Die Hürden einer Newcomer-Band

Der neueste Schrei

19.04.2017

Auf der Bühne stehen. Berühmt sein. Mit seiner Leidenschaft Geld verdienen. Ein Traum – sechs Träumer. Eine Reportage über die Hürden einer Stuttgarter Newcomer-Band.

Robin Baumann - Sänger der Band VENUES

Normalerweise ist er zurückhaltend. Doch wenn er auf der Bühne steht, scheint es, als würde er alles um sich herum vergessen. Ein Bein lässig auf die Box vor ihm gestellt, lehnt er sich ins Publikum. Er schließt die Augen, bewegt den Kopf energisch, fährt sich durch seine mittellangen Haare. Das Mikrofon mit beiden Händen fest umschlungen, führt er es im Takt zu seinem Herzen. Immer wieder schlägt Robin mit der Faust gegen seine Brust. Er springt, er schreit, er tanzt. Rote Lichter lassen den Raum leuchten. Es ist Samstagabend. 19:45 Uhr in einem Urgestein der Stuttgarter Clubs. Dieser ist gut gefüllt für diese Uhrzeit. Das Publikum besteht zum großen Teil aus Männern mit zotteligen Haaren, schwarzen T-Shirts und langen Bärten. Sie stehen da, mit zwei Metern Sicherheitsabstand zur Bühne, lässig ein Bier in der Hand und wippen mit ihren Köpfen. Ihre Blicke auf die fünf Jungs Robin, Constantin, Toni, Flo und Dennis gerichtet. Und die eine kleine Frau auf der Bühne. Nyves, die Sängerin, immer in der Mitte der Jungs zu finden. Die Mischung aus weichem Gesang und harten Bässen wirkt melodisch und chaotisch, rhythmisch und wild zugleich. Post-Hardcore nennt sich die Musikrichtung der Band VENUES, sie kommt ursprünglich aus der amerikanischen Hardcore Punkszene. Dennis an den Drums schmeißt seine langen, blonden Haare vor und zurück. Es scheint fast, als würde er gleich abheben, so heftig schlägt er auf das Schlagzeug ein. Nach einer halben Stunde ist der Auftritt vorbei. Es riecht nach Schweiß.

Im Gegensatz zu den anderen Bands des Abends wirken die VENUES lockerer, routinierter, aufeinander abgestimmt. Es ist nicht einer ihrer ersten Auftritte, das merkt man. Fünf Minuten vor dem Auftritt setzt die Aufregung ein, doch sobald die Musik ertönt, ist sie wie weggeblasen. Seit 2014 gibt es die VENUES nun. Damals war es nur ein Hobby. Das hat sich mittlerweile geändert. Man merkt jedoch auch, es ist nicht leicht, ein skeptisches und nüchternes Publikum um 15 vor 8 beim ersten Auftritt des Abends auftauen zu lassen. „Das Publikum ist meistens gegen Ende des Abends lockerer und besser drauf. Dann macht es richtig Bock. Die Stuttgarter sind aber generell oft kritisch und analysieren viel", sagt Sängerin Nyves nach dem Auftritt. Dass sie eine Kehlkopf Entzündung hat, war nicht zu hören. Eigentlich sollte sie gar nicht auf der Bühne stehen. Doch was ist ein Auftritt ohne die Sängerin? Einen Gig verschieben oder gar absagen kommt für die Newcomer nicht in Frage. Die VENUES stehen noch am Anfang. „Ich habe in den letzten Jahren mein ganzes Leben um die Musik herum gebaut", sagt der 28 jährige Sänger Robin nachdenklich. Mit einem weit ausgeschnittenen Tanktop, den schwarzen Stoffvans und einer engen Röhrenjeans sitzt er im Backstage Bereich. Wenn er nachdenkt, fasst er sich mit der linken Hand an das Ohrläppchen und streicht durch seinen wuscheligen Vollbart. Schon mit 16 hat er sich das Singen mit Youtube-Tutorials beigebracht, seine Vorbilder Bands wie die Punkrocker Sum 41 oder Blink 182. Nach seinem Bachelor in Medieninformatik in Furtwangen ging er für seinen Master nach Stuttgart an die Hochschule der Medien. Seine Masterarbeit schrieb er bei Nuclear Blast, einem der größten Metallabels der Welt. Heute arbeitet er bei dem Sublabel Arising Empire als A&R, Artist and Repertoire. Bandakquise, Social Media Management, Promotion – das alles gehört zu seinen Aufgaben. Durch diesen Job bekommt er mit, wie der Hase läuft und kann auch das Management seiner Band übernehmen. Ohne gute Öffentlichkeitsarbeit geht heute gar nichts mehr. Für die VENUES hat Social Media eine besondere Bedeutung: Anfang 2015 wurden sie so von einem Studio entdeckt und bekamen das Angebot, ihre ersten Songs professionell aufzunehmen. Neun Tage am Stück – das Endergebnis waren drei fertige Songs und kurz darauf auch ein Musikvideo. „Das war ein krasses Erlebnis. Wir hatten keine Ahnung von nichts, alles war komplett neu", erinnert sich Robin. „Aber das erste Mal seinen eigenen Song aufgenommen zu hören, das war ein magischer Moment für uns." Damals hießen sie noch Break down Avenue. Den Namen haben sie erst vor kurzem geändert.

