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Die neue Nachbarschaft online

20.01.2016

Nur wenige können die Aussage: „Ich kenne meine Nachbarn“ in der Großstadt noch wirklich bejahen. Durch die Digitalisierung und Social Media hat sich die Gesellschaft und unser Alltag gewandelt. Braucht man etwas, textet man lieber, als drüben mal schnell zu klingeln. Nachbarschaftshilfe-Apps sollen eine erste Lösung sein.

Anonyme Großstadt

Wir haben Passanten in Stuttgart befragt. Kennt ihr eure Nachbarn eigentlich noch? Würdet ihr euch mehr Austausch wünschen? Das Ergebnis seht ihr hier.

Durch Online-Tools wird versucht wieder mehr Face-to-Face Interaktionen zu schaffen. Das Online-Leben soll wieder offline gestaltet werden.

Folgende Faktoren in unserer Gesellschaft sind in Bezug auf sozialen Austausch prägend. Zum einen, dass die Nutzung der Online-Kommunikation überwiegend eine große Rolle spielt. Laut dem Institut für Demoskopie Allensbach tauschen sich von den 18 bis 29 Jährigen 67 Prozent mindestens mehrmals in der Woche privat mit anderen über das Internet aus. Eine Substitution persönlicher Gespräche durch den Austausch im Internet ist aber nicht zu erkennen. Im Gegenteil: Wer häufiger intensiv online kommuniziert, führt auch häufiger ausführliche persönliche Gespräche. Zum anderen ergab eine bevölkerungsrepräsentative Studie der TAG Immobilien AG 2014, dass jeder zweite Deutsche seinen Nachbarn nicht kennt.

Diese Faktoren verlocken viele Start-ups, Initiative zu zeigen. Unter anderem durch Apps und Webseiten versuchen diese, Nachbarschaftshilfe zum Trend zu machen. Hyperlokalität ist hier das Stichwort. Immer mehr wird das, was in der direkten Umgebung geschieht, online abgebildet. Die Nachbarschafts-App, myneighbor.com, nebenan.de oder DoMeAFavor sind Beispiele für eine offene Plattform, bei der man die Frau von nebenan entdecken kann, die einem die Blumen gießt, einen Jogging-Partner findet oder eben mal eine Bohrmaschine ausleihen kann. Auf dem Land ist das Alltag, Ziel ist jetzt die Großstadt.

Für Motion haben wir uns mit zwei Gründerinnen von Deine-Strasse.de getroffen. Die Webseite, die die Nachbarschaftshilfe vom Dorf wieder in die Stadt holen soll, ist noch nicht komplett fertig. Trotzdem verfolgen sie mit ihrer Idee eine klare Vision.

Dörfliche Nachbarschaft in der Stadt - eine der Online-Initiativen

Corinna und Katharina geben uns einen Einblick in die Nachbarschaftsplattform Deine-Straße.de; Bilder: Diana Olbrich, Meltem Yurt

Die Perspektive der User - ein Selbsttest

Und wie sieht es auf der Nutzerseite aus? Wir wollten eine App testen, die im Gegensatz zu Deine-Strasse.de bereits im Umlauf ist und eine Community aufgebaut hat. Der typische Nutzer bei DoMeAFavour lebt in einer Großstadt. „Besonders stark wird die App in und um Köln, Stuttgart und Hamburg genutzt”, teilt uns DoMeAFavour mit. Interessant zu erfahren war auch, welche Favours denn am häufigsten eingestellt werden: „Wir haben den Eindruck, dass besonders oft Babysitting, Gassi gehen, Backen und handwerkliche Arbeiten nachgefragt und angeboten werden. Manchmal aber auch „verrücktere Sachen" wie Boule-Runden oder Porsche-Probefahrt.”

Zu Anfang unseres Selbsttests zeigte uns die integrierte Karte Nachfrage und Angebot in der unmittelbaren Nähe. Ein wenig wie ein Mini-Facebook, nur gefiltert. Dabei stellten die roten Pins die nachgefragten und die grünen die angebotenen Favours dar. Gestartet haben wir mit einem simplen Favour und haben nach Erfahrungen mit der App gefragt. Tatsächlich kamen direkt Antworten von verschiedenen Menschen in unserer Umgebung, Stuttgart-Mitte. Größtenteils waren diese positiv.

Begleitet uns bei unserem Selbsttest mit der DoMeAFavour-App

„Nachhilfe in Textkompetenz" war unser angebotener Favour. Auf den hat sich prompt auch ein Sebastian gemeldet. Doch wer ist Sebastian? Wie kann man sich sicher sein, dass hinter vermeintlicher Nachbarschaftshilfe nicht eine ausgeklügelte Masche steckt?

Sicherheit im Netz

Die Anonymität online kann nämlich auch Gefahren bergen. So toll die Idee ist, sollte man seine eigene Sicherheit nicht aufs Spiel setzen. Am besten trifft man sich auf öffentlichen Plätzen. Ein gutes Indiz ist außerdem das eingebaute Bewertungssystem. Je nach Aktivität und Verlässlichkeit können bis zu fünf Herzen vergeben werden.

Das Konzept für Nachbarschaftshilfe online hat auch an anderen Stellen Schwachpunkte. Häufig wird mehr verlangt als geboten, oder es bleibt bei kleinen Gefallen. Mit zunehmender Hilfsbereitschaft steigt nämlich auch die Erwartung von Gegenleistung. Betrachtet man noch die typischen Nutzer, kommt ein weiterer Nachteil hinzu. Was ist mit der weniger online affinen älteren Generation? Meist sind nämlich diese diejenigen, die bereitwilliger Hilfe anbieten und auch häufiger auf Hilfe angewiesen sind.

Ein Anstoß gegen die Anonymität

Nachteile solcher Art können sich jedoch auch in der realen Nachbarschaft auftun. Anonymität ist eben nicht nur online ein Problem. Wer wohnt tatsächlich in deinem Block? Würden die älteren Parteien im Gebäude bei dir klingeln, wenn sie auf Hilfe angewiesen wären? Auch sonst schreibt man heutzutage lieber eine SMS, als eben beim Nachbarn zu klingeln. Und genau hier ist der Ansatz der Gründer. Durch Posten Türklingeln generieren. Wer weiß, vielleicht wohnt dein gesuchter Joggingpartner nur wenige Häuser weiter.

Nachbarschaftshilfe online:

DoMeAFavour-App

Deine-Strasse.de

Myneighbor-App

Die Nachbarschafts-App

Nebenan.de

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Über die Autoren

Diana Olbrich

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2015

Meltem Yurt

Crossmedia Redaktion (Bachelor)
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2015