Stammtisch der Nacht-Family

Die Bennibär-Show – alles halb so wild

13.03.2017

Ben Streubel ist die Nachteule im Radio. Er moderiert zu einer Zeit, in der die meisten Menschen in ihren Betten schlummern. Wach bleibt allein eine ausgewählte Nacht-Family. Für sie macht Streubel seine Show. Wer reinhorcht, der merkt schnell: Radio nachts ist anders, als am Tag. Hier vermittelt der Bennibär sein ganz persönliches Lebensgefühl.

                               Wenn er das Licht auf „Mondstimmung" eingestellt hat, fühlt sich Ben Streubel wohl im SWR3-Studio. | Bild: Nils Kraft

Entspannt thront er in seinem Drehstuhl. Vor ihm ragt ein riesiges Mischpult empor. Hunderte Knöpfe, dutzende Regler, fünf Monitore. Auf einem Bildschirm sieht Ben Streubel, welche Songs er in seiner Sendung abspielen wird. Der Moderator zückt sein Smartphone und fotografiert die Playlist. Dabei zeigt er mit dem Finger auf „Mein Ding" von Udo Lindenberg. Um 00:27 Uhr wird das Lied laufen. Das Foto schickt Streubel per Messenger an keinen geringeren als Udo Lindenberg persönlich. Wenig später antwortet der Rockmusiker mit Herzchen-Emoticons. Streubel lacht. Seit Udo Lindenberg eines Nachts auf der Studiohotline anrief, kennen sich die beiden. Es hat sich eine Freundschaft zwischen dem Radiomoderator und seinem Kindheitsidol entwickelt.

Als eingefleischter Nachtmensch lauscht Lindenberg fast immer, was Ben Streubel in seiner Nachtshow treibt. In der Regel brummt der Bennibär – wie er von seinen treuen Hörern genannt wird – viermal pro Woche mit seiner tiefen, sonoren Stimme aus dem Radiogerät. Immer zwischen Mitternacht und fünf Uhr in der Früh. Eine Zeit, in der die meisten Menschen schlafen. Aber nicht alle. Überall in Deutschland brennen zur dunkelsten Zeit noch einzelne Lichter. Manch einen bringen Sorgen oder aufwühlende Gedanken um den Schlaf, bei anderen ist es der Beruf. Sei es ein Berufskraftfahrer, der über eine gottverlassene, stockfinstere Autobahn hinwegfegt. Sei es ein Taxifahrer, der in seinem kalten, unbequemen Fahrersitz auf den nächsten Kunden wartet. Oder sei es ein Zeitungsausträger, der die Briefkästen in den menschenverlassenen, düsteren Straßen abklappert.

Gemeinsam sind es zahlreiche Lichter, die bundesweit verteilt sind – schließlich wird Streubels Nachtshow aus Baden-Baden nicht nur über die Frequenzen des Südwestrundfunks, sondern auch über jene des Hessischen Rundfunks bis nach Norden über den Rundfunk Berlin-Brandenburg verbreitet. Auch, wenn all diese Nachteulen ganz verstreut im Sendegebiet herumschwirren und sich vielleicht nie persönlich treffen werden, so sind sie doch verbunden. Über ihren Bennibär können sie indirekt miteinander reden, sich etwa gegenseitig vor Gefahrenstellen auf den Bundesstraßen und Autobahnen warnen. „Das Schöne hieran ist, es ist so eine Twilight-Zone. Wir sind wie eine Familie", meint Ben Streubel. Zu dieser Familie gehören alle Nachtarbeiter, die Schlaflosen und ebenso die Nachtschwärmer wie Udo Lindenberg. Hier treffen sie alle aufeinander, die zu dieser ungewöhnlichen Zeit wach sind.

