Urban Gardening

Die Stadt ist unser Garten

12.04.2017

Die Weilimdorfer Chloroplasten arbeiten anders als ihre zellulären Geschwister: Statt Licht in Energie wird hier ein brachliegendes Gelände in einen Ort der Menschlichkeit verwandelt. Ihr Chlorophyll? Einsatz! Über einen Verein in Stuttgart Weilimdorf, der im kleinen Gewächshaus nach Großem strebt und ganz nebenbei Menschen zusammenbringt.

Beim Urban Gardening trifft städtisches Leben auf Natur – Improvisation und Kreativität sind an der Tagesordnung. |Foto: Cosima Staneker

„Die Gläser dort oben hab’ ich repariert", sagt Markus und deutet stolz über sich. Neben ihm sitzt Andreas, der Gründer des Chloroplast e.V. Im Gewächshaus ist es warm und feucht, draußen zwitschern die Vögel. Die Pflanzen rascheln leise in der Frühlingsbrise, die durch das offene Dach nach innen dringt. Im hinteren Bereich des verglasten Gebäudes plätschert die Bewässerungsanlage vor sich hin. Seit etwa einem Jahr ist Markus Mitglied im Verein, kümmert sich um Reparaturen und genießt die eine oder andere Bionade bei entspannter Hippie-Musik. „Ich gärtnere nicht viel, aber das kann sich ja noch ändern." Ein Freund hat ihn damals auf den Verein in Stuttgart Weilimdorf aufmerksam gemacht, seitdem hilft er den anderen Mitgliedern, wo er kann. Er wolle dem Verein etwas zurückgeben, sagt er und lächelt.

Ob Hopfen, Mais oder Physalis – die Chloroplasten pflegen ihre Pflanzen von Klein auf. |Foto: Cosima Staneker

Potenzial zwischen Schutt und Asche

Anfang 2015 entdeckt Andreas Zeger zufällig das brachliegende Gelände am Bergheimer Hof. Als Künstler und Visionär mehrerer sozialer Projekte ist ihm das Potenzial der ehemaligen Gärtnerei sofort bewusst. Mit einem Freund mietet er das Wohngebäude und das hintere Drittel des Geländes an, pflegt die Pflanzen, räumt den Hof auf und bringt das Gewächshaus, das in den Sechzigerjahren erbaut wurde, wieder in Schuss. Immer mehr Bekannte und Kollegen interessieren sich für das Projekt und packen mit an. Im Sommer 2015 schließt sich die lose Gruppe schließlich zum Chloroplast e.V. zusammen, auch, damit die städtische Politik sie und ihr Vorhaben ernst nimmt. Besonders die Weilimdorfer freuen sich, dass sich im brachliegenden Areal mal wieder etwas tut und der Verein wächst. Landschaftsarchitekten, Hobbygärtner, Ingenieure und Künstler – jeder bringt sich und seine Fähigkeiten mit vollem Einsatz in das Projekt ein. So entstehen über die Jahre mehrere Hochbeete, kleine Gärten und sogar eine Aqua Ponic Anlage, die ein Chloroplast in eigener Handarbeit im Gewächshaus installiert.

Landschaftsarchitekt Jochen Koeber setzt auf eine gute Öffentlichkeitsarbeit. |Quelle: Cosima Staneker

Nachhaltigkeit als oberstes Gebot

Die Anlage verbindet sämtliche Pflanzen im Gewächshaus mit einem Wassertank, in dem sich etwa zwanzig Fische tummeln. Ihr Kot düngt die Pflanzen, diese reinigen gleichzeitig das Wasser, was wiederum den Fischen zugute kommt. So profitieren beide Lebensformen ohne jeglichen Zusatz von Chemie voneinander. Am Ende können nicht nur die Lebensmittel geerntet, sondern auch die Fische gegessen werden – fangfrischer Fisch aus Weilimdorf ist damit bald Realität. Diese Nachhaltigkeit lebt der Verein aus voller Überzeugung. Jeder Gärtner baut sein eigenes Obst und Gemüse an und entscheidet selbst, mit wem er seine Erzeugnisse teilen möchte. Die Bretter für die Hochbeete werden in den Werkstätten aus Holzresten vom befreundeten Wertstoffhof verarbeitet. „Ich glaube, wir haben noch kein einziges Stück Holz neu gekauft", sagt Andreas und schüttelt traurig den Kopf. Bei so viel Altholz, das verbrannt werde, sei alles andere eine Schande.

Hereinspaziert bei den Chloroplasten

Seit Sommer 2015 baut der Verein das Gelände mit vollem Einsatz um. |Fotos: Cosima Staneker

Urban Gardening als soziales Projekt

Nicht nur das Gärtnern steht im Mittelpunkt. Der Verein sieht sich auch als Mittler zwischen den Kulturen und Generationen. So zieht ein Vietnamese seit Kurzem begeistert seine ersten ayurvedischen Heilkräuter im Gewächshaus hoch und vermittelt den anderen Mitgliedern sein Wissen. Auch ein Landwirt aus dem Nordirak, der vor dem Krieg nach Deutschland geflohen ist und im benachbarten Flüchtlingsheim wohnt, geht bei den Chloroplasten wieder seiner Arbeit nach – nur jetzt eben als Hobby. Insgesamt hat Andreas das Aufstellen von 30 Hochbeeten in Hausener Flüchtlingsheimen initiiert. Laut ihm komme man beim Gärtnern zusammen, tausche sich aus und lerne, voneinander zu profitieren. So bringen sich auch die älteren Einwohner des Stadtteils in das Vereinsleben ein, indem sie wertvolle Tipps zum Anbau und Konservieren von Obst und Gemüse geben. Nach dem Krieg war Urban Gardening in Form von Eigenversorgung überlebenswichtig. Heutzutage wollen sich vor allem die 25 bis 35-Jährigen, unter ihnen viele junge Familien, durch den sozialen Trend verantwortlich und nachhaltig ernähren und sich von Supermärkten unabhängig machen.

Landschaftsarchitekt Jochen Koeber ordnet die Leistung des Vereins positiv ein. |Quelle: Cosima Staneker

Es hat sich noch nicht ausgegärtnert

Obwohl sich die Vereinsmitglieder ihren heutigen Erfolg vor zwei Jahren nicht erträumt hätten, haben sie sich bereits weitere Ziele gesetzt. Neben einer vollständigen Absicherung des Projekts, auch in finanzieller Hinsicht, steht die Einrichtung eines Showrooms für die eigenen Erzeugnisse im Gewächsraum auf dem Plan. Die Pflanzen sollen wachsen und gedeihen, der Verein will weitere Erfahrungen im gärtnerischen Bereich machen und sein Wissen professionalisieren. Auch Feste und Veranstaltungen sind geplant, um das Areal zum sozialen Treffpunkt in Weilimdorf zu machen, zu einem Ort der Menschlichkeit und Natur. „Sonst gibt es hier ja nicht mehr viel", meint Andreas ernüchtert, lehnt sich in einen selbstgemachten Sessel aus Altkleidern zurück und greift nach einer Bionade. Recht hat er.

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Über den Autor

Cosima Sophie Staneker

Crossmedia-Redaktion
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2016/17