Medizin 2.0

Das Potenzial digitaler Healthcare

03.12.2015

Die Welt ist digital. In vielen Branchen wurden bestehende Prozesse durch Online-Angebote ersetzt. Die SMS weicht Whatsapp, der charmante Buchladen von nebenan dem Versandriesen Amazon. Das Stichwort: Optimierung. Immer einfacher, schneller, günstiger muss es sein. Momentan ist diese schleichende Substitution in der Gesundheitsindustrie angekommen.

Während das in den USA schon deutlich spürbar ist, greifen hierzulande fast alle Ärzte noch zum klassischen Klemmbrett statt zum Tablet. Im Silicon Valley, dem digitalen Nabel der Welt, wachsen vermehrt Healthcare (engl. für Gesundheitssystem) Startups heran. Deutschland hinkt hinterher. Hier steht man den technischen Entwicklungen in der Gesundheitsbranche eher konservativ gegenüber. Eine Haltung, die dem Markt nicht mehr gerecht wird und großes Potential verschenkt.

Einfachheit für den Verbraucher

Die Kommunikation mit Ärzten, das Vereinbaren von Terminen, die Verwaltung von Rezepten und das Besorgen von Medikamenten. Wie das Bestellen von Essen sollen auch diese Prozesse in Zukunft mit wenigen Tipps und Klicks erledigt sein. Ein Trend, der sich auch in der Erwartungshaltung der Menschen hierzulande wiederspiegelt. Laut einer Studie der Strategieberatungsgesellschaft McKinsey erwarten drei Viertel der Deutschen, dass sie zukünftig digitale Services zu Gesundheitszwecken nutzen werden. Viele tun das schon heute, ohne es unmittelbar zu bemerken. Dazu zählen Fitness Apps, die zur Bewegung anregen, Smartwatches, die Schritte und Kalorien zählen und die digitale Korrespondenz mit dem Hausarzt.

Denkt man das Konzept der Datenerfassung und -übermittlung weiter, ergeben sich Chancen für Patienten mit geistigen Behinderungen oder psychischen Erkrankungen. Gerade hier ist es für behandelnde Ärzte in vielen Fällen schwer, die Medikation und ihre Wirkung nachzuvollziehen, da die Patienten selbst oft keine valide Auskunft darüber geben können. Die Folge sind lange und teure Krankenhausaufenthalte, die zur Überwachung nötig sind. Ersetzt man das durch ein System, das die Daten über das Internet an den behandelnden Arzt übermittelt, können die Patienten zu Hause behandelt werden und sparen Kosten und Umstände.

Wichtig dabei ist, dass durch die Digitalisierung keine Verkomplizierung der Prozesse erfolgt. Patienten brauchen keine innovativen Features sondern funktionierende Abläufe für Menschen aller Generationen. In der Altersgruppe 50+ ist der Wunsch nach digitalen Systemen in gleichem Maße präsent wie bei jüngeren Patienten.

Optimierung für Ärzte und Wissenschaftler

Fast überall auf der Welt haben Krankenhäuser mit Kosten- und Zeitdruck zu kämpfen. Immer mehr Patienten müssen zu immer geringeren Kosten versorgt werden. Das „Smarter Hospital" besitzt ein digital integriertes System, bei dem alle gesammelten Patientendaten auf einem zentralen Server zusammenlaufen. Durch individuell vergebene Trackingcodes werden die Daten aus verschiedenen Untersuchungen den jeweiligen Patienten zugeordnet und können über ein Krankenhaus-Intranet vom behandelnden Arzt jederzeit und von überall eingesehen werden. Das erhöht die Übersichtlichkeit bei der parallelen Betreuung vieler Patienten und vereinfacht zum Beispiel die Kommunikation zwischen Ärzten und Schwestern oder unterschiedlicher Abteilungen des Krankenhauses.

Auch für die Wissenschaft ergeben sich Chancen in vernetzter Medizin. Das im Silicon Valley ansässige Unternehmen Proteus hat einen Mikrochip entwickelt, der sich in Pillen einarbeiten lässt und bei der Einnahme bis auf einen winzigen, ungefährlichen Silikon-Rest komplett zersetzt wird. Dieser Chip zeigt an, wann Medikamente verdaut werden, also wann ihre Wirkstoffe freigesetzt werden. Er kommuniziert mit einem Sensor am Körper, der zusätzlich verschiedene Körperwerte misst, die er schließlich an eine App weitergibt. So kann in Echtzeit nachverfolgt werden wann ein Wirkstoff Auswirkungen auf das System hat und wie genau diese aussehen. Ein Vorgang, der Medikamententests enorm präzisiert und ebenfalls einen Mehrwert für Patienten bietet, die nicht in der Lage sind eine Auskunft über ihre körperliche Verfassung zu geben.

Kostenersparnis für den Markt

Die Vereinigten Staaten geben jedes Jahr 18 % ihres Bruttoinlandsprodukts für das Gesundheitswesen aus. Laut Analysten von Goldman Sachs könnte die digitale Revolutionierung der Gesundheitsindustrie den USA bis zu 300 Milliarden Dollar im Jahr einsparen. Das entspricht den Gesamtausgaben der Bundesrepublik Deutschland für Gesundheit im Jahr 2013. Da diese Ersparnisse vor allem aus dem Wegfall von redundanten und kostenintensiven Ausgaben bei der Betreuung von Patienten mit chronischen Krankheiten resultieren, könnten auch andere Länder in diesem Bereich von einer Digitalisierung profitieren.

Die digitale Gesundheitsindustrie in Zahlen (Quelle: statista; Graphik: Felix Schwarz)

Wir müssen jetzt schnell sein. Schwung in ein Gesundheitssystem bringen, das aufgrund seiner Trägheit nicht mit den technischen Entwicklungen mithalten kann, was zu Lasten der Patienten fällt. Momentan ist es wichtig verfügbare Gelder vor allem in den Aufbau einer digitalen Infrastruktur in Arztpraxen und Krankenhäusern zu investieren. Digitale Systeme sollten der breiten Masse an Ärzten und Forschern verfügbar gemacht werden. Dadurch können auf großem Feld die oben beschriebenen Potenziale genutzt werden, um Kosten zu sparen und Prozesse zu vereinfachen. Das kommt nicht nur den betroffenen Anwendern, sondern auch dem Staatshaushalt zu Gute.

Total votes: 277
 

Über den Autor

Felix Schwarz

Medienwirtschaft (Bachelor)
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2012