Lebensgeschichte

Der lange Weg aus der Sucht

13.11.2014

Georg ist 40 Jahre alt, arbeitet als Handwerker und ist seit fünf Jahren clean. Er hat das geschafft, was für andere unmöglich scheint. 20 Jahre seines Lebens war er drogenabhängig, doch er fand den Weg zurück ins Leben – jetzt hilft er anderen Männern dasselbe zu schaffen.

Gemeinschaft von „Weg zur Freiheit" (Foto: WZF)

„Weg zur Freiheit" (WZF) ist eine Einrichtung zur Drogentherapie auf christlicher Basis. Nach einer körperlichen Entgiftung kommen die Bewohner in das Therapiehaus von WZF. Dort leben und arbeiten sie ein Jahr lang zusammen. Jeder Bewohner bekommt so die Chance körperlich fit zu werden und sich an einen geregelten Tagesablauf zu gewöhnen.

Auch Georg machte bei „Weg zur Freiheit" eine Therapie. Das Besondere für ihn war die familiäre Atmosphäre, die entstandenen Freundschaften unter den Bewohnern und die Wochenendaktivitäten wie zum Beispiel: bowlen, schwimmen oder wandern gehen. Seither lebt und arbeitet er dort als Mitarbeiter. Im Gespräch mit HUIZ-Redakteurin Janina Flaig erzählt er von seiner Vergangenheit und wie sich seine Einstellungen verändert haben.

Redaktionzukunft: Was war der Ursprung für deine Sucht?

Georg: Ich weiß mittlerweile, dass man Drogen sehr gut benutzen kann, um einen Mangel auszugleichen. Ich komme aus einem Scheidungshaus, meine Mutter musste arbeiten und das Geld verdienen. Sie hatte wenig Zeit für uns, da war nicht viel Fürsorge – das ging einfach nicht. Und da ist natürlich ein Mangel entstanden. Denn das braucht jeder Mensch: Anerkennung, Liebe, Sicherheit, Geborgenheit, Beständigkeit. Diesen Mangel habe ich versucht mit Droge zu füllen. Das funktionierte ganz gut – eine Zeit lang. Das Gefühl von Heroin zum Beispiel deckt das völlig ab und vermittelt dir genau diesen Halt.

Redaktionzukunft: Wie fühlt man sich, nachdem man Heroin genommen hat?

Georg: Heroin packt dich in Watte ein. Man hat das Gefühl, dass man alles im Griff hat, man fühlt sich geliebt, wertgeschätzt und man bekommt so ein Gefühl der Sicherheit und der Geborgenheit, so eine Wärme von innen heraus. Man denkt, man kann Probleme ganz leicht lösen und auch gegen körperliche Schmerzen hilft es. Wenn das Heroin aufhört zu wirken, dann dreht sich das um. Man fühlt sich sehr hilflos, nicht mehr geliebt, überhaupt nicht sicher. Man hat Angst, Depressionen, man bekommt Schmerzen. Und wenn es einem schlecht geht, ist man bestrebt wieder in diesen Zustand zu kommen. Man ist richtig getrieben.

Redaktionzukunft: Als du süchtig warst, wolltest du da von den Drogen überhaupt wegkommen?

Georg: Es gab bestimmt Zeiten, da fand ich das ganz cool, also gerade am Anfang, wenn alles noch nicht so ernst ist und wenn man körperlich noch nicht abhängig ist. Ich war auch in der Technoszene unterwegs. Das war meine Lebensphilosophie und damit konnte ich mich auch sehr gut identifizieren – in den ersten paar Jahren. Aber irgendwann kippt das, dann kam auch das Heroin dazu und ich wollte da wieder raus. Klar, wenn ich auf Drogen war, war das in Ordnung, aber der Drang war da, doch das geht phasenweise nicht, weil man ja auch arbeitet und seinen Körper bedienen muss, damit der funktioniert. Das ist dann mit viel Aufwand verbunden. Man muss sich frei nehmen, sich entgiften. So fängt eine Spirale an, aber ja – ich wollte da schon immer raus.

