Anonyme Online-Hilfe

Deine starke Schulter im Netz

30.05.2017

Jeder kennt diese Situation: Probleme treten auf, über die man nur ungern mit der Familie oder den Freunden spricht, geschweige denn auf professionelle Hilfe zurückgreift. Bei diesen Problemen hilft das Sorgen-Tagebuch, ein ehrenamtlicher Verein. Egal, ob es um den Ex-Freund oder eine schwerwiegende Krankheit geht – online, anonym, kostenlos.

Das Sorgen-Tagebuch: Vertrauensvolle und hilfreiche Antworten in schwierigen Lebenssituationen |Foto: Nina Büchs

Mit ihrer sozialen Plattform haben sich Daniel Kemen, Elisabeth Rohde und Simon Gehri das Ziel gesetzt, die Welt ein bisschen freier von Sorgen und Problemen zu machen. Das Projekt ist im Mai 2015 durch ein persönliches Gespräch der Drei entstanden: „Was macht man denn eigentlich, wenn eine missliche Lage oder ein Problem vorliegt? Was ist, wenn einem der Mut zu einem persönlichen Gespräch fehlt?", fragt sich Daniel. Durch diese Fragen kam ihnen die Idee eines klassischen Tagebuchs, nur mit einer kleinen, aber charakteristischen Extrafunktion: „Es sollte ein Tagebuch sein, das antworten kann", meint er und damit ging die erste Testversion vor knapp zwei Jahren auch online. Nach ersten positiven Reaktionen in den sozialen Netzwerken, merkten die Initiatoren schnell, dass die Idee gut ankommt. Sie arbeiteten das Konzept aus und zogen Fachkräfte, wie Psychologen und Psychotherapeuten, hinzu. Heute besteht der Verein aus knapp 60 ehrenamtlichen Mitarbeitern und hat seinen Sitz in Bad Krozingen, im südlichen Schwarzwald.

Das Prinzip des Sorgen-Tagebuchs ist denkbar einfach. Der User meldet sich an und schreibt seinen ersten Eintrag. Nach wenigen Stunden erhält er eine persönliche und hilfreiche Antwort. Ein Fallbeispiel zeigt auch ein kleines Erklärvideo.

Wie funktioniert eigentlich das Sorgen-Tagebuch? Wir erklären es Euch mit einem kurzen Video. |Video: Nina Büchs und Maximilian Wöhr

Jedes Thema wird behandelt

Die Themen der Tagebucheinträge reichen dabei von Missbrauchs- und Todesfällen, bis hin zu Alltagsproblemen, wie Beziehungsfragen oder Stress in der Schule. Jedoch soll der Rat der Mitarbeiter keinen Besuch beim Psychologen oder Therapeuten ersetzen. Vielmehr ist das Sorgen-Tagebuch als offenes Ohr zu betrachten, wenn man niemanden hat, an den man sich wenden kann oder möchte. „Wir weisen immer darauf hin, dass die Leute sich vor Ort professionelle Hilfe suchen sollen und müssen", so Daniel. Der Stuttgarter Psychotherapeut Dr. Boris Wandruszka sieht das Sorgen–Tagebuch ebenfalls aus einem positiven Blickwinkel. Professionelle Hilfe darf seiner Meinung aber nicht zu kurz kommen.

Der Stuttgarter Psychotherapeut Dr. Boris Wandruszka schätzt die Arbeit des Sorgen-Tagebuchs ein und berät, wann fachliche Hilfe aufgesucht werden muss. |Quelle: Nina Büchs und Maximilian Wöhr

Emotionale Bindung zum User kann schwierig sein

Nach der Arbeit den Laptop zuzuklappen und abzuschalten, fällt vielen Mitarbeitern des Sorgen–Tagebuchs jedoch schwer. Durch die starke Bindung und Empathie zu der anonymen Person und deren Problem, haben die Sorgen des Users oftmals auch Auswirkungen auf das eigene Privatleben. Deshalb liegt es Daniel sehr am Herzen, mit allen Neueinsteigern persönliche Beratungsgespräche zu führen. „Die Arbeit ist natürlich emotional belastend, aber man kann lernen, damit umzugehen und im Endeffekt funktioniert unsere Vorgehensweise so sehr gut", meint Daniel. Aus seiner Erfahrung weiß er: „Wenn das Abschalten nicht klappt, ist es schwierig, für sein Gegenüber eine echte Hilfe zu sein."

2017 hat sich das Sorgen–Tagebuch zu einem sehr erfolgreichen Projekt entwickelt. Durchschnittlich ist Daniel täglich drei Stunden neben dem Studium damit beschäftigt. Wo bleibt dabei die Zeit für sich selbst? „Wenn ich eine halbe Stunde meiner Freizeit für eine Antwort investiere, helfe ich damit einem Menschen vielleicht sogar auf lange Sicht. Was ist dagegen schon eine halbe Stunde? Das gibt einem einfach ein gutes Gefühl." Auch künftig ist der Verein mit Infoständen bei Messen dabei und freut sich über Geldspenden, denn eine starke Schulter wollen Daniel und seine ehrenamtlichen Mitarbeiter des Sorgen-Tagebuchs auch weiterhin sein – online, anonym und kostenlos.

Total votes: 24
 

Über die Autoren

Maximilian Wöhr

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2016/2017

Nina Büchs

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 16/17