Einsatz für Flüchtlinge

Den Helfern zurück ins Leben helfen

06.07.2017

Auf Rettungsbooten vor der europäischen Küste erleben Ehrenamtliche oft belastende Ereignisse. Bilder von toten, im Meer treibenden Flüchtlingen brennen sich schnell für immer in das Gedächtnis der Helfer ein. Damit die Erlebnisse keine Narben in der Psyche hinterlassen, betreut die „Bundesvereinigung Stressbearbeitung nach belastenden Ereignissen“ (SbE) die Helfer bei ihren Einsätzen ehrenamtlich.

Oft reicht die Kapazität der Rettungsboote von Organisationen wie Jugend Rettet für so viele Flüchtlinge nicht aus. Deshalb müssen diese zeitweise auf Rettungsinseln untergebracht werden. |Fotos: Jugend Rettet e. V.

Es ist Ostern. Bei vielen Familien toben die Kinder durch den Garten, suchen eifrig Osternester hinter Büschen oder unter der Sandkastenplane. Nicht so Kai Kaltegärtner. Statt mit seiner Familie die Feiertage zu genießen, liegt er mit der Iuventa vor der Küste Maltas. Er verbringt dort jedoch nicht wie andere seinen Urlaub bei Sonnenschein an Sandstränden. Stattdessen hält er vom Boot aus mit seiner 16-köpfigen Crew vom Verein „Jugend Rettet" Ausschau nach Flüchtlingsbooten in Seenot. Es ist sein dritter Einsatz. Nur wenige größere Einheiten von anderen Rettungsmissionen sind über die Feiertage auf dem Meer unterwegs.
Der Freitag läuft für die Crew normal ab. Mittags retten die Helfer der Iuventa einige Flüchtlinge von ihren Booten, abends geben sie diese an größere Schiffe weiter. Die wiederum bringen die Flüchtlinge dann zum italienischen Festland. Am frühen Samstagmorgen geraten immer mehr Boote mit Flüchtlingen an Bord in Seenot. Frauen, Männer und Kinder bangen auf den überfüllten Booten um ihr Leben. Die Rettung zieht sich bis in die Nacht. Es nähert sich ein Holzboot. Menschen drängen sich darauf, es droht unterzugehen. Die Menschen springen ins Wasser, schwimmen zur Iuventa, um dort an Bord zu kommen. Das Rettungsschiff muss mehr Flüchtlinge aufnehmen, als es Platz bietet. Schlechtes Wetter zieht auf. Die Lage spitzt sich zu.

Die Flüchtlingshelfer können nicht jeden retten. Manchmal bergen sie auch Tote. Diese werden dann in Leichensäcken von der Iuventa auf kleinere Boote verladen. Die Helfer müssen diese Situationen nicht alleine verarbeiten. Die SbE Bundesvereinigung hilft ihnen dabei. | Foto: Anthony Jean, Jugend Rettet e. V.

Bilder von Tod und Leid

Kai musste an diesen Tagen mehrere Notrufe absetzen. Erst Ostermontag kamen dem Rettungsboot von Jugend Rettet ein Offshore-Versorger und ein Tankschiff zu Hilfe. Die beiden nahmen dem kleineren Rettungsschiff die Flüchtlinge ab. Obwohl die Rettungsmission noch ein paar weitere Tage laufen sollte, kehrte die Iuventa nach Malta zurück. „Das setzt mich sehr unter Druck, unter Anspannung", sagt der Flüchtlingshelfer über die Situation vor Ort. Doch das ist nicht alles. Die Flüchtlingshelfer werden während ihrer Arbeit oft mit Leid und Tod konfrontiert. Auf dem Boot muss er mit unfassbaren Bildern umgehen. Auf seiner ersten Mission bekam eine schwangere Frau Wehen, nachdem auf dem Schiff eine Massenpanik ausgebrochen war. Sie verlor noch vor Ort ihr Kind.

Jonas Helbig betreut Flüchtlingshelfer bei ihrem Einsatz.|Audio: Isabel Mayer und Eileen Breuer

Bundesvereinigung Stressbearbeitung nach belastenden Ereignissen
Seit 1996 unterstützt die SbE Bundesvereinigung Menschen, die sich für andere einsetzen und im Zuge dessen mit schwierigen Situationen konfrontiert werden. Das unterscheidet sie von Organisationen wie der Notfallseelsorge. Die SbE wendet sich mit ihrer Arbeit an zwei Gruppen: Die Ehrenamtlichen helfen zum einen Einsatzkräften von Feuerwehr, Polizei und Co., zum anderen aber auch Flüchtlingshelfern. So werden zum Beispiel Mitglieder von Jugend Rettet nach ihren Einsätzen in Malta betreut.

