen der Schüler und ihrer Auffassung von Neutralität.

Sihem Zidi und Schwester Maria Angela. Zwei Lehrerinnen. Zwei Schleier. Eine Gesetzgebung. Die Praxis sieht allerdings anders aus. Für die mit Kopftuch unterrichtende Sihem Zidi konnte der Berufswunsch Lehrerin nur an einer privaten Schule in Erfüllung gehen. Schwester Maria Angela durfte durch eine Ausnahmeregelung weiter in ihrem Nonnengewand an einer staatlichen Schule unterrichten. Beide tragen den Schleier aus freiem Entschluss. Kann man also noch von einer Gesetzgebung auf der Grundlage der Neutralität sprechen, wenn das Eine pauschal verboten und das Andere als christliche Tradition entschuldigt wird? Das Verfassungsgericht rudert bei dieser Frage zurück. Das grundsätzliche Verbot von religiösen Symbolen im Unterricht wurde entkräftet. Die Auslegung liegt jetzt bei den Ländern. Beide Lehrerinnen bewerten das als eine positive Entwicklung. Zwei Gespräche mit vielen Fragen und noch mehr vergleichbaren Erfahrungen.

Warum haben Sie sich dazu entschlossen das Kopftuch/ das Nonnengewand zu tragen?

Sihem Zidi: „Ich trage Kopftuch seit 2007, da war ich im dritten Semester meines Lehramt Studiums. Bei mir war es die Suche nach dem Sinn und Sein des Lebens. Meine Eltern sind zwar Muslime, aber Religion hat bei uns zuhause keine große Rolle gespielt. Durch die mediale Darstellung der Muslime habe ich angefangen mich selber damit zu beschäftigen und zu lesen. Schritt für Schritt kam dann die Überzeugung diesem göttlichen Gebot, wie ich es sehe, nachzugehen und Kopftuch zu tragen. Für mich ist das eine Form des Gottesdienstes. Es erinnert mich täglich daran, dass ich mich entschieden habe, Muslima zu sein."

Schwester Maria Angela: „Ich komme aus einer christlich geprägten Familie. Gut, in der Jugend macht man dann alle möglichen Phasen durch, das ist klar. Ich habe mich dann aber ganz bewusst wieder für den Glauben entschieden. Auch dadurch, dass ich das Studium gewählt und als Hauptfach Religion hatte. Mein Gewand und der Schleier stehen für meinen Entschluss Ordensschwester zu sein, in einem Kloster zu leben und dafür auch Zeugnis abzulegen."

Welche Reaktionen erleben Sie, wenn Sie das erste Mal in eine neue Klasse kommen?

Sihem Zidi: „Schüler reagieren da ganz normal, da kommt einfach eine Lehrerin. Ich habe nie empfunden, dass es da eine besondere Reaktion gibt, nur weil ich ein Kopftuch trage. Jüngere Schüler haben nie direkt nach dem Tuch gefragt, aber wenn man sich länger kennt, dann sagen sie mal „Oh, heute haben sie ein schönes Tuch an", oder einmal wurde ich zum Beispiel nach der Haarfarbe gefragt."

Schwester Maria Angela: „Am Anfang steht für die Kinder erst mal der Schulalltag, da ist alles so aufregend, dass sie vollkommen darauf konzentriert sind. An unserer Schule sind sehr viele verschiedene Konfessionen vertreten. Es gibt evangelische, jüdische, muslimische Kinder, Zeugen Jehovas und auch viele ungetaufte Kinder. Meistens geht das dann ein paar Wochen, dann kommen auch die Fragen. „Warum trägst du immer dasselbe?", „Hast du auch Haare?", „Hast du auch Ohren?" Ich versuche diese Fragen dann auch immer zu beantworten und erzähle recht viel über den Klosteralltag. Kinder erkennen aber auch Gemeinsamkeiten zu ihrer eigenen Religion zum Beispiel die Gebetszeiten im Islam und im Christentum und diesen Austausch „Was haben wir, was gibt es dort" finde ich toll."

Wie beeinflussen Sie die Schüler durch Ihr äußerliches Auftreten und ihren Glauben?

