Besuchsdienst im Marienhospital

Der Genesung entgegen

01.06.2017

Nicht jeder Patient im Krankenhaus erhält regelmäßig Besuch. Astrid Heiler widmet sich einmal in der Woche denjenigen, die sich über Gespräche, Spaziergänge oder kleine Besorgungen freuen. Ihr Ehrenamt ist von großer Bedeutung für das Marienhospital – doch wie läuft so ein Besuchsdienst ab?

Einzugsgebiet Stuttgart: Das Marienhospital ist für Stadt und Umland ein wichtiges medizinisches Zentrum. | Foto: Sarah Kristin

Susanne Lutz, Beauftragte für das Ehrenamt, berichtet über den Besuchsdienst. |Quelle: Julia Mollus

Ein endlos langer Gang umgeben von kühlen, weißen Wänden. Der Geruch von Desinfektionsmittel liegt in der Luft. Die Klingeln der Patienten läuten nahezu im Sekundentakt und die Pflegekräfte eilen von Tür zu Tür. Welche Geschichten sich dahinter verbergen, ist erst einmal unklar.

Astrid Lilian Heiler wird sie kennenlernen, zumindest einen Teil davon. Gegen 11 Uhr betritt sie die Station. Mit ihren 78 Jahren ist sie eine jung gebliebene Seniorin – modern gekleidet, elegant zurechtgemacht. Herzlich umarmt sie die Pflegerin, die ihr auf dem Flur begegnet. Ein kurzer Wortwechsel, eine warme Verabschiedung, dann betritt Heiler das Dienstzimmer der Schwestern. „Guten Morgen", ruft sie den Pflegekräften entgegen. Ihr Lächeln klingt in den Worten mit. Wie jeden Freitagvormittag kommt sie zum Besuchsdienst.

„Es ist eine Bereicherung für mich selbst, etwas für andere tun zu können", erklärt Frau Heiler. |Foto: Sarah Kristin

Seit vier Jahren besucht sie ehrenamtlich die Patienten des Marienhospitals. Nach dem Tod ihres Mannes begann ein neuer Lebensabschnitt für die Stuttgarter Seniorin. „Ich bin nicht der Typ, der sich mit seinem Rentendasein abfinden kann", stellt sie immer wieder fest. Um ihrem Alltag die nötige Struktur und Abwechslung zu geben, suchte sie nach einer Möglichkeit, sich nützlich zu machen. Aus medizinischem Interesse und der Liebe zum Marienhospital fiel ihre Wahl auf das Krankenhaus im Stuttgarter Süden. „Eines Tages war ich selbst zur Untersuchung hier und dann hat mich der Blitz getroffen. Da habe ich gedacht, ich frage einfach mal nach, ob es hier ein Ehrenamt gibt, sodass ich mich engagieren kann", erzählt sie begeistert.

Mitgefühl statt Mitleid

Nach der Rücksprache mit dem Pflegepersonal beginnt auch diesen Freitag ihr Rundgang durch die Zimmer. Einmal in der Woche besucht Heiler die Patienten der gynäkologischen und der inneren Station. Herzlich und stets mit einem Lächeln auf den Lippen betritt sie nach und nach die Stationszimmer, fragt, ob sie etwas für jemanden tun kann. Ob zum Kaffee trinken, Zeitung holen oder Reden – Heiler versucht, den Patienten durch kleine Aufmerksamkeiten entgegenzukommen. Von jüngeren Frauen auf der Gynäkologie bis zu schwerkranken, älteren Patienten auf der inneren Station trifft sie auf die verschiedensten Menschen. „Jemand, der sehr schwer krank ist – das lässt einen nicht kalt", beschreibt sie. „Aber man muss lernen, sich nicht im Mitleid, sondern im Mitgefühl zu verlieren."

