Religiöse Vielfalt auf der Schwäbischen Alb

Die Moschee im Dorf lassen

21.07.2015

Schömberg bei Balingen liegt idyllisch auf der Schwäbischen Alb und ist in der Umgebung bekannt für seinen kleinen Badesee, reiche Fastnachtstraditionen und einen katholischen Wallfahrtsort. Mitten drin: eine Moschee mit Kuppel und Minarett.

Es ist 21.45 Uhr an einem Freitag, dem Feiertag der Muslime. Vor genau einer Stunde und 20 Minuten ist die Sonne untergegangen – Zeit für das letzte Tagesgebet. Die Männer, die bis eben noch Tee getrunken und sich unterhalten haben, stehen auf und machen sich auf den Weg zum Gebetsraum, die Treppe nach oben, während im Fernseher das türkische Fußballspiel weiterläuft.

„Fräulein, Kaffee fertig machen!", werde ich von einem Mann mit weißen Haaren und buschigen Augenbrauen freundlich aufgefordert. Ich soll schnell austrinken, denn gleich geht es los. Stünde die Moschee in der Türkei, würde jetzt der Gesang des Muezzins vom Minarett über die Dächer hallen. Die Moschee steht aber nicht in Istanbul oder Antalya, sondern in Schömberg, einem Städtchen mit rund 4700 Einwohnern, mitten auf der Schwäbischen Alb.

Schwäbisches Gasthaus wurde zur Moschee

Zuvor hatten die Muslime bereits jahrelang in dem Gebäude gebetet. Damals war unten im ersten Stock noch ein schwäbisches Gasthaus und der Gebetsraum ein einfaches Zimmer, in dem ein Teppich ausgelegt worden war. In der 1979 gegründeten muslimischen Gemeinde, entwickelte sich der Wunsch nach einem eigenen Gebäude. Mesut Torun, Vorsitzender des Moscheevereins, erinnert sich:

Moscheebau in Schömberg

Der Vositzende des Schömberger Moscheevereins Mesut Torun erzählt über den Bau des Gebetshauses.

„Bitte Schuhe ausziehen." Wer den Gebetsraum der Mosche betritt, lässt Schmutz und Staub der Straße draußen. Die Männer machen es vor: einen Schuh abstreifen, mit der Socke auf den Teppich treten, dann den anderen Schuh ausziehen und beide ins Regal stellen. Der Teppich fühlt sich zwischen den Zehen weich an. Darauf sind Rechtecke abgebildet, in Reihen angeordnet. Sie sind mit einem schnörkeligen Muster verziert und sehen aus wie Pfeile. Alle zeigen sie in Richtung Mekka. Eigentlich sollte die gesamte Moschee in Richtung Mekka ausgerichtet sein, aber der Grundriss des Gebäudes ließ das nicht zu. Deshalb ist nun der Teppichboden nicht parallel zu den Außenwänden, sondern fast diagonal. In der Kuppel über den Köpfen der Gläubigen hängt ein riesiger Kronleuchter mit unzähligen glitzernden Kristallen. Ansonsten wirkt der Raum leer, so ohne Bänke, wie man sie aus christlichen Kirchen gewohnt ist. Und gleichzeitig heimelig, wie ein großes orientalisches Wohnzimmer. Ein Duftspender an der Wand taucht den Raum in ein dezentes Aroma.

Ein großer Kronleuchter ist der ganze Stolz der Schömberger Moschee. Für die Verzierungen an Decke und Wänden kamen Maler aus der Türkei. (Bild: Elena Riedlinger)

Eine „schöne Schachtel" für den Glauben

„Gott liebt schöne Sachen", ist der ehemalige Vorsitzende des Moscheevereins, Musa Sancar, überzeugt. „Natürlich ist das Gebet am Wichtigsten. Aber wie bei einem Schmuckstück ist auch die Schachtel drum herum von Bedeutung." Umso stolzer waren die Gemeindemitglieder, 2003 ihre Moschee eröffnen zu können. Sie wurde komplett durch Spendengelder des Schömberger Moscheevereins finanziert, dem heute rund 200 Muslime angehören. Was möglich war, haben die Vereinsmitglieder in Eigenleistung gebaut. Innerhalb von zwei Jahren war das alte Gebäude abgerissen und durch ein Neues ersetzt worden. Das bedeutete für die Männer der Gemeinde nach Feierabend in den Firmen fast tägliche Extraschichten auf der Baustelle. Einige Teppiche, Bilder und der Kronleuchter sind extra aus der Türkei angeliefert worden, an der Architektur und den Vermessungsarbeiten haben örtliche Büros gearbeitet. Der Schömberger Vermessungstechniker Robert Licht, der viele Jahre auch Nachbar der Moschee war, erzählt über die Anfänge des Miteinanders:

Ein ehemaliger Nachbar der Moschee erzählt

Der Schömberger Robert Licht erzählt über die Anfänge des Miteinanders mit der muslimischen Gemeinde in Schömberg.

