Interkultureller Garten Aalen

In der Fremde Wurzeln schlagen

12.05.2015

Im interkulturellen Garten in Aalen wächst weitaus mehr als Salat, Tomaten und Gurken. Hier wachsen Freundschaften, Selbstbewusstsein und der Dialog zwischen verschiedenen Kulturen. „Heimat teilen“ lautet das Credo. Als Unkraut hingegen gelten Berührungsängste und Vorurteile.

Der interkulturelle Garten in Aalen liegt etwas versteckt, hinter einem kleinen Hügel. An einem bunt gestalteten Zaun hängen Sprechblasen mit Sprichwörtern aus anderen Ländern und Kulturen. Daneben immer eine weitere Sprechblase – die deutsche Übersetzung. Auch die Landesflaggen der verschiedenen Nationen, die im Garten vertreten sind, machen neugierig. Das Gartentor steht weit offen. Auf dem Weg Richtung Gartenhütte kommt man an kleinen und großen Beeten vorbei, die Familien-Parzellen. Sie gehören Menschen aus den verschiedensten Ländern. Die Türkei, der Iran, der Irak, Polen, Frankreich und sogar China und der Kongo sind vertreten. Aber auch Deutsche sind dabei. Hinter den Beeten liegt eine größere Wiese, der gemeinschaftliche Teil des Gartens. Mittendrin eine Schaukel und eine Rutsche für die Kinder.

Erste Begegnungen

Bienenkästen, Hasenställe und Hühner gibt es im interkulturellen Garten auch zu entdecken. „Die Hühner hat sich Memet aus der Türkei gewünscht", erzählt Christopher Class schmunzelnd, „die Tiere sind in der Türkei auch immer auf seinem heimatlichen Hof umher gerannt." Herr Class ist ein großer schlanker Mann mit weißen Haaren und sehr aufmerksamen Augen. Man schätzt ihn Anfang 60. In Wirklichkeit ist er über 70. Herr Class ist mit seiner Frau Christine Class, treibende Kraft im Garten. Er stellt mir Idris Mahmood vor. Idris ist aus Pakistan, seine dunklen Haare sind an den Schläfen grau und er lacht mit seinen weißen Zähnen und den dunklen Augen. 2006 erfolgte der erste Spatenstich auf dem Grundstück, einer wilden Wiese. Idris war von Anfang an dabei. Nach und nach folgten Zaun, Gartenhütte, Brunnen. Die beiden Männer setzen sich an den Gartentisch. Herr Class zaubert ein paar Kekse auf den Tisch. Zum Mineralwasser gibt es selbst gemachten Holundersirup.

Die eigene Kultur - und stolz darauf

Der Garten und seine Mitglieder haben eine ganz neue Idee der Integration entwickelt. Herr Class erzählt: „Wir sprechen hier nicht ständig von Defiziten. Ich kann keine Kehrwoche, ich kann nicht die deutsche Sprache, ich kann keine Grammatik. Sondern: Ich bin stolz, ich kann was, ich bringe etwas zu Wege." Das Konzept des Gartens also: Über das Gärtnern Selbstbewusstsein schaffen, die eigene Kultur zu schätzen wissen, sich einbringen wollen. Aber auch Verantwortung übernehmen und voneinander lernen.

„Ich hab nie eine Schaufel in der Hand gehabt!"

Auch Idris ist stolz. Stolz darauf, seine eigene Parzelle mit seiner Familie zu haben. Stolz darauf, Gärtner zu sein. Freiwillig ist Idris allerdings nicht nach Deutschland gekommen.

In der Fremde Wurzeln schlagen

Idris ist Ahmadiyya, eine Untergruppe der Muslime. Wegen seiner Religion musste er aus Pakistan flüchten. Aber der interkulturelle Garten in Aalen hat ihm wieder gegeben, was er verloren hat. Ein Stück Heimat.

Do you speak German? Nein, aber Deutsch.

Obwohl die Gartengemeinschaft nicht ständig über die Defizite der Mitglieder redet, werden diese nicht ignoriert. Oft finden Workshops statt. Bildung ist dem Ehepaar Class mindestens so wichtig wie Integration. Besonders bedeutend: Die deutsche Sprache lernen. Ohne Sprache, keine Stimme. Herr Class berichtet, dass sie sich regelmäßig zusammensetzen und sich einfach unterhalten. Es soll selbstverständlich werden, deutsch zu sprechen. Und da alle gleich sind, schwinden die Hemmungen. Idris wirft ein: „Liest man etwas über schwimmen, kann man viele Bücher lesen und kann man denken, okay ich bin jetzt soweit. Aber bis man ins Wasser kommt, weiß man nicht, ob man wirklich schwimmen kann." Idris selbst hat nie einen Sprachkurs besucht.

„Hintergründe haben wir viele..."

Migrationshintergrund. Das Unwort. Das „Du-weißt-schon-was". Herr Class hat da eine Lösung gefunden: „Hintergründe haben wir viele. Aber Erfahrungen, die sind einmalig. Deshalb sage ich gerne: integrationserfahrene Menschen." Nicht nur mit Kulturen und Hintergründen beschäftigt sich der Garten. Auch die Weltreligionen sind Thema. Beim jährlichen Erntedankfest bringen sich alle gleichermaßen ein: Christen, Muslime, Buddhisten, Hinduisten und Juden. Diese Botschaft des Austausches und Verständnisses für andere Glaubensrichtungen soll auch nach außen getragen werden.

Ein Stück Frieden

Einmal im Monat, Samstags, gibt es im interkulturellen Garten ein Backfest. Eine offene Feierlichkeit, denn alle sind herzlich willkommen. Und das ist hier nicht nur eine Floskel. Idris steht hinter dem rauchenden Samowar, er kocht türkischen Tee. Daneben: Typisch deutscher Apfelsaft aus dem Garten. Die meisten Frauen sind am Steinofen beschäftigt, dem ganzen Stolz der Mitglieder. Es wird fleißig Teig ausgerollt, die Stimmung ist ausgelassen. Aalener Bürger und sogar eine Gruppe aus Bayern kommen, stellen Fragen, sind interessiert an dem Projekt und an den Menschen. Niemand fühlt sich hier fremd. Beate Hägele, Kräuterpädagogin, macht eine kleine Führung durch den Garten. Brennesel, Löwenzahn und Guntermann, wer spricht da von Unkraut? Es wird probiert, gerochen, zwischen den Fingern verrieben. Hier im Garten ist schließlich alles Natur. Kein Wunder, dass dem ein oder anderen Besucher herausrutscht: „Dieser Garten. Ein Stück Idylle, ein Stück Frieden."

Alles Natur

Der interkulturelle Garten in Aalen ist mehr als nur ein Garten. Hier wird nicht nur gepflanzt, gehackt und gegossen. Hier kommt man auch zusammen, lacht und feiert miteinander.

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Über den Autor

Lena-Mara Pfaffl

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2014/2015