Erfolgsgeschichte Online-Streaming

Der König und King Kong

07.12.2016

Vor 15 Jahren machte das Internet der Filmindustrie das Leben schwer. Jetzt verdient sie damit Geld. Auch weil die User nicht mehr Teil des Problems, sondern der Lösung sind.

Online-Streaming löst immer öfter DVDs ab.| Quelle: Christoph Vogt

„Am Wochenende! Sowohl früh nachmittags als auch abends." Hier sieht Moritz Matejka die klassischen Zeiten, in denen Deutschland streamt. „Ich stelle fest, dass im Fernsehen nichts läuft, also springe ich zu meinen Video-on-Demand(VoD)-Angeboten", sagt der Head of Research der Beratungs- und Forschungsgruppe Goldmedia, der sich mit der deutschen Mediennutzung beschäftigt. Zwar sind VoD-Dienste wie Netflix oder Amazon Prime bei uns mittlerweile etabliert, das war aber nicht immer so. Schon seit den 2000ern wurde versucht, Filme in Deutschland online zu vertreiben. Das erklärt Ann-Kathrin Radig, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Stuttgart in ihrem Discussionpaper „Der Wandel des deutschen Videoverleihmarktes durch Digitalisierung und Internet". Darin erwähnt sie das massenhafte, illegale Verteilen über das Internet und selbstgebrannte DVDs. Es schadete den Verkaufszahlen sowohl an den Kinokassen als auch dem Home-Entertainment-Markt. Schuld waren unter anderem die Internetnutzer. Sie nahmen Mängel bei den Rechten, der Qualität und der Ladegeschwindigkeit von Videos in Kauf, solange sie dafür kein Geld ausgegeben mussten. Es folgten die Breitbandanschlüsse. Bereits vier Jahre nach der Einführung 2004 konnte die Hälfte der Haushalte in Deutschland große Datenmengen schneller laden. In dieser Zeit starteten auch die ersten Online-Videotheken, die teilweise DVDs nach Hause schickten oder Filme tatsächlich über das Internet zeigten. Der Erfolg hielt sich allerdings noch in Grenzen. Meistens mussten die Produkte einzeln bezahlt werden. Als die Streaming-Technik sich verbesserte, konnten Filme und Serien plötzlich schneller geladen und rund um die Uhr erreicht werden. Mit den günstigen Abos vieler Anbieter konnte diese neue Freiheit ausgiebig genutzt werden, etwa beim „Bingewatching": in einzelnen Sitzungen werden ganze Staffeln von Serien regelrecht verschlungen.

Ein Milliardengeschäft

Für Moritz Matejka macht dieser Mix den Erfolg von VoD-Angeboten aus: „Ich habe die Möglichkeit, jegliche Filme, die mich interessieren zu jeder Zeit zu sehen und muss mich nicht darauf verlassen, was im Fernsehen läuft. So bin ich selbst Autor meines Programms", meint Matejka. 24 Millionen Menschen in Deutschland haben diese Möglichkeit 2015 genutzt. In den nächsten Jahren rechnet Goldmedia – alleine in der Bundesrepublik – mit der Entwicklung zu einem Milliardengeschäft, während sich der Anbietermarkt mit den großen Diensten konzentrieren wird. Sie setzen dafür auf Marktstudien und Datenanalyse. Durch das Konsumverhalten stellen ihnen die User die nötigen Informationen zur Verfügung. So wird klar, welche Filme und Serien für die Plattformen eingekauft werden sollten.

Eigene Inhalte werden wichtiger

Basierend auf ihren Forschungen lassen die zwei Großen, der Marktführer Amazon Video und Netflix, eigene Filme und Serien produzieren. Diese werden weltweit und exklusiv an ihre User verteilt. Kinosäle oder Fernsehsender brauchen sie dazu nicht. Das Comic-Imperium Marvel und Regisseure wie David Fincher und Woody Allen konnten schon für solche Projekte gewonnen werden. Die Netflix-Serie House of Cards mit Oscarpreisträger Kevin Spacey ist die erste ihrer Art, die für die Fernsehpreise Emmy und Golden Globe nominiert war. Mittlerweile konnten auch andere Online Serien diverse Auszeichnungen in verschiedenen Kategorien gewinnen.

Wie VoD-Dienste ihre Serien konzipieren

Kampf um Versorgung mit Inhalten

Guter Inhalt alleine reicht aber nicht aus, sagt Moritz Matejka. „Content is king. Distribution is King Kong" heißt es laut ihm in der Branche. Man muss die Leute zu erst erreichen. Smart-TVs werden an Bedeutung gewinnen, glaubt Matejka. Amazon Video bietet außerdem an, Filme und Serien für eine gewisse Zeit auf Tablets oder PCs zu laden und ist damit auf Reisen offline nutzbar. Netflix hat sich lange gegen solch eine Funktion gesträubt – zu kompliziert sei die Nutzung, hieß es vom CPO. Seit Kurzem können zumindest die Eigenproduktionen auf mobilen Endgeräten gespeichert werden. Andere Inhalte können wegen den Kosten für Rechte weiterhin nur gestreamt werden. Amazon Prime hat diese Rechte und kostet unter anderem deshalb ab Februar 2017 mehr. Ganz einig sind sich die Konkurrenten über die Zukunft des Online-Streamings also noch nicht.

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Über den Autor

Christoph Vogt

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2016