„Hajja ‘ala-salah ", singt der Vorbeter. „Kommt her zum Gebet". Die Gläubigen stehen ganz still, mit den Händen hinter dem Rücken, und lauschen. Die Stimme des Vorbeters tönt im Wechsel monoton und melodisch. Man kann sich förmlich vorstellen, wie die Worte in einer Stadt wie Istanbul von allen Seiten über die Dächer hallen, und innerhalb von Sekunden alles in andächtige Stimmung versetzen. Wie Muslime ihre Läden schließen, ihre Arbeit niederlegen und die Fußballspiele im Fernsehen weiterlaufen lassen, um sich zum Gebet zu versammeln. Nach dem Gebetsruf gehen die Gläubigen zum Pflichtgebet über. Es beginnt im Stehen: die Männer heben die Hände bis auf die Höhe der Ohren, während die Handflächen nach vorne zeigen – ein Zeichen, dass sie sich jetzt voll und ganz auf das Gebet konzentrieren. Sie sprechen leise. Immer wieder fallen sie auf die Knie, berühren mit der Stirn den Boden, verweilen einen Moment und erheben sich wieder. 13 Mal geht das so.

Beten „mit dem Körper"

Fünf tägliche Gebetszeiten gibt es im Islam. Sie richten sich nach dem Stand der Sonne. Theoretisch kann an jedem Ort gebetet werden, am besten aber in einer Moschee, zusammen mit anderen. Besonders freitags, am Feiertag der Muslime, wird der Saal in Schömberg voll mit Gläubigen aus der Umgebung. Muslime beten „mit dem Körper", wie Sancar erklärt. Dies zeige die besondere Hingabe zu Allah. Damit die Muslime dabei von nichts abgelenkt werden, beten Männer und Frauen getrennt voneinander. „Viele glauben, dass Frauen irgendwo anders beten müssen, weil sie weniger wert wären. Das stimmt nicht." betont er. Aber die Konzentration soll in dieser Zeit allein beim Gebet liegen.

Muslimischer Gebetsruf in der Schömberger Moschee

Das Fußballspiel läuft immer noch, als die Männer nach dem Gebet in den Aufenthaltsraum zurückkehren. „Türkisches Fußball, deutsches Fußball, egal!" lacht der Rentner Hassan, einer der Männer, die fast jeden Tag kommen. Zum Beten, Fernsehen, Tee trinken und reden. Für sie ist die Moschee nicht nur Ort des Gebets, sondern Mittelpunkt des sozialen Lebens. Im Keller des Hauses gibt es einen Jugendraum mit Sofas, Tischfußball, einer Dartscheibe und einem Beamer, für Kinoabende.

Die Moschee: Ein offenes Haus

„Hier ist auch eine Anlaufstelle für alle, die nicht so integriert sind oder Probleme haben.", erzählt Torun. Kinder bekämen Hilfe bei Schwierigkeiten in der Schule und Unterstützung in Sachen Ausbildung und Berufswahl. Grundsätzlich steht die Moschee aber für alle Menschen offen, unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit. Für Schulklassen und Kindergärten werden Führungen angeboten und jedes Jahr zum Jubiläum gibt es einen Tag der Offenen Tür mit einem großen türkischen Fest für alle.

Hassan und Musa sind an diesem Freitagabend die letzten, die die Moschee verlassen. Morgen bei Sonnenaufgang werden sie wieder kommen, zum ersten Tagesgebet. „Gebet ist besser als Schlaf", singt der Vorbeter dann. Bis dahin herrscht Ruhe unter dem Kuppeldach der Moschee. Musa knippst den Fernseher aus und löscht das Licht im Aufenthaltsraum. Oben im Gebetsraum glitzern im Licht der Straßenlaternen, das zum Fenster hereinfällt, die Kristalle des Kronleuchters.

Nachbarschaft der Religionen: Von einem Fenster der Moschee sieht man direkt auf den Turm der katholischen Stadtkirche. (Bild: Elena Riedlinger)

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Über den Autor

Elena Riedlinger

Crossmedia-Redaktion
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2014/2015