Stuttgarter Sagen und Legenden

Der Funken Wahrheit

30.06.2016

Geschichten überdauern die Zeit. Sie erinnern uns an Vergangenes, entführen uns in die Welt der Fantasie und erzählen von Liebe, Familie, Freundschaft und Konflikten – Themen, die uns immer bewegt haben. Welche Stuttgarter Sagen und Legenden haben bis heute überlebt? Welche Geister aus vergangenen Epochen wandeln noch durch die Landeshauptstadt? Wir haben die Gruselgestalten in ihren Spukstätten besucht.

Diese Inschrift spielt eine große Rolle in einer der bekanntesten Sagen Stuttgarts. Du findest sie im Stadtteil Stuttgart-Rotenberg auf der Spitze des Württembergs. |Bild: Jannika Quaas

Das Pflaster auf dem Platz ist warm von der Abendsonne. Gelächter hallt über die Dächer der Innenstadt. Hände schlagen durch die Luft, um winzige umherschwirrende Fliegen zu vertreiben. Eine kleine Menschengruppe steht vor einer ganz in schwarz gekleideten Frau. Sie trägt ein weites Cape und stützt sich auf einen Stock.

Eine Gestalt betrachtet unbemerkt die Gruppe. Sie schaut sich verwundert um. So hat sie ihre Heimatstadt nicht in Erinnerung: „Haben diese Frauen tatsächlich Hosen an?" Tauben landen auf den Pflastersteinen und suchen nach etwas Essbarem. „Der Gestank ist weg", stellt Katharina Pawlowna staunend fest. Zwei junge Frauen gehen kichernd an der Gruppe vorbei und deuten auf die Frau mit dem Stock. Katharina sehen und hören sie so wenig wie die anderen Menschen auf dem Marktplatz. Wie sollten sie auch? Sie ist ein Geist aus vergangenen Zeiten und existiert nicht wirklich. Das macht aber nichts. Sagen und Legenden brauchen seit jeher genau eines: Fantasie. Wer kann mit Sicherheit behaupten, dass nicht der eine oder andere Geist bei der Führung der Frau in Schwarz vorbeischaut, um seine eigene Geschichte zu hören?

Wir haben die Tour der Stuttgarter Geister begleitet. Hört selbst.

Die Frau in Schwarz

Mit richtigem Namen heißt die schwarzgekleidete Dame Andrea Schwendele. Sie ist nebenberufliche Geisterführerin bei den „Stuttgarter Geistern". Jede Woche nimmt sie Interessierte mit auf eine Zeitreise durch die Stuttgarter Sagenwelt. Rund 20 potenzielle Geisterjäger haben sich an diesem Freitagabend versammelt. Familien, Ehepaare und Freunde aus Nah und Fern. Während sie sich entspannt unterhalten, hält die Verwirrung bei Katharina an: „Wie bin ich hierhergekommen?" Sie stehen unter der Bronzefigur Stuttgardia an der Ecke Schul- und Hirschstraße am Stuttgarter Rathaus. Als hätten sie darauf gewartet, läuten die Glocken der nahen Stiftskirche. Der sonst so bekannte Laut klingt heute schrill in Katharinas Ohren. Ihr ist kalt.

„Die Stuttgardia wurde 1905 zum Schutz des Rathauses erschaffen. Ihre Arbeitsmoral war wohl zweifelhaft, denn das Rathaus, das sie bewachen sollte, ist im Zweiten Weltkrieg in Schutt und Asche gelegt worden", beginnt die Frau in Schwarz. „Das kann nur ein schlechter Scherz sein. Das muss eine Gauklerin sein, eine Geschichtenerzählerin", denkt Katharina. Die Gruppe geht weiter. Ein Mädchen klammert sich an ein Buch. Katharina kann die Buchstaben nicht entziffern. Die deutsche Sprache und das ungewohnte Alphabet fallen ihr selbst nach all der Zeit noch schwer.

Poltergeist und Aberglauben

Nach knapp hundert Metern bleibt Andrea Schwendele auf dem Marktplatz wieder stehen und deutet hinter sich: „In der Eberhardstraße befand sich lange der Adelberger Hof. Ende des 16. Jahrhunderts lebte dort das Ehepaar Klinger mit ihrem Sohn." Der Sohn habe während einer Reise seinen Herrn, den Herzog, aus einem Fluss gerettet und sei dabei selbst gestorben. „Vater Klinger verlor aus Trauer den Verstand. Eines Nachts ging er verzweifelt auf den Dachboden und erhängte sich, um wieder bei seinem Sohn sein zu können", erzählt Schwendele. Die Bewohner des Hauses beschwerten sich bis ins 19. Jahrhundert über die Anwesenheit eines Geistes. Am schlimmsten sei das ohrenbetäubende Poltern und Heulen gewesen, das jede Nacht vom Dachboden ertönte. „Das ist doch nur Aberglauben", schnaubt Katharina. Die Gruppe passiert weitere Stationen an der Markthalle, auf dem Schillerplatz am Alten Schloss und der Alten Kanzlei. Andrea Schwendele kennt zu jedem Halt die passenden Geschichten.

Möchtest Du weitere Sagen lesen? Du kannst Dich selbst auf die Suche machen. Klicke in der Karte auf den für Dich interessanten Ort. |Grafik Jannika Quaas via Google Maps

Das Heer aus der Hölle

Schließlich landet die Gruppe im Schlossgarten. An diesem Abend ist er gefüllt mit Menschen. Obwohl die gruselige Stimmung bei diesem Lärm nicht richtig aufkommen will, beginnt Schwendele mit ihrer nächsten Geschichte: „Wenn der Wind heulend um die Ecken fegte und grelle Blitze über den Himmel zuckten, so fürchteten die Menschen früher oft: Das Wüetisheer kommt! Wer sich bei ihrem Anblick nicht zu Boden warf, der wurde von den Spießgesellen aus der Hölle mitgerissen oder verfiel dem Wahnsinn."

