Integration durch Berufstätigkeit

Das Puzzleteil zur Integration

21.07.2015

Was gehört alles zu einer gelungenen Integration? Neben der deutschen Sprache oder der Anerkennung des Grundgesetzes spielt Berufstätigkeit eine große Rolle. Maryna Adamovich wagte mit 33 Jahren einen Neuanfang: Sie begann eine Ausbildung – und fand dadurch ein weiteres Teil des Integrationspuzzles.

Maryna an ihrem neuen Arbeitsplatz - einem kleinen Cupcake-Café in Weißenhorn. Fotos: Lena Biberacher Plattform: thinglink.com

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Maryna streift eine rote Haarsträhne hinter ihr Ohr, verschränkt die Arme vor der Brust und strahlt voller Energie in die Kamera. Der Verschluss der Kamera schließt und öffnet sich wieder. Dieser Schuss zeigt alles, was die gebürtige Weißrussin charakterisiert: Temperament, Lebenslust und Ehrgeiz.

Die 35-Jährige kam vor zehn Jahren nach Deutschland und wollte als Au-pair ihre Sprachkenntnisse verbessern und gleichzeitig Geld verdienen. In Weißrussland hatte sie fünf Jahre Fremdsprachenlehrerin für Englisch und Deutsch studiert. Ihr gefiel Deutschland und sie wollte bleiben. Damit ihr Diplom in Deutschland anerkannt worden wäre, hätte sie nochmal zwei Jahre studieren müssen, doch dazu fehlte das Geld. „Natürlich war ich in diesem Moment verletzt, aber ich wusste, ich bin in einem neuen Land mit neuen Regeln. Ich muss mich anpassen", erzählt die Auszubildende. Eines war für sie von vornherein klar: Man muss sich selbst um einen Job bemühen, nicht warten, bis man Hilfe vom Staat angeboten bekommt. Sie wollte auf eigenen Beinen stehen, ihren Teil zur Gesellschaft beitragen und war sich weder für Minijobs noch fürs Putzen zu schade. Auch wenn die Studierte dafür überqualifiziert ist. „Minijobs bekommt man relativ leicht, aber für mehr reicht es nicht. Du hast niemanden, der dich in eine Firma reinboxt." Nach Weißrussland zurückzugehen, kam für Maryna nicht in Frage. Trotz den beruflichen Schwierigkeiten hat sie sich von Anfang an in Deutschland wohl gefühlt.

 

Alles auf Null – ein Neuanfang

Der 16. April 2013 – das ist nicht nur Marynas 33. Geburtstag, sondern auch ihr erster Arbeitstag in einem kleinen Cupcake-Café in Weißenhorn. Damals wusste sie noch nicht, dass hier ein Neuanfang für sie beginnen würde. Chefin Christiane Weise spürte gleich, dass sie in die besondere Atmosphäre des liebevoll eingerichteten Cafés passt und ermutigte die damals 33-Jährige zu einer Ausbildung zur Fachkraft im Gastgewerbe.

Doch wie fühlt man sich in der Berufsschule zwischen nur knapp Volljährigen? „Sie finden mich ziemlich cool, von daher fühle ich mich auch wohl". Ein herzliches Lachen hallt durch das Café. Auch wenn Maryna anscheinend alles locker meistert, der erste Block der Schule ließ auch ihre Selbstsicherheit schwinden. Selbstzweifel entstanden, wie sie neue Fächer wie Sozialkunde oder Wirtschaft nur schaffen soll. Was ihr dann half? Ein „Hey, come on baby!" mit russischem Akzent, imitiert von ihrer Chefin. In Marynas Augen zeigen sich Dankbarkeit und Stolz. Aufgeben? „Auf keinen Fall! Meine Ausbildung gibt mir Sicherheit, ich stelle mich den Herausforderungen und kann auch in unangenehmen Situationen Augenkontakt halten und souverän bleiben." Auch wenn der Ausbildungsgehalt nicht enorm ist – sie ist glücklich in ihrem Beruf und schaut dabei auf ihre Füße – ihre ersten Chucks, die sie sich zu ihrem 35. Geburtstag letzte Woche geleistet hat.

 

Berufstätigkeit als Teil der Integration

Wenn alles glatt geht, wird Maryna im Sommer ihre Ausbildung erfolgreich abschließen: „Ich bin glücklich. Ich bin hierhergekommen und ich habe mich voll integriert." Wer mit Maryna einen Nachmittag verbringt, kann sich gut vorstellen, wie sie die Zuneigung der Kunden gewinnt. Sie lacht viel, auch gerne über sich selbst und überrascht immer wieder mit lässigen Sprüchen. Die gebürtige Weißrussin steht zu ihrem markanten Akzent und steckt jeden mit ihrer offenen Art und dem Temperament an. Auf die Frage, ob Deutschland sie verändert habe, muss sie selbst einen kurzen Moment überlegen. „Jein", sagt sie und erklärt: "Pünktlichkeit oder Pflichtbewusstsein sind mir wichtiger geworden, aber im Herzen bleibe ich immer dieselbe."

Auch wenn sich Maryna in der Gesellschaft schon immer wohl fühlte, die Ausbildung führte zu Akzeptanz in der Berufswelt und war vielleicht das letzte fehlende Puzzleteil zur vollständigen Integration. Ein Tipp für alle, die in Deutschland arbeiten dürfen und noch am Anfang stehen? „Es ist alles Einstellungssache! Und mir scheint die Sonne aus dem Hintern!" Wieder ein Spruch, bei dem man nur schmunzeln kann.

 

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Über den Autor

Lena Biberacher

Crossmedia-Redaktion/ Public-Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2014/2015