Redaktionzukunft: Wurde dir Hilfe angeboten und wenn ja, was hat deine Sucht gelindert?

Georg: Hilfe wird einem immer wieder angeboten – eine Zeit lang. Aber die effektive Hilfe muss man sich selber suchen. Die Entscheidung, dass man Hilfe braucht und sich dann wirklich aufmachen, um in eine Einrichtung zu gehen, diese Schritte muss man dann schon selber machen.

Redaktionzukunft: Was war der Beweggrund weshalb du zu „Weg zu Freiheit" gekommen bist?

Georg: Ich habe leider Beschaffungskriminalität betrieben und so diverse Gerichtsverhandlungen gehabt. Bei der letzten Verhandlung hat mir der Richter den Paragrafen 35* angehängt, da kann man sich entscheiden, ob man eine Therapie machen will – nochmals – oder ob man ins Gefängnis geht. Ich wollte natürlich nicht ins Gefängnis und habe aber auch keine staatliche Therapie mehr bekommen, da ich schon drei davon hatte und habe mich dann eben für eine Therapie in einer christlichen Einrichtung entschieden.

* Der Paragraf 35 und 36 im Betäubungsmittelgesetz (BtMG) wird umgangssprachlich „Therapie statt Strafe" genannt. Danach kann eine Strafvollstreckung in einer Vollzugsanstalt durch eine therapeutische Behandlung ersetzt werde.

Redaktionzukunft: Was könnte der Staat besser machen in deinen Augen?

Georg: Die Ursachen, dass so viele Menschen drogensüchtig werden, sind ja ganz woanders. Durch die schnelllebige Zeit, dadurch, dass sich die Werte verändern, dass sich Ehepaare häufiger scheiden lassen, dass beide Elternteile gezwungen sind Geld zu verdienen, dass Kinder in Grippen abgeschoben werden, dass Kinder mit überforderten Eltern aufwachsen, dass die Menschen Statussymbolen nachjagen – das man das macht, ist ja eigentlich alles Quatsch. Solche Ideale werden uns aber suggeriert und von der Wirtschaft wird diese Entwicklung verstärkt. Wenn wir so weitermachen, wächst eine Frucht heran. Man müsste die Werte, die in der Bibel stehen, zurückholen – und ich glaube, dann hätte man auch in dieser Hinsicht eine Wirkung. Ich weiß nicht, wie ich zu Substitutionsprogrammen* stehe. Ich habe das so empfunden, dass es sehr einfach ist, an Substitutionsmittel zu kommen. Es ist zu einfach. Ich glaube, es wird nicht mehr wirklich geprüft.

* In staatlichen Substitutionsprogrammen/ -therapien werden Opioidabhängige (meist Heroinabhängige) mit verschiedenen Medikamenten (Substitutionsmittel wie Methadon) behandelt. Den Abhängigen werden ärztliche Untersuchungen, Aufklärungen und Impfungen angeboten genauso wie „Hilfe zur Selbsthilfe" (Psychosoziale Unterstützung).

Redaktionzukunft: Was würdest du anfälligen Leuten empfehlen, um nicht in die Sucht zu rutschen?

Georg: Werte spielen eine große Rolle. Man braucht Werte im Leben, einen Sinn und natürlich Freude.

Redaktionzukunft: Was ist die schlimmste Droge, von der die Menschen nichts ahnen?

Georg: Medien glaube ich, da werden Werte vermittelt ohne Ende – die falschen Werte.

Georg scheint sehr zufrieden und dankbar für sein „neues" Leben zu sein und „wenn es anderen Menschen dient oder weiter bringt", erzählt er seine Lebensgeschichte gerne.

Weg zur Freiheit

„Weg zur Freiheit" ist eine soziale Einrichtung zur stationären Drogentherapie.

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Über den Autor

Janina Flaig

Crossmedia-Redaktion / Public Relation (Bachelor)
Eingeschrieben seit: SoSe 2014