Interview mit einem ehemaligen Hauptkommissar

Der Mann, der für Ordnung sorgt

08.02.2017

Kurt Ochs. Ein Mann mit Geschichten. Ein Mann, der vieles erlebt hat. 40 Jahre war er bei der Polizei in Karlsruhe tätig, hat sich bis zum Hauptkommissar hochgearbeitet. Jetzt ist er im Ruhestand. Trotzdem erinnert er sich gerne an seine Dienstzeit. Eine Dienstzeit durchzogen voller Erfolge, skurriler Fälle aber auch trauriger Ereignisse.

Kurt Ochs bei seiner täglichen Arbeit im Polizeirevier Karlsruhe. |Foto: Privat.

Gibt es ein lustiges Erlebnis, an das du Dich besonders erinnern kannst?

(lacht) Ein Mann beispielsweise hat sein Fahrrad immer an derselben Stelle vor unserem Polizeirevier abgestellt. Daneben stand ein Kirschbaum. Der Mann wollte schon öfter eine Anzeige machen, das war aber alles immer Blödsinn. Als ich gesehen habe, dass er schon wieder kommt, um eine Anzeige zu machen, bin ich, sobald er im Gebäude verschwunden war, raus zu seinem Fahrrad und habe es auf den Kirschbaum gehängt. Als er wieder herauskam, hat er natürlich sein Fahrrad vermisst – auf den Kirschbaum hat er nicht hoch geschaut. Also kam er wieder zu uns und wollte eine Anzeige wegen Diebstahls machen. Während er wieder drinnen war, bin ich raus und habe sein Fahrrad wieder vom Baum heruntergeholt und an dieselbe Stelle gestellt, an der es vorher stand. Mein Kollege hat ihn auflaufen lassen und gezeigt, dass sein Fahrrad doch dort stehe. Der Mann konnte es natürlich nicht glauben. Wir sagten ihm nur, dass man doch nicht so blöd sein könne. Niemand klaut ein abgeschlossenes Fahrrad und stellt es wieder abgeschlossen an dieselbe Stelle zurück. Dann hat er natürlich an sich gezweifelt und ist daraufhin auch nie wieder zu uns gekommen.

Warum hast Du denn das Fahrrad auf den Kirschbaum gehängt?

Wir wollten ihm eine Lektion erteilen. Man konnte diesen Mann nicht ernst nehmen, da er wegen jeder Kleinigkeit und jedem Aufreger zu uns kam und Anzeige erstatten wollte. Dem musste man einfach mal zeigen, wo’s lang geht. Und wir hatten riesigen Spaß dabei.

Kannst Du auch von einer erfolgreichen Verfolgungsjagd während Deiner Dienstzeit erzählen?

(überlegt) Ja, da fällt mir sogar etwas ein. Ein Mann hatte in betrunkenem Zustand einen Verkehrsunfall verursacht und war danach abgehauen. Da es sich um Trunkenheit im Straßenverkehr und Unfallflucht handelte, mussten wir denjenigen suchen. Wir konnten dank des Kennzeichens den Wohnsitz des Mannes ausfindig machen und sind dorthin gefahren. Das Auto stand vor der Haustür. Seine Frau hat uns die Tür geöffnet und behauptet, dass ihr Mann nicht da sei. Das verdächtige Auto stand ja aber vor dem Haus, also haben wir die Wohnung nach ihm durchsucht. In einem Raum lagen zwei zusammengerollte Teppiche. Einen der beiden Teppiche habe ich aufgerollt und da lag er dann drin und hat sich versteckt.

Hat die Polizei zu Deiner Zeit mehr Respekt zugeschrieben bekommen?

Vielleicht. Früher gab es bestimmte Ausdrucksweisen noch nicht.

Wie sah denn der Arbeitsalltag eines Kurt Ochs aus?

Wenn man morgens zum Dienst gekommen ist, hat man bestimmte Tätigkeiten verrichten müssen, wie beispielsweise Verkehrsunfälle oder Fälle von Diebstahl, Körperverletzung oder verbotener Prostitution bearbeiten. Tagsüber wie nachts hat man dann auch Einbrecher verfolgen und sich mit Selbstmord- oder Verkehrsunfallopfern beschäftigen müssen.

Hast Du auch mit Mordfällen anderer Art zu tun gehabt?

Nein, hierfür war die Mordkommission zuständig. Bei Selbstmord war ich ein paar Mal dabei.

Kannst Du Dich an einen bestimmten Fall erinnern?

