Sprechererziehung

Die Stimme für sich sprechen lassen

31.05.2016

Stimmen können uns verzaubern. Sie haben die Macht, Emotionen in uns hervorzurufen. Gefühle wie Freude, Trauer und Schmerzen, hörbar zu machen. Niemand beherrscht dieses Kunstwerk besser als Synchronsprecher. Wir kennen den Beruf, wir kennen die Stimmen - aber wir kennen kein Gesicht. Wer sind die Menschen hinter den großen Stimmen?

Mario braucht nur sein Mikrofon - und seine Stimme. |Quelle: Catrin Dunz

Dieses Video ermöglicht euch, meinen Synchron-Selbstversuch an der POP Akademie mitzuerleben und euch auch selbst zu testen.

Schauspieler haben unendlich viele Möglichkeiten, Emotionen in uns hervorzurufen: Das verzerrte Gesicht, strömende Tränen und schon wird es uns auch selbst mulmig. Wir fühlen, weil wir sehen. Aber wir können auch fühlen, weil wir hören. Stimmen können uns in ihren Bann ziehen, und wenn sie es richtig machen, fühlt man und erlebt man. Verantwortlich für diesen Zauber sind Synchronsprecher. Sie leihen ihre Stimmen zum Beispiel Trickfilmfiguren oder anderssprachigen Schauspielern, oder aber sie erwecken Geschichten in Hörspielen zum Leben.

Ein Beruf, mit dem wir viel in Kontakt kommen, über den wir dennoch wenig nachdenken. Denn wer kennt schon die Gesichter hinter den großen Stimmen? Mich interessiert: Wie ticken Synchronsprecher, welche Arbeit steckt dahinter und vermisst man die Aufmerksamkeit im Verborgenen?

Deshalb vereinbare ich ein Treffen mit Mario Pitz, Synchronsprecher und Dozent für Kommunikation und Sprecherziehung an der POP Akademie in Stuttgart. Schon am Telefon fällt mir die beeindruckend tiefe und markante Stimme auf. Ich bin gespannt wer sich dahinter verbirgt und mache mich am Mittwoch schließlich auf die Suche nach dem großen, roten Gebäude der POP Akademie. Trotz einiger Schwierigkeiten (Danke an mein Navigationsgerät) finde ich den roten Bau und auch Mario, der mir Rede und Antwort steht.

Mario, wieso entscheidet man sich für einen Beruf im Hintergrund und wie kam das bei dir?

Ich bin ein typisches Kassettenkind, also ich hatte wahnsinnig viele Hörspiele daheim. Zuerst fand ich immer nur die Geschichten interessant, aber irgendwann habe ich angefangen, mich zu fragen - Wer sind die? Wie sehen die aus? Was sind das für Menschen, die ihre Stimme dafür geben? Ich habe dann recherchiert und war oft erstaunt, wer tatsächlich hinter der Stimme steckt. So ist dann einfach eine Faszination entstanden.

Hast du auch jemals daran gedacht, Schauspieler zu werden?

Ja, aber da gab es andere Leute, die haben ihr Künstlertum in einem Radius von drei Metern vor sich hergetragen: „Ich bin Künstler und ich MUSS auf die Bühne". Da hab ich dann gemerkt, so bin ich nicht. Mir reicht es, mich ins Studio zu stellen. Ich habe keine Sehnsucht nach der Bühne oder der Kamera.

Was ist für dich das Schöne an der bloßen Stimme?

Dieser Fokus auf die Stimme. Keine Bewegungen, keine Mimik dazu zu haben, sondern alles über die Stimme zu transportieren. Das finde ich am Spannendsten.

Gibt es denn auch besondere Herausforderungen?

Die Stimme ist in diesem Beruf unglaublichen Belastungen ausgesetzt: Man muss stundenlang sprechen und die Stimme muss perfekt funktionieren, muss immer gleich klingen. Jeder kennt das, wenn man lange und laut spricht, wird man schnell heiser. Das zu verhindern, muss man lernen. Genauso Artikulation: Mit dem gängigen Hochdeutsch kommt man da nicht weit. Die deutsche Phonetik ist wichtig - Ausspracheregeln. Man muss sauber sprechen: kein Nuscheln, kein Verschleifen. Man muss lernen, Emotionen in die Stimme zu packen. Das ist das A und O im Synchron.