„Wir haben uns musikalisch gefunden. Der Name von damals hat einfach nicht mehr zu dem gepasst, was wir jetzt sind."

Und plötzlich ändert sich alles. Nach dem ersten Musikvideo kamen die ersten Gig Anfragen und von diesem Startschuss an musste die Band professionell denken. Die VENUES haben, anders als andere Newcomer, kein Label im Rücken, welches ihnen Vorschriften macht. Das bedeutet aber auch mehr an Organisationsaufwand. Neben der Social Media Arbeit müssen die Auftritte organisiert, Proben veranstaltet und neue Lieder produziert und geschrieben werden. Da bleibt nicht mehr viel Zeit für Privates. Jedes einzelne Bandmitglied bekommt dies zu spüren. Sich da eher für einen Teilzeitjob zu entscheiden statt Vollzeit zu arbeiten, ist für viele der Bandmitglieder selbstverständlich. Das ganze Team bringt sich ein, es herrscht eine klare Aufgabenverteilung. Der eine Gitarrist verhandelt beim Booking härter als alle anderen, der andere ist für die Designs des Merchandise zuständig. Vergleichbar ist dies wie mit einem eigenen Unternehmen. Das Produkt, welches sie verkaufen, ist ihre Musik. Drum herum muss aber so viel passieren, dass sie nur erfolgreich sein können, solange die anderen Dinge laufen. Ganz ohne Hilfe von außerhalb funktioniert es da nicht. So ist da noch Julian, der für die Technik und den Ton zuständig ist und sich um Schlafplätze und Fahrten der Band kümmert. „Mittlerweile sind wir nicht mehr nur ein Team, sondern eine Familie", sagt Tamara. Sie ist mit für den Verkauf vom Merchandise verantwortlich und somit auch immer vor Ort, wenn die Band auf der Bühne steht.

