Stadtjugendring Stuttgart

Der Jugend eine Stimme geben

07.07.2017

Die Jugend von heute interessiert sich nicht für das, was um sie herum passiert? Von wegen: Allein in Stuttgart engagieren sich 130.000 Kinder und Jugendliche in Verbänden des Stadtjugendrings. Dieser unterstützt die Verbände als Dachverband.

Jörg Titze leitet regelmäßig die Mitgliederversammlungen des Stadtjugendrings. | Foto: Melanie Michalski

„Das ist für mich ein Ausgleich", antwortet der Ehrenamtliche Jörg Titze auf die Frage, warum er sich für den Stadtjugendring (SJR) Stuttgart engagiere. Die Abwechslung zu seiner hauptberuflichen Tätigkeit bei der Evangelischen Jugend hat Titze vor 36 Jahren beim SJR gesucht und gefunden. Heute ist er der erste Vorstandsvorsitzende und „mit Herzblut dabei".

Die Kinder und Jugendlichen in Stuttgart können sich in verschiedenen Mitgliederverbänden einbringen. Als sogenannter Dachverband setzt sich der SJR für ihre Interessen ein und vertritt sie gegenüber politischen Institutionen. Dabei sind demokratische Werte wie Chancengleichheit und Gerechtigkeit wichtig.

Ein Zeichen für die Demokratie setzen

Die Gründung der Stadtjugendringe war eine Idee der amerikanischen Alliierten. Der damalige Stadtjugendausschuss sollte „Jugendliche in Verantwortung bringen und sie so erziehen, dass sie verantwortlich handeln", erzählt Jörg Titze. Das hat sich bis heute nicht geändert. Für den Ehrenamtlichen war die Gründung eine mutige Entscheidung und ein erster Schritt hin zur politisch-historischen Jugendbildung und der Aufarbeitung der NS-Zeit. Diese Intention nach dem Krieg sei ihm wichtig, betont Titze.

Zu den vier Gründungsorganisationen, der Evangelischen und Katholischen Jugendbewegung, dem Verband für Sport- und Körperpflege und der Schwäbischen Volksjugend, kamen ab 1945 immer mehr hinzu. Heute umfasst der SJR 1.932 Jugendgruppen, -verbände und –initiativen in 56 Mitgliedsorganisationen.

Die Mitgliederorganisationen sind sehr vielfältig. Es gibt sowohl kirchliche Verbände, länderspezifische Gruppen als auch eine Initiativgruppe für Homosexualität. | Grafik: Melanie Michalski via Google Maps

Die Mitgliedervielfalt kann mit dem Leitbild des SJR erklärt werden, das sich für Demokratie und gegen faschistische Tendenzen ausspricht. So legt der Verband unter anderem Wert auf ein friedliches Zusammenleben aller Menschen, gegenseitige Anerkennung und Wertschätzung – unabhängig von Faktoren wie Geschlecht, sexueller Ausrichtung oder Herkunft.

Nicht nur zuschauen, sondern mitreden

Der SJR möchte „für die Jugendlichen Rahmenbedingungen schaffen", erklärt Titze. So bietet der Dachverband den Jugendlichen Schulungen an und stellt Räume, Material und Geld zur Verfügung. Das Mitspracherecht für die Jugendlichen bleibt für den Vorstandsvorsitzenden der größte Vorteil: „Wir mischen uns außerhalb von Politik in verschiedene Themen in der Stadt ein." Der SJR sitzt beispielsweise im Jugendhilfeausschuss und vertritt dort die Interessen der Jugendverbandsarbeit.

Ein Mitglied, das schon lange vom SJR unterstützt wird, ist der christliche Verband junger Menschen (CVJM) in Stuttgart. Der Jugendverband mit über 500 Mitgliedern bietet Angebote für Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene und Erwachsene an. Dazu zählen beispielsweise Gottesdienste und Jugendkreise.

Nach seiner Gründung vor mehr als 150 Jahren, ist der CVJM seit 1982 auch Mitglied im SJR. Matthias Müller erzählt von der Beziehung des CVJM zum Dachverband. | Quelle: Jennifer Kögel

Wer Mitglied werden möchte, muss bestimmte Aufnahmekriterien erfüllen. Der Verband soll den Leitfaden anerkennen, demokratisch aufgebaut und unabhängig von einem Erwachsenenverband sein. Während die meisten eine Mitgliedsanfrage stellen, geht auch der SJR auf Verbände zu. Gibt der Verwaltungsausschuss sein Okay, stellt sich der Jugendverband auf der Mitgliederversammlung vor.

Aber nicht alle können Mitglied werden. Eine Jugendgruppe wollte keine Frauen aufnehmen, eine andere wollte ihren Vorstand – entgegen der Leitlinien – auf ewig wählen. Solche Verbände werden vom SJR mit Änderungsvorschlägen abgewiesen.

Bürokratie, nein danke!

Zu bürokratisch sei dieser Vorgang nicht. „Wenn man das mit anderen Organisationen vergleicht, sind wir sogar eher unbürokratisch", meint Titze. Ein Beispiel hierfür ist die Aufnahme von Initiativen. „Sie haben bei uns einen sicheren Hafen", sagt Aytekin Celik, der als Bildungsreferent beim SJR angestellt ist. Sobald die Initiative beitritt, „hat sie eine rechtliche Grundlage und dann ist es, als ob ein Verein handeln würde", erklärt Celik.

Trotzdem fehlt gerade bei den Kindern und Jugendlichen in den einzelnen Verbänden oft das Bewusstsein dafür, dass sie Teil des SJR sind. „Unsere Jugendlichen wissen zum Großteil gar nicht, dass sie im Stadtjugendring sind", bestätigt der Jugendfeuerwehrwart Matthias Neef der Jugendfeuerwehr Stuttgart. Einerseits sieht Titze darin kein Problem. Andererseits findet er es traurig, „wenn kein Bewusstsein mehr für das Kämpfen um die eigenen Rechte da ist". Die um sich greifende Gleichgültigkeit und die „Wir haben es ja"-Mentalität in der heutigen Jugend, sind für ihn zum Warnsignal geworden.

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Jennifer Kögel

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