Die Neuen deutschen Medienmacher

Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!

21.07.2015

Gibt es einen Unterschied zwischen türkisch oder türkeistämmig? Sagt man Zuwanderer oder Einwanderer? Pauschale Zuschreibungen zeichnen Bilder in den Medien, die oftmals falsch sind. Die Neuen deutschen Medienmacher setzen sich für eine differenzierte Berichterstattung ein. Durch Formulierungshilfen von Journalisten für Journalisten.

Der „Türke Murat B." – Eine Zeile wie man sie in deutschen Zeitungen oft lesen kann. Doch etwas daran ist falsch. Der „Türke Murat B." ist eigentlich gar kein Türke. In Deutschland geboren, aufgewachsen und heimisch, besitzt er einen deutschen Pass. In Redaktionen fällt daraufhin häufig der Satz: „Das war ja nicht so gemeint".

Keine Absicht oder fehlendes Sachwissen? Das Handwerkszeug der Journalisten, die Sprache, wird teilweise noch zu wenig als solches betrachtet. Differenzierung und eine treffende Wortwahl stellen für die Neuen deutschen Medienmacher (NdM) allerdings das Fundament für eine qualitativ hochwertige Berichterstattung. Mit ihrem Glossar „Formulierungshilfen für die Berichterstattung im Einwanderungsland" wollen sie mehr Bewusstsein für Sprachbilder schaffen. Unterteilt in die Themenbereiche Migration, Islam, Asyl, Kriminalitätsberichterstattung und „Wer sind wir – wer sind die anderen" werden die korrekten wissenschaftlichen Bedeutungen verschiedener Begriffe aufgeführt.

Fremd gemacht

„Fremdenfeindlichkeit" ist beispielsweise kein freundlicheres Wort für Rassismus. Es beschreibt etwas grundlegend anderes. Wenn ein Schweizer Bürger von einem Deutschen beschimpft wird, einfach weil er Ausländer ist – nämlich Schweizer-, dann handelt es sich um Ausländerfeindlichkeit. Wenn hingegen schwarze Deutsche aufgrund ihrer Hautfarbe von weißen Deutschen beleidigt werden, handelt es sich um Rassismus. Eine deutlicher Unterschied, der in vielen Redaktionen allerdings noch als kleinkarierte Erbsenzählerei abgetan wird. Die Bezeichnung „Fremdenfeindlichkeit" macht die Betroffenen dagegen erst zu Fremden im eigenen Land. Dabei wird die Sicht des Täters widergegeben anstatt seine Tat richtig einzuordnen. Vor allem in der Kriminalitätsberichterstattung werden häufig noch Vorurteile und Stereotypen bedient.

Deutschkriminalität sagt niemand

Die „Ausländerkriminalität" wird häufig als Zusammenfassung von Straftaten genutzt, die von vermeintlichen „Ausländern" begangen wurden. Ein Beispiel aus der „Nordwestzeitung" liest sich bezeichnend als Beispiel für fehlende Hinterfragung von Relevanz.

Zwei Straftaten, verhandelt am selben Tag am selben Gericht, werden von der Redaktion zusammengefasst: »Im ersten Fall war ein 40-jähriger Türke der versuchten räuberischen Erpressung für schuldig befunden worden. […] In der zweiten Verhandlung war ein 50-jähriger Delmenhorster der räuberischen Erpressung angeklagt« (»50-Jähriger bedroht Einzelhändler mit Flaschenhals. Schöffengericht verhandelt zwei Fälle von räuberischer Erpressung« 2012).

Beide Männer kommen aus Delmenhorst. Trotzdem wird der 40-Jährige als Türke bezeichnet, ohne dass es einen nennenswerten Grund für die Benennung der Herkunft gibt. Die Aufmerksamkeit wird allerdings zwangsläufig auf die Nationalität gelenkt. Dadurch wird der Eindruck erweckt als spiele sie eine Rolle zur Nachvollziehbarkeit der Tat.

Unterschiede manifestieren?

Neben diesen Hinweisen auf fragwürdige Begrifflichkeiten liefert das Netzwerk von Medienmachern auch neue Formulierungen. „Turco-Deutsch" statt „Deutsch-Türke" oder „Greco-Deutsch" als Alternative für „Deutsch-Griechen". Für eine Zuhörerin bei der Vorstellung der Initiative in Stuttgart zu viel. „Ehrlich gesagt kann ich mich mit diesen Begriffen überhaupt nicht identifizieren. Ich würde mich selbst nie so bezeichnen." Ihrer Meinung nach führen die neuen Termini dazu, dass unterschiedliche Rollen zementiert würden. Das noch mehr Kategorien entstünden, wo eigentlich keine sein sollten.

Konstantina Vassiolou-Enz, Geschäftsführerin der NdM stimmt ihr bei dieser Problematik zu. „Natürlich wäre es uns lieber wenn man unsere Initiative so gar nicht benötigen würden, aber solange es diese Unterschiede in unserer Gesellschaft noch gibt, sollten wir wenigstens dafür sorgen, dass wir Bezeichnungen selbst lenken können und dadurch keine Vorurteile oder Stereotypen entwickelt werden." Dabei solle es keinesfalls um „political correctness", Gutmenschentum oder Vorschriften gehen. Das Ziel sei es, qualitativ gut Berichterstattung zu fördern. Dazu gehöre, Relevanz zu hinterfragen und differenziert zu berichten.

Vielfalt in den Medien auf einen Blick.

Glossar der Neuen deutschen Medienmacher

Formulierungshilfen für die Berichterstattung

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Über den Autor

Kim Lucia Ruoff

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2014/2014