Senioren und Medien

Der Anschluss an die digitale Welt

29.12.2016

Die Generation unserer Großeltern ist aufgewachsen in einer analogen Welt. Kassetten, Plattenspieler und Drehscheibentelefone gaben den Ton dieser Zeit an. Ältere Menschen müssen sich nun zunehmend den Herausforderungen moderner Technologien stellen, um in der digitalen Lebenswelt Schritt halten zu können.

Immer mehr Senioren entdecken die Welt der digitalen Medien. | Quelle: Alina Hoppe

Es gibt sie noch - Momente frei von digitalen Einflüssen. Dazu gehört der Kaffeebesuch bei Oma. Anstatt nur über den digitalen Wandel zu reden, nehmen wir ihn in die Hand – in Form von alten Fotos. Oma Hedy und die Mehrheit der Senioren lebt noch offline – ganz bewusst. Vielen geht diese Entwicklung zu schnell. Sie fühlen sich vom modernen Alltag überfordert.

In vielen Lebensbereichen sind neue Technologien gar nicht mehr wegzudenken. Das U-Bahn-Ticket ziehen wir schon längst am Automaten. Unsere Einkäufe und Geschäfte erledigen wir im Internet und sind dabei nahezu uneingeschränkt mobil. Die Digitalisierung unserer Gesellschaft schreitet mit schnellen Schritten voran und stellt vor allem ältere Menschen vor Herausforderungen. Über Jahrzehnte erlernte Wege der Kommunikation verändern sich und werden in den nächsten Jahren komplett digitalisiert sein. Wer diesen Weg nicht mitgeht, wird aus bestimmten Teilen der Gesellschaft ausgeschlossen.

Oma Hedy blättert durch ein Fotoalbum ihrer Jugend und ist froh um dieses handfeste Stück Vergangenheit. Quelle: Alina Hoppe

Das ist nicht ihre Zeit

Kann man die Welt denn noch verstehen, ohne das alles zu kennen? Viele ältere Menschen haben wortwörtlich den Anschluss verloren und große Berührungsängste mit der virtuellen Welt. „Ach, das ist nichts mehr für mich", sagt Oma Hedy mit ihren 82 Jahren. Mit dieser Meinung ist sie nicht allein. Viele fragen sich: Wozu sollte ich mich damit jetzt noch beschäftigen?

„Ich komme aus einer anderen Generation. Ich bin damit nicht aufgewachsen."

Damals trafen sich Freunde im Café, nicht bei Facebook. Unsere Großeltern suchten die Nummern im Telefonbuch und setzten sich mit dem Telefonhörer neben den Apparat. „Heutzutage ist das ganz anders. Jeder starrt in sein Display", stellt Oma Hedy resigniert fest. Junge Menschen, die durch die Fußgängerzone laufen und dabei nicht den Blick von ihrem Smartphone lassen können, machen ihr Angst. Sie sagt: „Manchmal denke ich, es ist vielleicht nicht so gut, dass sich alles so schnell ändert."

Neue Medien gehören einfach nicht zu Omas Lebenswelt. Grund dafür ist die Annahme, dass sie das alles nicht brauchen würde. Dabei können die neuen Medien gerade für ältere Menschen ein großer Gewinn sein. Online-Banking, E-Mails und Apps können ihnen per Mausklick das Leben erleichtern. Wie unvorstellbar es auch klingt: Oma Hedy ist heute nur über das Telefon und die Hausklingel erreichbar.

Digital unterwegs

Auf der anderen Seite gibt es aber auch viele Senioren, die mitten im Geschehen sind und im Internet chatten, sich über Plattformen austauschen und sich informieren. Laut einer repräsentativen Studie von Bitcom wagt fast jeder zweite über 60-Jährige den Einstieg in die digitale Welt. Oftmals fehlt den Senioren zu Beginn das technische Grundverständnis. Genau an dieser Stelle können Bildungsprogramme wie der treffpunkt 50plus in Stuttgart anknüpfen. Dort findet einmal im Monat der Videokreis statt, organisiert von Ernst Schroth und Dieter Widmer. Es ist ein offener Ort der Begegnung, welcher sowohl von Mitgliedern als auch von Gästen im fortgeschrittenen Alter regelmäßig besucht wird.