Ein Verein hilft den Helfern

Die SbE hilft den Ehrenamtlichen dabei, mit solchen Situationen umzugehen und sie zu verarbeiten. Das Angebot des Vereins richtet sich an Helfer, die anderen in Notfällen beistehen. Jonas Helbig ist ehrenamtlicher Mitarbeiter der SbE. Er betreut die Flüchtlingshelfer vor, während und nach deren Einsätzen auf Malta oder Lampedusa. Er war selbst schon zwei Mal auf Malta, um Schiffsbesatzungen zu betreuen, die während ihrem Einsatz bis vor die lybische Küste fahren. Mit auf einem Rettungsboot war er jedoch noch nie. „Ich wäre ja dann mit einer der Betroffenen und hätte die gleichen Eindrücke wie die Helfer gehabt", sagt Helbig. Dadurch hätte er keine Hilfe mehr sein können.

Der Geruch von Schweiß, Benzin, Urin und Blut

Er hilft den Flüchtlingshelfern in Gruppen- oder Einzelgesprächen. Dabei achtet er erst mal nicht so sehr auf die Sprache. Die Körpersprache sage für ihn viel mehr aus. „Wir sind Körper, Leib und Seele. Normalerweise haben wir ein einheitliches Wahrnehmungsbild. Wenn man aber ein sehr belastendes Erlebnis hinter sich hat, dann kann das Sehen, Hören und Spüren gleichsam auseinanderdriften", sagt Helbig. Besonders gefährlich: Der Tunnelblick. Er weist die Helfer daraufhin hin, aufmerksam zu sein. Sie sollen solche Symptome nicht nur an sich, sondern auch an anderen Crewmitgliedern erkennen. Wichtig sei es dann, sich Zeit für die Verarbeitung zu nehmen und sich nicht ins Leben zu stürzen. „Jeder von uns hat schon belastende Erfahrungen hinter sich und hat sie überlebt. Dieses Potenzial möchte ich gerne anzapfen", sagt Helbig. Wenn ihm zum Beispiel jemand erzählt, er bekomme den Geruch von Urin, Benzin, Schweiß und Blut nicht mehr aus dem Kopf, kontert er mit einer Gegenkraft. „Die ist in den Helfern drinnen: Nämlich der tolle Geschmack eines Pfirsichs, den ich am Strand esse", sagt er.

Der Hilfeprozess durch die SbE Bundesvereinigung umfasst mehrere Schritte. Erfahre vom SbE-Vorsitzenden Oliver Gengenbach mehr darüber, indem du mit der Maus über das Bild fährst. |Grafik: Isabel Mayer und Eileen Breuer via Piktochart und Thinglink

„Der Glaube ist dabei für mich wie ein tragender Horizont: Wie eine Sonne, die dem Ganzen Licht gibt." Jonas Helbig

Manchmal belastet die Arbeit auch den ehemaligen Pfarrer Jonas Helbig. Neben seiner Tätigkeit bei der SbE ist er ehrenamtlich Notfallseelsorger. In dieser Funktion war er beim Amoklauf in Winnenden vor Ort. Besonders belastend sind für ihn Situationen, in denen er nicht helfen kann: „Wenn da Eltern sitzen und es kommen immer wieder ein paar Kinder an. Aber die Eltern merken, ihr Sohn kommt nicht. Und dann kommt die Botschaft, dass er tot ist." In solchen Momenten sei auch er hilflos. „Da irgendeinen Spruch zu bringen ist absurd, da bist du auch ausgeliefert", sagt er. Ein Faktor sei aber entscheidend: Dass das Leid, das man sieht, nicht das eigene ist. Der Notfallseelsorger sagt sich dann selbst: „Das, was du gerade durchmachst, ist schlimm und schrecklich. Aber es ist nicht mein Leid, was ich durchmache."

Flüchtlingshelfer Kai ist froh über die professionelle Hilfe durch die SbE. Ihm hilft es, im Team über Möglichkeiten der Verarbeitung von belastenden Ereignissen zu sprechen: „Sich aktiv damit auseinanderzusetzen, welche Werkzeuge einem in sich selbst gegeben sind und wie man anderen helfen kann, das hilft mir. Zu schauen, welche Reaktionen nach belastenden Ereignissen normal sind und worauf man achten soll."

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Über die Autoren

Eileen Breuer

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 16/17

Isabel Mayer

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 16/17