Die Wilde Jagd: Das Wüetisheer
Der Begriff „Wilde Jagd" stammt vermutlich aus Jacob Grimms Deutscher Mythologie (1835). Die eigentliche Legende ist aber wesentlich älter und als Volkssage in Teilen von ganz Europa verbreitet. Es gibt zahlreiche regionale Abwandlungen. Meistens handelt sie von einer Gruppe übernatürlicher Jäger, die über den Himmel jagen. In Skandinavien ist die Sage als „Odensjakt" („Odins Jagd"), „Oskorei", „Aaskereia" oder „Åsgårdsrei" („der asgardische Zug", „Fahrt nach Asgard") bekannt. In Schwaben heißt es Wüetisheer. Die Wilde Jagd wird in Computerspielen („The Witcher 3: Die Wilde Jagd"), Romanen („City of Heavenly Fire"), und Spielfilmen („Thor") indirekt oder direkt thematisiert.

Die Geisterführerin deutet nach rechts und die Blicke der Besucher richten sich auf das nahe Neue Schloss. Ihre folgende Geschichte ist fast jedem Stuttgarter bekannt.

Das Jahr ohne Sommer
Im Oktober 1816 übernahm Wilhelm I. die Regentschaft des Königreichs Württemberg. Es war jenes Jahr, das als ‚Jahr ohne Sommer‘ in die Geschichtsbücher einging. Kälte, starker Regen und Hagelschlag führten zu Missernten und Hungersnöten. Grund dafür ist ein Vulkanausbruch in Indonesien gewesen. Die klimatischen Folgen reichten bis nach Mitteleuropa und Nordostamerika.

1816 heiratete König Wilhelm I. die russische Großfürstin Katharina Pawlowna. „Die von den Württembergern verehrte Königin schien in ihrer neuen Heimat glücklich zu sein. Obwohl die Ehe mit Wilhelm arrangiert war, mochte sie ihn sehr", erzählt Schwendele. „Da mag die Gauklerin Recht haben. Aber das war bevor ich ihn bei seiner Affäre mit dieser Französin erwischt habe – und dass, obwohl unser zweites Kind gerade erst geboren war", stellt Katharina wütend fest. Natürlich reagiert niemand auf den Geist der Großfürstin.

„Die Liebe höret nimmer auf"

„Obwohl ihn die sonst so stolze Königin anflehte, wollte der König nicht auf seine Liebschaft verzichten", erklärt die Geisterführerin. „Das ist jetzt aber übertrieben – typisch diese Gaukler", findet Katharina. Leicht bekleidet soll sie ihrem Ehemann und seiner Geliebten in das königliche Privatgestüt in Scharnhausen nachgefahren sein. Dabei habe sie sich schwer erkältet. „An den Folgen dieser Erkältung und ihrer früheren Gürtelrose-Erkrankung ist sie am 9. Januar 1819 gestorben", schließt Schwendele. König Wilhelm baute für seine Frau auf dem Gipfel des Württembergs in Stuttgart-Rotenberg ein Mausoleum.

Grabkapelle auf dem Württemberg
König Wilhelm ließ den klassizistischen Bau als ewigen Liebesbeweis für seine verstorbene Frau Königin Katharina von Württemberg erbauen. Architekt der Grabkapelle ist Hofbaumeister Giovanni Battista Salucci. In dem tempelartigen Mausoleum liegt auch König Wilhelm I. selbst und die gemeinsame Tochter Marie Friederike Charlotte von Württemberg begraben. Über dem Haupteingang steht in goldenen Lettern geschrieben: „Die Liebe höret nimmer auf". Heute ist das Mausoleum ein beliebtes Ausflugsziel.

„Ich bin also gestorben. Das erklärt einiges, aber nicht, warum ich noch hier bei diesen seltsamen Leuten bin. Das kann nicht der Himmel sein. Dabei bin ich stets eine gute Christin gewesen. Ein Denkmal also, Wilhelm? Du wolltest wahrscheinlich nur deine Untreue vertuschen", vermutet Katharina. Eine Prise Legende, ein bisschen Aberglauben und ein Löffel generationsübergreifendes Erzählen – schon ist aus Katharinas Realität eine Sage geworden, die sich die Menschen in Stuttgart bis heute erzählen.

Sie hätte aber auch folgendes sagen können: „Ich bin zwar tot, aber anscheinend kennen die Menschen meine Geschichte. Vielleicht bin ich deshalb noch hier, weil mich genau das lebendig macht: Der Funken Wahrheit in jeder Geschichte."

Katharina Pawlowna
Katharina Pawlowna war die Tochter des russischen Zaren Pauls I. und der württembergischen Herzogin Maria Feodorowna. 1816 heiratete sie in zweiter Ehe ihren Cousin, den württembergischen Kronprinzen Wilhelm. Als Königin engagierte sie sich für das Volk. Sie gründete den Zentralen Wohltätigkeitsverein, die erste württembergische Sparkasse und richtete Schulen und Kinderheime, Krankenhäuser und Speiseanstalten ein – zum Teil bezahlt aus ihrem russischen Vermögen. Das Katharinenstift und das Katharinenhospital in Stuttgart gehen ebenfalls auf sie zurück. Sie legte den Grundstein für die württembergische Sozialpolitik.

Total votes: 104
 

Über die Autoren

Jannika Quaas

Crossmedia-Redaktion/Public-Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/2016

Irina Steck

Crossmedia-Redaktion/ Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/2016