Sihem Zidi: „Beeinflussen würde ich so nicht sagen. Ich behandle gerne Themen wie Stereotype, vielleicht aus eigenen Erfahrungen, aber das ist auch Thema im Bildungsplan. Vielleicht kann ich das dann noch aus einer anderen Perspektive mit den Schülern betrachten aber ansonsten hat man seinen Bildungsplan und muss bestimmte Themen behandeln und hat keine Zeit für andere Dinge."

Schwester Maria Angela: „Ich denke schon, dass es die Kinder – beeinflusst ist vielleicht zu viel gesagt - aber ich denke und hoffe, dass sie einen positiven Zugang zu Ordensleuten bekommen. Wenn sie ansonsten Ordensmenschen treffen, soll es nichts von einer anderen Welt sein, sondern respektiert werden. Ansonsten unterrichte ich Deutsch und Mathematik genau wie alle anderen. Ich halte mich dabei an den Lehrplan."

Wie haben sie das Urteil zum Verbot von religiösen Symbolen in Baden-Württemberg erlebt?

Sihem Zidi: „Ich konnte es überhaupt nicht verstehen. Vor allem in Deutschland. Wenn man überlegt, wie viele Grundrechte man einer Frau dadurch nimmt. Man legt ihr ein Berufsverbot auf, man nimmt ihr das Recht auf Selbstbestimmung, man nimmt ihr das Recht auf Religionsfreiheit. Das war von Anfang an diskriminierend. Ich glaube nicht, dass man eine Gefahr am Äußeren festmachen kann. Man hat beim Kopftuch immer so das Gefühl, entweder sie ist unterdrückt oder sie ist fanatisch. Das sind dann so die typischen zwei Optionen. Dass sich jemand aus freiem Willen dazu entscheidet, ist irgendwie gar keine so richtige Option für viele Menschen."

Schwester Maria Angela: „Als es aufkam ging es dann ja auch um die jüdische Kippa oder das christliche Kreuz. Deswegen hat das Kopftuchverbot uns natürlich sehr betroffen gemacht, da wir gesagt haben wir wollen so an unserer Schule unterrichten und sehen es auch so, dass es auch anderen Religionen gewährt werden müsste. Also uns wäre es wesentlich lieber gewesen, wenn man es für alle zulässt. Natürlich vor dem Hintergrund, dass es sich um eine freie Entscheidung handelt."

Wie könnte Neutralität in der Schule aussehen?

Sihem Zidi: „Neutralität gegenüber den Schülern kann und muss man von jedem Lehrer erwarten. Also niemanden bevorzugen, niemanden benachteiligen. Das lässt sich aber nicht am Äußeren des Lehrers festmachen. Einen neutralen Lehrer gibt es so eigentlich nicht. Ich wusste zum Beispiel immer welche politische Einstellung mein Lehrer hat, was er in seiner Freizeit macht. Was für mich neutral ist, wäre wenn wir beispielsweise den urstrengen Katholiken auf der einen Seite hätten, dann den Juden, die Muslima, den Atheisten, den Agnostiker, den Öko. Sprich, man hat eine Reihe von Menschen und wenn man nichts davon abschneidet, so zu sagen die Vielfalt unserer Gesellschaft in der Schule präsent ist, dann ist Schule neutral.

Schwester Maria Angela: „Faszinierend finde ich zum Beispiel eine Drei-Religionen Grundschule, wo alle zusammen leben und die Kinder gemeinsam die verschiedenen Glaubensrichtungen kennen lernen können. Das gemeinsame Suchen und das verbindende Suchen finde ich hier ganz wichtig. Wenn ein Schüler diese Ausrichtung nicht möchte, sollte er die Möglichkeit haben an eine andere Schule zu gehen."

Straßenumfrage - Religiöse Symbole im Unterricht

Ein Meinungsbild

Beschluss des Bundesverfassungsgericht vom 27. Januar 2015

„Mit heute veröffentlichtem Beschluss hat der Erste Senat des Bundesverfassungsgerichts entschieden, dass ein pauschales Verbot religiöser Bekundungen in öffentlichen Schulen durch das äußere Erscheinungsbild von Pädagoginnen und Pädagogen mit deren Glaubens- und Bekenntnisfreiheit (Art. 4 Abs. 1 und 2 GG) nicht vereinbar ist."

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Über den Autor

Kim Lucia Ruoff

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2014/2014