Heute trifft sie zum ersten Mal auf Frau Weber*. Ein bunter Strauß Blumen steht auf dem Tisch, das Kreuz Christi ziert die Wand. „Ich bin vom Besuchsdienst", stellt sich Astrid Heiler vor, als sie das Zimmer betritt. „Sie haben aber tolle Blumen. Wie geht es Ihnen heute?" Weber begrüßt die Ehrenamtliche herzlich, sie freut sich, dass jemand vorbeikommt. Im Hintergrund läuft leise das Radio. Die 82-Jährige erzählt von ihrer Krebserkrankung, die ihr vor mehreren Jahren diagnostiziert wurde. Von ihrem Mann, ihren Kindern und Enkelkindern. Zwischen den beiden Frauen entwickelt sich ein lebhaftes Gespräch. Nach und nach erkennen sie Gemeinsamkeiten. Die lokale Gemeinde, die beide kennen, die Supermärkte, in denen sie einkaufen, die Familienmitglieder, die auch schon hier behandelt wurden. Sie lachen, schwelgen in Erinnerungen, hören einander zu, tauschen sich aus – man könnte meinen, sie würden sich schon länger kennen. Trotz der scheinbaren Vertrautheit bleibt ein Hauch von Distanz bestehen.

Frau Weber nimmt den Besuchsdienst mit Freude in Anspruch. |Foto: Sarah Kristin

„Es ist wichtig, dass es Ehrenamtliche gibt", sagt Weber überzeugt. Sie war selbst 40 Jahre lang in der Nachbarschaftshilfe tätig. Begeistert erzählt sie von ihrer Enkelin, die in der Kirche aktiv ist. „Schade, dass es immer weniger junge Leute gibt, die das machen."

Das Gefühl, gebraucht zu werden

Freundlich verabschieden sich Weber und Heiler voneinander. Zufrieden lächelnd läuft Heiler den Stationsflur entlang. Nach Begegnungen wie dieser spürt sie besonders, wie wichtig der Besuchsdienst ist – sowohl für die Patienten, als auch für sich selbst. „Das Ehrenamt gibt meinem Leben eine Struktur und das Gefühl, gebraucht zu werden", so Heiler über ihren Einsatz. Eine soziale Ausrichtung ihres Charakters hatte sie schon immer in sich, genauso wie das dafür nötige Herzblut.

Daneben seien auch ein offener Blick, Gelassenheit und Geduld wichtig, so Susanne Lutz, Hauptverantwortliche für das Ehrenamt im Marienhospital. „Das Ehrenamt ist ein Auftrag an uns alle. Das gesellschaftliche Leben verändert sich, Familienstrukturen verändern sich, alles wird schnelllebiger", stellt sie fest. Das Ehrenamt im Marienhospital soll aber keine Personallücken stopfen, sondern das Pflegepersonal unterstützen. „Unser erstes Augenmerk liegt auf dem Patienten", erklärt Lutz.

Das Wohl der Patienten verbindet die Mitarbeiter des Krankeshauses mit den Ehrenamtlichen. |Foto: Sarah Kristin

Einer für den Anderen

Für heute ist Heilers Rundgang noch nicht beendet. Es warten noch weitere Patienten auf ihren Besuch. Inzwischen ist sie auf dem Weg zum nächsten Zimmer. Bevor sie eintritt, rückt sie ihren lilafarbenen Blazer zurecht. Damit bringt sie einen Hauch Farbe in den oft so bedrückenden Krankenhausalltag, aber genauso in den Alltag der Patienten. „Unsere Gesellschaft lebt letztendlich davon, dass einer für den anderen da ist", betont sie. „Einfach nur für mich selbst leben – das befriedigt mich nicht", fügt sie bestimmt hinzu, bevor sie lächelnd die nächste Tür öffnet.

Frau Heiler zeigt die verschiedenen Seiten ihres Ehrenamtes auf. |Quelle: Julia Mollus

*Name geändert

Total votes: 27
 

Über die Autoren

Sarah Kristin

Crossmedia Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2016/2017

Julia Mollus

Crossmedia Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2016/2017