Spacesharing

Das Recht auf Stadt

27.01.2016

Spätestens seit Stuttgart 21 ist klar, dass die Bürger mehr und mehr das Bedürfnis nach Mitspracherecht bei der Stadtentwicklung haben. Was in Stuttgart fehlt ist eine Gesamtbetrachtung der Stadtplanung. Eine Anlaufstelle für all diejenigen, die sich engagieren wollen, wäre ein Schritt in die richtige Richtung. Über zwei Architekturstudenten und ihren Visionen von gemeinsamem Raum.

Der Stuttgarter Kessel ist dicht bebaut und von Verkehr durchflutet – Freiflächen sind Mangelware. Kulturelle und kreative Räume müssen deshalb oft den profitorientierten Bauplänen von Investoren weichen, die sich mit der Stadt kaum identifizieren. Gleichzeitig sprießen immer mehr Aktionen aus dem Boden, die dieser Entwicklung entgegenwirken wollen. Sie setzen sich ein für eine nachhaltige Stadtentwicklung. Initiativen wie „die Anstifter", „Contain’t", „Critical Mass", „Lotte" oder „El Palito" sind nur einige Projekte, die in diesem Zusammenhang genannt werden können.

Bewusstsein schaffen

Hanna Noller und Sebastian Klawiter studieren Architektur an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Sie fühlen sich einer Generation zugehörig, die infolge der gegenwärtigen politischen und wirtschaftlichen Spannungen unsere Lebensweise hinterfragt und Zweifel kundtut. „Das Zitat ‚Architecture is the space between people’ beschreibt ziemlich genau das, worauf wir den Fokus in der Architektur legen wollen. Uns geht es darum, den Raum zwischen den Menschen zu gestalten und nicht eine hohle Hülle zu schaffen", stellt Hanna fest. Im Zuge ihrer Masterarbeit setzen sich Hanna und Sebastian intensiv mit dem Thema „Spacesharing" auseinander.

Sebastian Klawiter und Hanna Noller sind Architekturstudenten der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Quelle: Maren Wiesner

Was die beiden mit ihrer Arbeit auf die Beine stellen wollen, ist in erster Linie ein neues Bewusstsein zu schaffen. Für gemeinsamen Raum und wie wir mit ihm umgehen. Es gäbe so viele Konzepte für eine nachhaltige Stadtentwicklung, die zunächst einmal sichtbar gemacht werden müssten, so Sebastian. „Die meisten Ideen gehen eher unter in einer Stadt, in der so viel passiert. Da fallen kleine Initiativen, die nach außen nicht so eine immense Wirkung haben kaum auf." Es müsse die Möglichkeit geben, dass man sich wieder leichter einbringen kann. Ohne in eine Partei einzutreten oder einen Antrag beim Gemeinderat zu stellen. Ihr Wunsch sei, dass man es schaffe über Plattformen und Diskussionsrunden wieder Themen zu diskutieren und zu gestalten, fügt Hanna hinzu.

Stadtlücken

In ihrem theoretischen Teil der Masterthesis haben sie sich die Frage gestellt „Was ist Raum und wie nutzen wir ihn?" Herausgekommen sind dabei vier Magazine und die Entdeckung sogenannter „Stadtlücken". Durch die Idee zeitlicher Lücken bei der Raumnutzung kamen sie darauf, dass es im Stadtsystem auch andere Lücken geben kann. „Für uns sind das Angriffspunkte in der Struktur der Stadt. Diese Orte sind entweder untergenutzt, übernutzt, vergessen oder verwahrlost. Wir sehen dort die Möglichkeit, dass der Bürger wieder Initiative ergreifen kann", definiert Sebastian den Begriff.

Hanna und Sebastian haben die verschiedenen Stadtlücken in Stuttgart verortet. Quelle: Hanna Noller und Sebastian Klawiter, Quelle: Maren Wiesner

Die Stadtlücken setzen sich aus fünf potenziellen Lücken zusammen: Baulücken, Zeitlücken, sozialen Lücken, rechtlichen Lücken und Wissenslücken. Zeitlücken seien etwa Räume, die zwischen 16 und 18 Uhr leer stünden. Bei sozialen Lücken handele es sich um öffentliche Räume, die untergenutzt sind oder von der Öffentlichkeit nicht beachtet werden. Diese müssten wieder in das Bewusstsein der Bürger gebracht werden. „Der Marktplatz in Stuttgart ist für uns zum Beispiel eine soziale Lücke. Das sollte eigentlich der Platz der Bürger sein, doch er funktioniert nicht als sozialer Treffpunkt", erläutert Hanna. Wissenslücken sind Geschichten, die essenziell seien, um die Identität der Stadt verstehen zu können. Rechtliche Lücken sind Unstimmigkeiten im Rechtssystem, also beispielsweise Dinge, die nicht ausdrücklich verboten sind.