Dem Bennibär ist die Rolle des Familienoberhauptes wie auf den Leib geschnitten. Er selbst fühlt sich zur nächtlichen Zeit pudelwohl. „Ich mag nachts einfach die ganze Atmosphäre, die ist wesentlich entspannter, cooler", beschreibt Ben Streubel und ergänzt mit gewohnt trockenem Humor: „Also nur die Experten sind nachts überhaupt auf." Der Nachtmoderator findet es sogar besser, werktags in einem etwas anderen Lebensrhythmus zu schwelgen. „Tagsüber sind die Stressvögel unterwegs, die Morgenmuffel", überlegt Streubel. „Ich habe den Vorteil, ich überschlafe diese ganze Umtriebigkeit an den Bahnhöfen und in den Straßen." Und bis die Leute erst einmal richtig in Gang kommen – so gegen Mittag –, da stoße er ohnehin dazu. „Ich steige erst ein, wenn sich alle abgearbeitet haben. Das ist das Schöne an Nachtarbeit", schwärmt Streubel.

In seiner nächtlichen Radioshow überwiegt eine fröhliche, humorvolle Stimmung mit Anekdoten und Call-in-Spielen. Doch off air verkörpert Ben Streubel noch viel mehr ein offenes Ohr, einen Zuhörer – einen Seelsorger. „Es gibt Menschen, für die bist du ein Ansprechpartner. Wenn sie halt niemanden haben, mit dem sie reden können, rufen sie hier an", beschreibt Streubel. Genau das zeichnet diese Zeit aus, die der Nachtmoderator nicht ohne Grund als Twilight-Zone bezeichnet. Denn die Bewohner dieser Twilight-Zone sind meist allein. Wenn es überhaupt eine Partnerin oder einen Partner gibt, dann schlafen die oder sind an einem anderen Ort. Es ist dunkel und still. Man liegt mit sich allein im Bett, sitzt im Auto oder Lastwagen. Da fängt manch ein Kopf an zu rattern, macht sich seine Gedanken – die Menschen finden mehr zu sich selbst. „Zwischen null und fünf Uhr ist die ehrlichste Zeit", meint Streubel. Diese spezielle nächtliche Atmosphäre wirkt sich auf die „Nacht-Family" aus, wie Ben Streubel die Gemeinschaft der Nachteulen getauft hat. „Menschen, die tagsüber einen ganz seriösen Beruf haben – vielleicht sind sie Banker oder Anwälte –, die lassen dann nachts ihr zweites Ich so ein bisschen heraus", beobachtet er.

Der Nachtmoderator tappt strumpfsockig zu den vielen Reglern hinüber, die sich an der Studiowand befinden. Damit kann er die Helligkeit und Tönung des Lichts im Radiostudio einstellen. Er dimmt auf „Mondstimmung", wie er es nennt. Eine Mischung aus gelblichen und rötlichen Farben. Dann macht er es sich wieder in seinem Drehstuhl gemütlich und streckt die Beine unter dem Studiopult aus. Erneut leuchtet die Telefonanlage auf. Ein Mitglied der Nacht-Family möchte betreut werden. „SWR3 hier. Hallo?"

„Hallo. Du, mich hat mal ein Kraftfahrer von der Ladefläche geschmissen, da hab‘ ich mir zwei Lendenwirbel gebrochen und drei Bandscheiben zertrümmert. Das war ’ne halbe Story, sag‘ ich dir. Deswegen bin ich jetzt jede Nacht wach. Weil ich nicht schlafen kann. Cool, oder…? Und du hast gedacht, ich bin großer Fan von dir, dabei kann ich bloß nicht schlafen. Manchmal haust du richtige Dinger raus, die könnten glatt von mir sein."

