K.-o.-Tropfen

Die unsichtbare Gefahr in deinem Glas

27.06.2016

K.-o.-Tropfen. Eine Droge, die dir klammheimlich ins Getränk gemischt wird. Eine Droge, die dich willenlos und handlungsunfähig macht. Tropfen, die dazu benutzt werden, dich auszurauben oder zu missbrauchen. Eine Droge, die legal ist. Aber wieso sind die gefährlichen Tropfen überhaupt frei verkäuflich? Und was passiert, wenn es passiert ist?

Ein kleiner Moment der Unaufmerksamkeit reicht - und die Droge löst sich in deinem Drink.|Bild: Catrin Dunz

Achtzehn ist für jeden ein besonderes Alter. Mit Achtzehn fühlen wir uns endlich frei - legale Feierei, legale Trinkerei, am besten jedes Wochenende auf Achse. Wir trinken, wir tanzen, wir genießen. Aber wir vergessen auch. Wir vergessen auf uns zu achten, wir vergessen die Gefahren, die in Clubs und vielleicht in unseren Gläsern lauern. Und dann plötzlich vergessen wir die ganze Nacht.

Weisser Ring e.V.
- 1976 gegründet
- gemeinnütziger Verein zur Unterstützung von Kriminalitätsopfern und zur Verhütung von Straftaten
- rund 50.000 Mitglieder
- mehr als 3.000 ehrenamtliche Helfer
- 420 Außenstellen
- Opfer- Telefon: 116 006

So erging es Sina (Name von der Redaktion geändert): Es passiert im November 2014. Sina ist gerade Achtzehn geworden und bereit für den Abend. Mit ihren Freunden und ein paar Bekannten glüht sie zu Hause vor. „Wie es halt so üblich ist!" Nach ein, zwei Drinks soll es dann losgehen. Das Ziel? Die Studentenparty an der Technischen Universität in München. Jedes Jahr ein großes Event, mit massenweise, feierwütigen Studenten. Beim Vorglühen hat Sina nicht wirklich viel Alkohol getrunken. „Mit ’ner Freundin bin ich dann noch an die Bar, um uns ein neues Getränk zu bestellen." Sie nimmt es entgegen, trinkt zwei Schlucke- und schüttet es dann weg. „Das Getränk hat so komisch geschmeckt, extrem stark. Für mich war das wirklich ungenießbar!" Nach einer halben Stunde wird es schummerig um sie - sie muss sich erbrechen. „Ein guter Freund von mir hat mich dann vor die Tür gebracht. Ab da hören meine Erinnerungen schon auf." Hier waren K.-o.-Tropfen im Spiel. Hermann Dengel, Leiter der Außenstelle des ehrenamtlichen Kriminalitätsopferverbandes „Weisser Ring", weiß, wer die Täter sind und wie wir uns schützen können. Als Kriminalhauptkommissar außer Dienst ist er schon häufig mit solchen Fällen in Kontakt gekommen.

Hermann Dengel erklärt, wer die Täter sind, die zu K.-o.-Tropfen greifen.

Wie kann man sich schützen?

Erinnerungen an die Nacht hat Sina keine. Was passiert ist, haben ihr später Freunde erzählt. „Ich bin einfach nur froh, dass meine Freunde auf mich aufgepasst haben. Zum Glück bin ich nicht im Krankenhaus gelandet!" Aufgeklärt wurde der Fall nie, wahrscheinlich auch weil Sina den Gang zur Polizei oder zum Arzt überhaupt nicht in Betracht gezogen hat. „Ich war froh, dass mir nichts passiert ist und wollte mich deshalb auch nicht weiter damit beschäftigen. Es hätte doch wahrscheinlich sowieso nichts geändert."

Hermann Dengel über die Verschwiegenheit vieler Opfer.

Was sollte man als Opfer oder auch als Zeuge tun?

Den Vorfall vergessen kann Sina aber nicht, und auch andere Opfer, soll es an dem Abend gegeben haben. „Meiner Freundin ging es ähnlich schlecht."

Hermann Dengel fordert mehr Verantwortungsbewusstsein auf Seiten der Lokalbesitzer.

Sina kann den Einsatz von K.-o.-Tropfen nicht verstehen. „Es ist erbärmlich so etwas zu benutzen und den Sinn dahinter verstehe ich auch nicht. Mit mir hat man nichts mehr anfangen können - ich war nur am Erbrechen und körperlich zu nichts mehr fähig."