Einmal hatte sich ein Mann in einem Hochhaus im Rohbau aufgehängt. Ich war zu der Zeit noch in der Ausbildung. Als wir zu der Leiche hinaufgeklettert sind, meinte mein Kollege, dass er das Seil durschneide und ich die Leiche auf die Seite ziehen solle. Man muss dazu sagen, dass die Leiche schon etwas länger hing und als er das Seil durchschnitt, machte sie plötzlich ein merkwürdiges Geräusch. Das kam von der Luft, die auf einmal aus dem Körper weichen konnte. Vor lauter Schreck habe ich die Leiche losgelassen und sie ist vier Etagen nach unten geflogen. Dadurch hat der Mann sich dann einige Brüche zugezogen, aber er war ja sowieso schon tot. An solche Erlebnisse erinnert man sich.

Wie geht man mit solch einem Erlebnis um?

Dafür gibt es kein Rezept. Aber solche Fälle nehmen einen natürlich auch mit. Schlimmer ergeht es aber den Angehörigen. Ich war beispielsweise unter Kollegen bekannt als der Priester, weil ich immer derjenige war, der den Angehörigen die traurigen Nachrichten überbringen musste. Da muss man aber auch eine gewisse Feinfühligkeit mitbringen, denn es kann schon sein, dass Angehörige dann psychisch angeschlagen sind und mit Selbstmordgedanken spielen. Da kam es schon oft vor, dass ich bis morgens um fünf Uhr bei den Familien gesessen und mit ihnen geredet habe. Danach geht man auch öfter bei den Betroffenen vorbei, um zu sehen, ob sie stabil genug sind und mit der Trauerverarbeitung mehr oder weniger gut zurechtkommen.

Gab es Fälle, in denen es sehr schwer war, Fassung zu bewahren?

Einmal ist ein Kind über eine Straße gerannt. Ein LKW konnte nicht rechtzeitig bremsen und hat das Kind überfahren. Als Polizist muss man hier schnell handeln, denn so etwas sollte kein großes Publikum sehen. In einem Auto hatte jemand eine Obstkiste, die haben wir dann über das Kind gestellt, damit es verdeckt war. Danach hat sich der Verkehrsunfalldienst um den Fall gekümmert.

Jetzt mal etwas Erfreulicheres: Was war Dein größter Erfolg?

Das war zusammen mit einem Kollegen. Im Mannheimer und Heidelberger Raum sind Gaststätten aufgebrochen und hochwertige Getränke und Wertsachen geklaut worden. Die Fahndung wurde bundesweit ausgeschrieben. Ein bestimmtes Fahrzeug ist regelmäßig an den Tatorten aufgetaucht. Als ich mit meinem Kollegen einmal auf Streife war, haben wir solch ein Fahrzeug gesehen. Dann sollten wir es observieren, also verdeckt beobachten. Der Mann, der das Fahrzeug gefahren hat, wurde dann von uns vernommen. In seiner Jackentasche hatte er einen Zettel dabei, auf den die Bedienungen in Gaststätten immer die Bestellungen schreiben. Und hier standen bestimmte Alkoholsorten und eine Adresse mit Garagennummer. Mein Kollege und ich sind dann dort hingefahren und haben die Garagen kontrolliert. Die Garagen waren voll mit elektronischen Geräten, Cognac, Whiskey und anderem Diebesgut. Ja, und so haben wir einen wichtigen und großen Fall klären können.

Du warst 40 Jahre bei der Polizei, wie kam es dazu?

Meinen Beruf als Goldschmied, den ich erlernt habe, wollte ich auf Dauer nicht ausüben. Durch Einflüsse meines Vaters und auch von Verwandten habe ich mich dann entschieden, zur Polizei zu gehen. Man braucht Spaß an der Arbeit. Ich habe meinen Beruf gemocht und gute Kollegen gehabt. Deshalb würde ich mich auch jederzeit wieder für den Beruf des Polizisten entscheiden.

Hast Du während eines Einsatzes jemals Angst empfunden?

Nein, nicht direkt. Wir waren ja immer bewaffnet.

Ist bei einem Einsatz auch mal etwas schief gegangen?

Nein, ich glaube nicht. Aber ehrlich gesagt kann ich mich an solche Fälle auch nicht mehr genau erinnern, beziehungsweise sowas möchte man ja auch verdrängen. Man vergisst mit der Zeit doch einiges, aber große Erfolge oder lustige Erlebnisse – an die erinnert man sich immer.

Zum Beispiel?

(schüttelt lachend den Kopf) In den Siebzigern gab es in Freiburg die Studentenunruhen. Deshalb waren wir vier Tage lang dort. Ein paar Studenten haben sich so verhalten, als ob sie Friedensstifter wären und haben uns Berliner angeboten. Manche meiner Kollegen haben sich über das nette Angebot gefreut und den Berliner angenommen. Die Freude hielt aber nur so lange, bis sie in den Berliner hineinbissen. Die Studenten hatten sie mit Kacke gefüllt und meine Kollegen spuckten sie gleich wieder aus.

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Über den Autor

Sheva Hosseini-Khorassani

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 15/16