Es ist Mittwoch 10 Uhr und zwanzig rüstige Rentner, alle um die 70, haben sich im Projektor-Raum versammelt. Auf dem Tisch vor ihnen liegt ihr Smartphone, ein Notizblock und ein Stift. Sie sind im modernen Leben angekommen. Gemeinsam wollen sie ihre selbst gedrehten Urlaubsvideos anschauen, bewerten und verbessern.

Laut den Organisatoren Ernst Schroth und Dieter Widmer verfügen die meisten Teilnehmer bereits über gewisse technische Vorkenntnisse in den Neuen Medien, insbesondere im Videobereich. Dennoch sei der Austausch untereinander immer hilfreich, um Probleme zu lösen und Fragen zu klären. Schließlich will jeder mit den Neuerungen Schritt halten. Die Beweggründe der Teilnehmer sind dabei ganz verschieden.

Statements der Teilnehmer | Alina Hoppe via Thinglink | Fahre mit der Maus über das Bild, um mehr zu erfahren.

Während Oma noch das klassische Fotoalbum bevorzugt, denken die Teilnehmer des Videokreises einen Schritt weiter. Bilder mit Fotoecken einzukleben ist für sie längst veraltet. Der Film als neues Medium sei ein ganz anderes Ausdruckmittel, um Erinnerungen festzuhalten. „Viel lebendiger", findet Teilnehmer Jerg Gutbrod. Man habe viel mehr gestalterische Möglichkeiten.

„Mit dem Film werden vergangene Tage noch einmal lebendig."

Obwohl Smart Devices bereits fest im Alltag der Teilnehmer etabliert sind, betonen sie die großen Vorzüge an den traditionellen Medien. Zeitung müsse nach wie vor rascheln, wenn man sie liest. Da sind sich alle drei einig.

Videokreis des treffpunkt 50plus

Mut für Neues

Die Scheu anderer Senioren können sie nur bedingt nachvollziehen. Tagtäglich fühlen Sie sich auf die Medien angewiesen. In gewisser Weise sogar abhängig. Allein um informiert zu bleiben und nicht ausgeschlossen zu werden. Wolfang Röckle sieht vor allem beim linearen Fernsehen ein Problem. Bei Nachrichtensendungen wie der Tagesschau, erscheint am Ende immer der Hinweis: „Alles Weitere finden Sie im Netz unter…" Seiner Meinung nach werden Menschen, die sich bisher nicht mit dem Internet identifiziert haben, auf diese Weise diskriminiert.

Gerade deswegen ist es wichtig, dass auch ältere Menschen einen Zugang zu den Medien finden. Das meint auch Organisator Dieter Widmer. Als älterer Mensch sollte man die gegebenen Möglichkeiten ebenso ausschöpfen. Er sieht das Leben als ständigen Lernprozess an. Warum manche beim Thema Medien skeptisch reagieren, kann er nicht verstehen.

Dieter Widmer vom Videokreis des treffpunkt 50plus spricht über neue Impulse durch digitale Medien.

Technologie hilft und schenkt uns die Möglichkeit, Dinge anders zu denken und zu gestalten. Menschen vernetzen sich, wachsen näher zusammen. Wer sich der Herausforderung also stellt, wird im Alter vieles einfacher und schneller machen können. Entscheidend sind dabei die Bedürfnisse der Senioren. Auch die Frage, ob Medien für sie persönlich überhaupt nützlich sind. Denn obwohl die heutige Technologie vieles erleichtern kann, ist Oma mit dem zufrieden, was sie kennt. Neues ist gut, nur nicht überall, nur nicht immer und nur nicht für jeden.

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Über den Autor

Alina Hoppe

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2016