Diesen Hörer kennt Ben Streubel bereits. Ein Stammkunde. Manche würden jede Nacht anrufen, seit zehn Jahren. „Das sind alles liebe Leute, die mit zu unserer Nacht-Family dazugehören. Das ist wie so eine Clique", meint er. Der Moderator mag es, mit seiner Nachtgemeinschaft zu kommunizieren. Jedes Gespräch verläuft anders. Oft muss er seine Spontanität unter Beweis stellen, manch einer möchte den Bennibär auch mal etwas herausfordern. Aber genau das reizt Streubel. Schon als radiobegeisterter Jugendlicher suchte er den Kontakt mit seinen Hörern. Daniela aus Weilmünster war seine allererste Hörerin. „Sie war bei mir in der Klasse in der letzten Reihe und die fand‘ ich ganz süß", erinnert sich Streubel. Also setzte er sich an das kleine Mischpult in seinem Kinderzimmer und nahm Radiosendungen auf – gemixt mit Jingles und Musik. Die Kassetten schenkte er Daniela. „Die war ganz süß und jeder hat das gemacht, was er am besten konnte", erzählt Streubel. „Der eine hatte ein dickes Auto von den Eltern und konnte vorfahren, ich hab‘ ihr Kassetten aufgenommen. Ich glaube, Daniela hört das immer noch", lacht er.

Mit frischen 13 Jahren schickte Streubel eine dieser Kassetten bereits zum damaligen Südwestfunk, um sich dort zu bewerben. Auf dem Tonband war seine eigene Comedy, kurze Sketche. Daraufhin schrieb ihm ein Unterhaltungschef des Senders zurück: „Sehr geehrter Herr Streubel, das was Sie schickten, ist die reinste Bandverschmutzung. Ich gebe Ihnen den Tipp: Schmeißen Sie das Zeug schleunigst in den Mülleimer. Mit ärgerlichen Grüßen, Dr. Klaus Langer. Abteilungsleiter Wort Südwestfunk, Baden-Baden." Kaum vorstellbar, was in einem 13-Jährigen vor sich gehen muss, wenn er einen solchen Brief liest. „Wenn du nur Ideen und ein kleines Mischpult hast und dann kommt das zurück, das ist schon… Da musst du dann weitermachen", meint Ben Streubel heute. „Es gibt viele Menschen, die dich auf deinem Lebensweg verunsichern wollen oder dir ein Bein stellen", blickt er zurück. Aber letztendlich dürfe man sich nicht von anderen Leuten irritieren lassen.

Das hat Ben Streubel nicht gemacht. Trotz dieser Absage beim Südwestfunk moderiert er nun bereits seit 1998 bei der nachfolgenden Rundfunkanstalt, dem Südwestrundfunk. Seit 2002 fast nur noch nachts. Nachtmensch und Routine hin oder her. In dieser langen Zeit kam es trotzdem schon einmal vor, dass Streubel während der Show wegnickte: „Da lief dann ein langer Titel, ich glaube von Genesis." Die bleischweren Augenlieder schoben sich nach unten und waren nicht mehr aufzuhalten. Gleichzeitig lief der Song allmählich aus, immer leiser und leiser. „Dann kam ich zu mir, als ich geweckt wurde, hier vom Hauptschaltmeister", erinnert er sich und grinst. Im sogenannten Hauptschaltraum sitzt ein Mitarbeiter, der stets alle Lautstärkepegel überwacht und prüft, ob auf allen Frequenzen gesendet wird. „Ist da noch jemand im SWR3-Studio?", schallte die Stimme des Wachmanns damals durch eine Sprechanlage. Damit wurde Streubel abrupt aus seinem Schlummerzustand gerüttelt.

Ein paar Sekunden lang war der Sender komplett still. Da hatte die aufmerksame Nacht-Family bereits gemerkt, dass irgendetwas nicht stimmt. In mehreren E-Mails fragten die Hörer, ob ihr Moderator eingeschlafen sei. Erlebnisse wie diese betrachtet Ben Streubel vor allem mit Humor. „Es ist alles halb so wild im Leben", genau dieses Lebensgefühl will er in der Twilight-Zone verstreuen. „Das ist so meine Einstellung zum Leben, ich nehme mich selbst auch nicht zu wichtig", meint Streubel. Probleme und Sorgen nicht als übermäßig wichtig zu erachten – mit dieser Botschaft nimmt der Bennibär die Nachteulen an die Hand und glättet die Sorgenfalten von manch schlaflosem Hörer. „Die Welt verbessern – sind wir mal ehrlich –, das kann man tun, indem man ein gutes Lebensgefühl vermittelt."

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Über den Autor

Nils Kraft

Crossmedia-Redaktion
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015