Musiker Stefan Charisius

Der Klang des Künstlerdaseins

20.01.2016

In der linken Hand hält Stefan Charisius eine Schüssel veganen Gemüseauflauf. Mit der anderen umklammert er ein eigenartiges Instrument. Es sieht aus wie eine Gitarre – nur größer und schmäler. Irgendwie exotisch. Der Korpus ist aus Kuhfell. Wie viele Saiten das Teil hat, kann ich im ersten Moment nicht zählen. Es sind zu viele.

Mit Essen und Instrument bepackt, läuft Stefan über das Gelände der Stuttgarter Wagenhallen. Ich hinterher. Objekt der Begierde: ein Raum für das Interview. Wir gehen zügig durch die Gassen der alten Industriegebäude des Nordbahnhof-Areals. Hinter den roten Backsteinmauern verbergen sich die kreativen Arbeitswelten verschiedenster Künstler. Stefan zeigt auf sein Atelier. Dort haust und schafft der 47-Jährige mit einem Tangotänzer, einer Designerin und einem Filmer. Wir gehen nicht rein.

Stattdessen durchqueren wir eine dunkle Halle mit abstrakten, bereits staubig gewordenen Kunstwerken und betreten schließlich: ein etwa acht Quadratmeter großes Kabuff ohne Fenster. Darin steht nicht mehr als ein altes Keyboard, ein paar Stühle und ein Tisch, auf dem sich lose Notenblätter stapeln. Von künstlerischem Glanz keine Spur. Aber „hier ist’s wenigstens ruhig", meint Stefan, löffelt seinen Auflauf fertig und ist bereit für meine Fragen.

Musiker Stefan Charisius

Findest du deinen Job als Musiker mit Managementfähigkeiten, Performer und Regisseur (so beschreibt Stefan seinen Beruf) stressig?

Der Job ist für manche Leute bestimmt sehr stressig, so wie es für mich total stressig ist, wenn ich morgens irgendwo hin muss, wo ich gar nicht hin will. Ich will mich jeden Tag überraschen lassen, auch wenn das manchmal mit Herausforderungen verbunden ist.

Was sind Herausforderungen?

Och, ja gibt’s viele Sachen. Es kommt vor, dass wir irgendwo in Taiwan einen Auftritt haben. Wir klären vorher mit dem Veranstalter Technik und Ausstattung, kommen hin und die Hälfte fehlt. Und dann fängt man an, in den Hintergässchen Taiwans nach Kabeln oder Geräten zu fragen, die es da vielleicht gar nicht gibt.

Bereust du in solchen Situationen deine Entscheidung als freischaffender Künstler zu arbeiten?

Nein, das Chaos stört mich nicht. Aber als der Erfolg noch nicht da war, wusste ich manchmal nicht, wie ich den nächsten Monat bestreite. Da dachte ich schon öfter: „Mensch, diese ganzen Freunde, die regelmäßig in ihre Arbeit gehen, die haben da überhaupt keinen Stress." Die habe ich beneidet. Dass man so weiß: das nächste Jahr ist in trockenen Tüchern. Das gibt’s bei einem Künstler nicht. Bis du Sicherheit hast, musst du ganz schön Glück haben oder echt losarbeiten.

War es bei dir Glück oder Arbeit?

Ich habe viel gearbeitet. Mit Weltmusikern. Mit prominenten Künstlern. Mein Engagement hat aber nicht ausgereicht. Denn als reiner Musiker ist es nicht einfach so viele Konzerte zu bekommen, um davon leben zu können. Vor allem, wenn du deine eigenen Sachen machen willst und nicht nur ablieferst, was der Produzent von dir hören will. Mein Glück waren die Dundus. Da musste ich niemanden mehr überreden, dass sie ein gutes Projekt sind. Die Puppen sprechen für sich.

Die Dundu-Puppen sind leuchtende Riesen aus einer weißen Netzstruktur ohne richtiges Gesicht und ohne Kleidung. Sie sind bis zu fünf Meter hoch und werden von fünf Leuten bewegt. Im Theater, auf Musikfestivals oder auf öffentlichen Plätzen tanzen sie regelmäßig vor mehreren tausend Zuschauern – in Harmonie mit afrikanischer, klassischer oder elektronischer Musik. Stefan Charisius hat die Dundus als Projekt der Stuttgarter Wagenhallen 2006 gegründet. Sie sind sein „Baby" und sein Durchbruch.

Wofür liebst du die Dundus?