Verständlich, aber wie gehst du da vor?

Es gibt verschiedene Techniken, die auch viel mit Schauspiel zu tun haben. Man arbeitet an seiner Atemtechnik. Jede Emotion hat ein bestimmtes Atemmuster: Angst ist zum Beispiel einfach ein schneller, flacher Atem, Wut ist Zähne Zusammenbeißen und durch die Nase atmen. Oder man versetzt sich in bestimmte Situationen, die man vielleicht selbst schon erlebt hat, und lernt die Stimme darauf reagieren zu lassen.

Das heißt ich muss als Synchronsprecher auch eher extrovertiert sein.

Man sollte keine Scheu haben, sich komplett zum Affen zu machen. Man muss oft Szenen nachsprechen, die völlig bekloppt sind. Man darf keine Angst haben, plötzlich anzufangen zu weinen, zu schreien, oder jemanden zu spielen, der bekifft singt- Das musste ich mal machen. Oder man steht im Studio und liest eine Regieanweisung mit „Orgasmuslaut". Das ist dann halt so. Ich hab auch mal eine Figur gesprochen, die ein Rätsel gelöst hat. Die Antwort war „Pisse". Und ich hab dieses Wort zehn Mal sagen müssen, weil es nie gepasst hat. Dann steht man eben im Studio und ruft zehn Mal laut „Pisse", bis alle zufrieden sind. Das ist schon eine kurze Überwindung - Man muss mutig sein.

Also während den Aufnahmen steht man schon im Mittelpunkt?

Klar, man bekommt in diesem Beruf nicht die gleiche Aufmerksamkeit, wie jemand der präsent im Bild zu sehen ist, aber man muss trotzdem funktionieren. Und für diese paar Stunden hat man die komplette Aufmerksamkeit von Regisseur, Tontechniker und Cutter. Wenn man da nicht liefert, ist man auch ganz schnell wieder draußen.

Wie fühlt es sich an, das fertige Projekt zu sehen: Du hörst dich, aber siehst dich nicht.

Für mich ist es mittlerweile nicht mehr komisch. Am Anfang ist es aber sicherlich befremdlich, ein anderes Gesicht mit der eigenen Stimme, oder nur die Stimme ohne Bild zu hören.

Ja! Wenn ich zum Beispiel meine eigene Stimme auf Aufnahmen höre, bin ich immer erschrocken und denke: „Das kann doch nicht ich sein!"

Ja genau. Aber in der Regel ist es immer witzig und schön. Man muss eben erst mal damit klarkommen - Je mehr man macht und je mehr man von sich hört, desto normaler wird es.

Du hast ja jetzt schon viel gemacht- Was sind deine Wünsche für die Zukunft in Sachen Synchron?

Naja, Sachen zu synchronisieren macht mir am meisten Spaß- gerade PC Spiele. Aber meistens macht man Anleitungsvideos, Imagefilme oder auch mal eine Werbung. Das macht zwar Spaß, ist aber eher sachlich, während man im Synchron auch mal auf die Kacke hauen kann! Ansonsten träumt jeder Synchronsprecher davon, die Feststimme von einem großen Schauspieler zu werden. Das wäre natürlich das Highlight. Aber ich hab auch noch einen anderen Wunsch, den andere vielleicht nicht ganz verstehen: Ich würde wahnsinnig gerne mal die Stimme in der U-Bahn werden - so Haltestellenansagen. Einfach zu wissen, man ist eine Stimme, die Menschen tagtäglich begleitet. Das wär mal geil!

Der Stimme ein Gesicht geben...

Lernt Mario und seine Auszubildenden Nadja, Dennis, Sven, Natalie und Viktor kennen! Einfach mit der Maus aufs Bild. Drückt auf die roten Hotspots für das passende Gesicht zur Stimme. Warum Synchronsprecher? |Quelle: Catrin Dunz

Total votes: 204
 

Über den Autor

Catrin Dunz

Crossmedia- Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/2016