Die Stadt mit einfachen Mitteln aufwerten

Um auf die Probe zu stellen, wie man urbanen Räumen mit wenig Aufwand neue Attraktivität verleihen kann, haben Hanna und Sebastian selber Initiative ergriffen. So fand kurzerhand eine Schlauchbootfahrt auf dem Feuersee und auf dem See vor der Stuttgarter Oper statt. „Das war etwas, was wir immer schon mal machen wollten – mit dem Schlauchboot auf dem Opern-See fahren. Denn es gibt so gut wie keine Wasserflächen in Stuttgart, die zugänglich sind", erzählt Sebastian. „Somit waren das für uns Stadtlücken, die durch einen Schlauchboot-Verleih schon eine ganz neue Attraktivität haben könnten."

Eine weitere Aktion war das Befestigen einer Schaukel auf dem Stuttgarter Marktplatz. Wenn nicht gerade Wochen- oder Weihnachtsmarkt stattfinden, ist dieser trotz seiner Lage im Herzen der Stadt wie leer gefegt. Im Nachhinein haben sie gesehen, dass Freunde von Freunden in sozialen Netzwerken Bilder von sich auf der Schaukel gepostet haben. „An diesem Platz ist wieder etwas passiert. Mit solchen denkbar einfachen Mitteln kann man Menschen zusammenbringen", bemerkt Hanna. Diese Aktionen seien für sie eine Art Test im kleinsten Maßstab gewesen, um auszuprobieren, was man mit so einer Stadtlücke anfangen könne.

Schaukeln auf dem ansonsten fast ungenutzten Stuttgarter Marktplatz. Quelle: Hanna Noller

Platz für gesellschaftliches Miteinander

Gemeinschaftliche Plätze sind derzeit auf dem Rückzug. Sie werden zunehmend privatisiert, womit einhergeht, dass sie häufig überteuert und nicht zugänglich sind. „Es gibt kaum noch einen Platz, an dem man einfach nur dasitzen kann. Ohne das Gefühl zu haben etwas kaufen zu müssen", so Sebastian. Einstige Plätze in Stuttgart mussten bereits dem scheinbar wertvollerem Wohnraum oder dem Verkehr weichen. „Wenn man sich überlegt, dass der Großteil der Bevölkerung in 50 Jahren in Städten leben wird, ist es essenziell öffentliche Räume zu haben", fährt er fort. Man müsse bedenken, dass die Städte immer dichter und größer werden. Da brauche es gemeinsame Plätze, um sich mit anderen Menschen austauschen zu können – und zwar abseits von Facebook und Co.

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Verortung von ausgewählten Plätzen in Stuttgart samt ihren Merkmalen. Quelle: Maren Wiesner

Rechte zurückerobern

Die Stadt gehört auch ihren Bürgern. Das Recht der Mitbestimmung sollte also in der Natur der Sache liegen, findet Hanna. „Unsere Generation kommt gar nicht mehr auf die Idee, dass sie das Recht haben könnte. Dieses Bewusstsein wollen wir erst wieder schaffen. So von wegen ‚Schau dich mal um, das ist deine Stadt, du wohnst hier, also kümmere dich gefälligst darum.’ Und dieses Recht haben wir, man muss es nur wieder zurückfordern."

Hanna und Sebastian wollen in Form eines Blogs ein Netzwerk schaffen und damit Zusammenhänge in der Stadtplanung Stuttgarts sichtbar machen. Für einzelne Stadtlücken sollen exemplarische Nutzungsmöglichkeiten entstehen. In erster Linie soll aber ein (Denk-) Prozess ins Rollen gebracht werden.

Öffentliche und private Plätze im Vergleich (klicken für weitere Infos)

Vergleich von öffentlichen und privaten Plätzen anhand des Marienplatzes und des Milaneo-Vorplatzes in Stuttgart. Quelle: Maren Wiesner

Spacesharing

Der Begriff kommt vom Englischen „to share" und bedeutet einen Raum gemeinsam zu nutzen. Denkt man den Grundsatz weiter, so gelangt man zu den „commons", der Gemeingüterökonomie. Diese basiert auf Teilen, Kollaboration und Offenheit. Ziel ist eine gerechte Gesellschaft, an der alle teilhaben können.

Reallabor Spacesharing

Das Reallabor Spacesharing ist ein Projekt der Staatlichen Akademie der bildenden Künste, das sich mit der Nutzungsintensivierung von Bestandsgebäuden befasst. Dazu werden Konzepte entwickelt und umgesetzt, die eine Mehrfachnutzung im urbanen Raum ermöglichen sollen. Das Projekt wird vom Lande Baden-Württemberg durch das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst gefördert.

Weitere Informationen

Stadtlücken Website

Stadtlücken auf Facebook

Reallabor Spacesharing

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Über den Autor

Maren Wiesner

Medienwirtschaft (Bachelor)
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2012