Ich liebe die Dundus. Ich liebe die Puppen. Da gibt’s den fünf Meter, den drei Meter und den 80 cm Dundu. Ich liebe den Kleinen am meisten. Wobei – der Große arbeitet besser. Er erreicht viele Menschen und erzeugt Aufmerksamkeit, was dann wieder meiner Musik zu Gute kommt. (Überlegt) Also ich liebe die alle so für ihre eigenen Fähigkeiten und Momente. Und ich liebe die Spieler, die die Puppen steuern.

Du selbst spielst bei den Auftritten mit den Dundus die Kora (das Instrument, das Stefan seit Beginn des Gespräches mit sich herumschleppt). Die Kora ist eine Harfe aus Westafrika, die in Europa kaum jemand spielt. Wieso du?

Ja richtig, ich glaube in Europa sind es vier oder fünf Weiße, die das einigermaßen professionell betreiben. Ich spiele schon über zwanzig Jahre. Ich war in Westafrika. Dort wollte ich ursprünglich Trommeln und Tanzen lernen. Das war aber so touristisch, dass ich keinen Bock darauf hatte. Ich wollte Etwas Eigenes machen, Etwas Eigenes erfinden und nicht diese nullachtfünfzehn Tänze nachtanzen. Also bin ich in die Dörfer und dort habe ich irgendwann einen Kora-Spieler entdeckt. So einen „Grio". Er saß in seiner Hütte am Eingang, spielte das Instrument und ich war wie verzaubert.

Wie klingt die Kora in deinen Ohren?

Sie ist ruhig, entspannend, aber auch feurig und angreifend. Wie ein Tribal, der durch die Luft wirbelt. Jede Saite (habe mittlerweile gezählt: es sind 21) schwingt dabei frei. Sie gibt das volle Klangspektrum ab. Es steckt die Wärme und die Rhythmuskraft aus Afrika in ihr.

Stefan Charisius live on Kora

Klänge einer 21-saitigen Stegharfe aus Westafrika

Wir drehen die Zeit zurück, du bist als Musiker wieder in Afrika. An welchen Moment denkst du?

Der „Grio¿ hatte eine Band, die von Dorf zu Dorf gereist ist. Ich war sein Schüler und musste deshalb mit auf seine „Dorf-Tournee". Auf der Reise habe ich mich anfangs nur um den technischen Kram gekümmert. Um Kabel, Belichtung, eben um das, was ich so kann.

Und irgendwann stehe ich da mit der Band. Es ist abends. Das ganze Dorf sitzt im Kreis und wartet auf unseren Auftritt. Dann sagt mein Lehrer zu mir, ich soll mich zu den Vortänzern stellen und einfach mittanzen. Und ich denke nur: Mittanzen? Ich habe das noch nie gemacht und keine Ahnung von den Schritten. „Kuck zu und mach’s nach", sagt er. Also mache ich’s (lacht). Für die Menschen in Afrika war das die größte Gaudi: ein Weißer, der sich bemüht, Tanzen zu lernen und dann auch noch in der Öffentlichkeit. Und ich hatte natürlich einen tollen Blamage-Moment.

Wie gehst du mit Peinlichkeiten auf der Bühne um?

Ich kenne die Situation nicht. Die Menschen können meine Kunst nicht vergleichen, sie können nicht sagen, ob etwas falsch oder richtig ist. Dieses einmalige Gefühl etwas ohne Konkurrenz zu machen, ist luxuriös. Ich möchte nicht in der Haut eines Gitarristen stecken, der Bach vorspielt.

Ist CoK (Charisius on Kora) dein Traum-Beruf?

Das kann ich nicht sagen. Da gibt es bestimmt etwas, was mich auch erfüllen würde. Die Frage ist nur: Wie lange? Ich habe eine Ausbildung zum Sprecherzieher. Beim Unterrichten fühle ich mich beschwingt und inspiriert. Aber es nutzt sich ab. Die Kora hat sich nicht abgenutzt.

Ist es nur die Kora, die dich an deinem Beruf reizt? Oder doch der Kick im Rampenlicht der Bühne zu stehen?

Die Bühne ist für mich ein anderes Terrain als bei den meisten anderen Musikern. Die müssen sich mit ihrem Instrument zeigen. Ich nicht. Ich habe nicht die große Gefahr, dass mein Ego total durchdreht: Alle lieben mich, alle schauen mich an, ich bin der Große und zeige euch was ich kann. Nein, das Große ist der Dundu und ich darf im Orchestergraben im Dunkeln sitzen.

Nach dem Gespräch trifft Stefan auf dem Gang Markus Birkle, einen Gitarristen der fantastischen Vier. Stefans Kommentar: „Mensch, du wirst aber auch nicht dicker." Smalltalk erster Sahne. Stefan Charisius, ein herrlich normaler Exot.

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Über den Autor

Lena Appel

Crossmedia-Redaktion
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2014/2015