Dialektschwund

In der Stadt wird nicht g’schwätzt

08.12.2016

Während der Dialekt auf dem Land ein Teil des Alltags ist, scheint er in der Stadt mehr und mehr zu versickern. Wo Kulturen und Sprachen aufeinandertreffen, entstehen dialektfreie Zonen.

Der Dialekt ist ein wichtiges Kulturgut, doch gefühlt sprechen ihn immer weniger Menschen |Quelle: Dominic Berner

Der Applaus prasselt wie Starkregen in dem alten Kellergewölbe. Alle Stühle sind besetzt. Auf den Tischen stehen Weizengläser neben Blumenvasen und der würzige Duft von Linsensuppe verführt zum Blick in die Speisekarte. Ein älterer Herr bestellt einen Rotwein – Trollinger natürlich. Einen Rotwein in einem Braukeller? Unter anderen Umständen merkwürdig, doch nicht hier. Am anderen Ende des Gewölbes stimmt der Gitarrist und Sänger der Kehrwoch Mafia ein paar Akkorde an. Er holt tief Luft, zupft an den Saiten und beginnt mit dem nächsten Titel, sein Partner stimmt mit ein. „Kehrwoch bei Nacht" heißt der Song und handelt vom zweitwichtigsten Kulturgut des Schwabenlandes – der Kehrwoche. Nun schon zum elften Mal trifft sich der Stuttgarter Mund.art-Stammtisch in Carls Braukeller in der Dinkelacker Brauereigaststätte. Im Mittelpunkt des Abends steht das wichtigste aller schwäbischen Kulturgüter – der Dialekt.

„Wir können alles. Außer Hochdeutsch", lautet der Slogan des Landes Baden-Württemberg. Doch gefühlt sprechen nur noch wenige Leute Dialekt. Die Älteren eben. Früher hieß es noch „Griaß Godd" und „Adee", heute „Hi" und „Ciao Ciao". Der moderne Mensch ist eben auch auf sprachlicher Ebene den Einflüssen unzähliger Kulturen ausgesetzt. Der Trend scheint in Richtung Anglizismen und Co. zu gehen und weg von der eingestaubten bäuerlichen Mundart. Vor allem bei den jüngeren Generationen. Heißt das also, dass der Dialekt als Kulturgut ausstirbt, in einer Zeit, in der die kulturelle Vielfalt kaum größer sein könnte? Verschluckt also das Neue das Alte?

Die Frage, ob der Dialekt ausstirbt, ist beim Mundart-Stammtisch ein häufiges Thema.

Dialektfreie Zonen entstehen

Professor Hubert Klausmann ist wissenschaftlicher Leiter der Tübinger Arbeitsstelle „Sprache in Südwestdeutschland" und Experte in Sachen Dialekt. Er kennt die Gründe für Veränderungen in der Mundart. „Wenn zwei Dialekte aufeinanderprallen, wird derjenige mit dem höheren Prestige den anderen beeinflussen und sogar eventuell verdrängen", erklärt der Wissenschaftler und gibt ein Beispiel: „Das Schwäbische hat im Bodenseegebiet um Friedrichshafen so hohes Prestige, dass es das Alemannische verdrängt hat." Wie sieht das also umgewälzt auf unsere heutige Situation aus? „Ballungsräume, also große Städte wie Stuttgart, können zu dialektfreien Zonen werden. Wenn viele verschiedene Kulturen auf engem Raum leben, muss man sich auf eine Sprache einigen", sagt Klausmann. Der Experte stellt aber klar, dass der Dialekt - oder auch Mundart - in ländlichen Gebieten die übliche Umgangssprache ist und gepflegt wird. Zudem sei es auch falsch zu sagen, dass Mundart überwiegend von älteren Menschen gesprochen wird. Es komme immer darauf an, wo man sich befindet. „Der Dialekt geht nicht verloren. Die Globalisierung führt zu einer mehrschichtigen Mehrsprachigkeit aber auch zu einer Wiederaufwertung des Regionalen und damit auch des Dialekts", sagt Klausmann.

Renaissance der Mundart

Im Braukeller, am Kopf des Tisches für die Ehrengäste, sitzt ein Herr mit silbrig grauem Haar in dunklem Anzug. In der einen Hand einen Kugelschreiber, in der anderen die Gästeliste. Er hakt die Namen der Ankommenden ab. Dr. Wolfgang Wulz ist Germanist, Buchautor und der Vorsitzender des Vereins schwäbische Mund.art. In verschiedenen Städten der Region organisiert er Stammtische wie diesen. Künstler wie Kabarettisten oder Musiker treten auf, Gedichte und Geschichten werden erzählt und Gespräche geführt. Alles in Mundart selbstverständlich. Dabei spielt es keine Rolle ob man Schwäbisch, Alemannisch, Fränkisch oder Schweizerdeutsch spricht.

Wulz befasst sich vor allem mit verschieden Schwäbischen Dialekten. Er veröffentlichte beispielsweise mehrere Bände über regionale Spitz- und Necknamen. Auch er glaubt nicht, dass der Dialekt ausstirbt. „Ab der Schule legt man die Mundart ab, denn man kommt mit Leuten zusammen, die reines Hochdeutsch sprechen oder andere Muttersprachen haben. Später, in den Dreißigern oder Vierzigern, entdeckt man den Dialekt dann aber wieder für sich", erklärt der Autor.

Im Bereich Mundart kennt sich Dr. Wolfgang Wulz aus. Wie sieht die Zukunft des Dialekts aus?

Es stimmt also, die kulturelle Vielfalt zwingt jeden Menschen in der heutigen Gesellschaft, sich ein Stück weit sprachlich anzupassen. Doch das bedeutet nicht, dass ein Dialekt-Muttersprachler die Mundart komplett niederlegt. „Es gibt verschiedene Sprachebenen. In verschiedenen Gruppen rede ich natürlich auch anders. In der Universität beispielsweise versuchen Sie Schriftdeutsch zu sprechen, wenn Sie aber mit Kumpels zusammensitzen und dialektal geprägt sind, kommt häufig auch der Dialekt hervor", erklärt Wulz. Der Germanist glaubt an die Zukunft der Mundart: „Klar kann man sich vorstellen, dass in manchen Gebieten der Dialekt ausstirbt, aber es wird immer Menschen geben, die ihn wahren."

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Über den Autor

Dominic Berner

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