Impressionen aus dem Band Alltag |Foto: Geraldine Nirschl

Auf der einen Seite das Gefühl einer Familie, auf der anderen harte Arbeit. So haben sich auch schon Mitglieder gegen die Band entschieden. In den letzten zwei Jahren sind bei den VENUES insgesamt zwei Bassisten ausgestiegen. Mitgliederwechsel sind für eine Newcomerband immer ein harter Schlag. Neue Teile für das Bandpuzzle müssen gesucht werden, sich eingewöhnen, die gesamte Band muss sich neu strukturieren. Da muss viel passen, damit eine Band nicht nur als Band funktionieren kann, sondern auch auf persönlicher Ebene. Für Robin sind Reibungen und Diskussionen aber normal. „Eine Band ist ein komplexes Konstrukt, eine große Herausforderung. Sechs kreative Köpfe und jeder versucht, seine Idee durchzusetzen. Da ist es wichtig, Kompromisse eingehen zu können, sich selbst zurückzunehmen. Am Ende des Tages zählt eben das Endprodukt." In ihren Anfängen haben sich die VENUES ausprobiert. Sie wollten erfolgreich werden, am besten sofort. Daher machten sie auch bei einem Songcontest mit. „Die Veranstalter leben davon, dass die Bands sich total reinhängen, Vollgas geben. Letztendlich bringt dich der Contest selbst aber so gut wie nie voran." Robin findet, man solle sich da keine Illusionen machen, denn solche Wettbewerbe machen Dich nicht groß. Selten kommt es vor, dass die Gewinner von einem Label unter Vertrag genommen werden. Und wenn doch, dann handelt es sich hierbei nicht unbedingt um ein seriöses. Für die VENUES mittlerweile ein Grundsatz, den sie nicht vertreten wollen. „Ein Label sollte eine Band unter Vertrag nehmen, weil es an sie glaubt und nicht, weil die Band den ersten Platz bei einem Songcontest belegt hat." Viele Newcomer sehen aber keinen anderen Weg, um berühmt zu werden. Die Finanzen machen ihnen oft einen Strich durch die Rechnung. Die Illusion an horrenden Gagen ist, zumindest am Anfang, noch in weiter Ferne. Die Realität sieht so aus, dass eine Band nicht nur viel Zeit, sondern auch Geld kostet. Videodrehs, Instrumente und die monatliche Proberaummiete sind nur ein Teil der Kosten. Hinzu kommt der Aufwand für das Merchandising, externe Designer oder das Pressen von CDs. „Man muss sich als Band immer fragen, in was investieren wir, mit wem wollen wir zusammen arbeiten, wer passt zu uns und wer nicht? Ich will nicht wissen, wie viel tausende Euro ich schon in die Band investiert habe. Um aktuell wirklich davon leben zu können, müssten wir monatlich rund 2.400 EP-CDs verkaufen oder 30 Auftritte haben – das ist absolut utopisch."

In den kommenden Monaten wollen die VENUES ihr erstes Debütalbum produzieren, hierfür eventuell sogar mit einem Label zusammen arbeiten. Für Robin und die VENUES ist dies eine Investition in die Zukunft. Doch wann und ob das Geld überhaupt wieder reinkommt, das steht in den Sternen. In den Sternen steht auch, ob der Durchbruch für die VENUES noch in diesem Jahr folgen könnte. Aktuell sind sie das erste Mal als Vorband auf Tour. Eine riesige Chance, die jede Band sofort annehmen sollte? Die Entscheidung war jedoch nicht so leicht, wie es scheint. Allein die Schlafplätze im Tourbus zu zahlen, hat vollen Einsatz aller Bandmitglieder gefordert. Zu fünft in einem Nightliner mit 20 Betten, 16 Tage kosten die Band rund 5000€. Für die Tour an sich erhalten sie keine Gage, da die VENUES als zweiter Opening-Act neben den großen Bands froh sein können, überhaupt mit dabei zu sein. Und auch die Urlaubstage der einzelnen Bandmitglieder gehen drauf. Bedeutet: Viele Unkosten, aber keine Einnahmen? „Das meiste Geld verdienen wir tatsächlich mit dem Verkauf unserer Merchandise-Produkte, weshalb wir vor der Tour auch noch mal ordentlich aufgestockt haben."

1 Tour, 16 Tage, 14 Gigs. Mit einer Trancecore Band aus Essen, die auf Facebook 51.700 Fans hat. Für die VENUES ist das ihr erster großer Meilenstein. Doch auch wenn es sich nicht direkt bemerkbar machen wird, für Robin zählt einzig und allein das Gefühl mit seiner Band: Diese halbe Stunde auf der Bühne stehen, völlig abzugehen, sich der Musik hinzugeben. „Für mich ist es das Schönste zu sehen, dass es Leute gibt, die unsere Musik feiern."

Es ist Samstagabend. 20:15 Uhr. Das Konzert ist vorbei, die Instrumente werden zusammen gepackt, die VENUES gehen von der Bühne. 30 Minuten, 6 Gesichter, ein Publikum. Robin mischt sich unter die Menge. Nach dem Auftritt ist vor dem Auftritt. Herzblut. Vollgas. Abgehen. Leidenschaft. Familie. Der Traum einer Newcomer- Band.

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Über die Autoren

Malin Zeuchner

Crossmedia Redaktion / Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/2016

Geraldine Nirschl

Crossmedia Redaktion / Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/2016