Was tun, wenn’s passiert ist?

Verborgene Gefahr

Die Gefahr hat viele Namen: Rophies, auch bekannt aus den Hangover- Filmen, Ketamin, ein Narkosemittel in der Tiermedizin und Gamma-Hydroxy-Buttersäure (GHB)/Gamma-Butyrolacton(GBL), auch „Liquid Ecstasy" genannt. Sie wirken nicht alle gleich, bewirken aber dasselbe – Ihre Opfer verlieren die Kontrolle. Reden wir von K.-o.-Tropfen, ist meist GHB bzw. GBL gemeint. Diese Substanzen sind in der Party- Szene schon länger bekannt, werden vor allem hier häufig eingesetzt und potentiellen Opfern ins Getränk gemischt. Je nach Dosierung wirkt die Droge anders: Die Erscheinungen reichen von Euphorie über Enthemmung, Schwindel und Erbrechen bis hin zur Bewusstlosigkeit. Im Getränk ist der Wirkstoff trotz seines seifigen Eigengeschmacks kaum zu bemerken, denn der Alkohol, oder das Mischgetränk überlagern diesen meistens.

Das Problem mit dem Gesetz

Die Vorfälle häufen sich. Wer K.-o.-Tropfen verabreicht bekommt, erleidet meist einen Gedächtnisschwund und kann sich dann nicht mehr an das Geschehene erinnern. Um den Verdacht auf K-.o.-Tropfen zu bestätigen und so eine Ermittlung gegen den Täter einzuleiten, braucht man einen handfesten Beweis. Den kann eine ärztliche Untersuchung bringen. Das Problem hierbei ist, dass K.-o.- Tropfen schon nach sechs bis zwölf Stunden nicht mehr im Körper nachzuweisen sind. Deshalb gehen Opfer in den seltensten Fällen zur Polizei und den Tätern drohen so keine Strafen. Aus diesem Grund ist es auch schwierig zu erfassen, wie viele Straftaten im Zusammenhang mit K.-o.-Tropfen begangen werden. Die Anzahl der Fälle steigt aber laut Frauennotrufen und Beratungsstellen. Wenn es schon so schwierig ist, den Tätern auf die Spur zu kommen, wieso macht es das Gesetz ihnen dann noch so leicht die Substanzen zu erwerben?

Es gibt massenweise Internetseiten, die ihr Geld mit dem Verkauf der gefährlichen Substanzen machen.|Quelle: Google Screenshot Catrin Dunz

Gibt man bei Google „K.-o.-Tropfen" in die Suchleiste ein, wird man garantiert stutzig. Shopping Seiten? Für Substanzen und Medikamente, die für Verbrechen benutzt werden können? Generell ist es natürlich verboten, jemandem K.-o.-Tropfen zu verabreichen, genauso wie die kriminellen Taten danach, zum Beispiel Vergewaltigung oder Raub. Auch der Besitz der meisten Substanzen, eben das GHB, ist nach dem Betäubungsmittelgesetz verboten. Allerdings ist es trotzdem mehr als einfach, an Tropfen zu kommen. Das Mittel GBL ist nämlich frei im Handel erhältlich. GBL, ist eine Vorstufe von GHB und entwickelt sich im Körper zu genau diesem weiter. GBL wird hauptsächlich im chemischen Bereich verwendet und ist Bestandteil von Reinigungs- und Lösungsmitteln, wie zum Beispiel Nagellack. Dieser Umstand macht es problematisch, die Substanz als Solche und auch für den Handel zu verbieten. So kommt es, dass GBL legal erhältlich ist. Auch Hermann Dengel erkennt weitere Probleme bei der Rechtsschaffung.

Hermann Dengel weiß, wie schwierig es ist, mit Gesetzen präventiv gegen Verbrechen vorzugehen.

Die Gefahr in deinem Glas

Jeder kann sich in Sinas Geschichte hineinversetzen, jeder kennt die Rahmengeschichte. Sinas Erlebnis zeigt, dass K.-o.-Tropfen weiter verbreitet sind, als man vermutet, und dass sich jeder vor der verborgenen Gefahr schützen sollte. Auch Amelie musste diese Erfahrung machen und möchte alle warnen, die meinen „mir passiert das schon nicht", denn passieren kann es jedem.

Amelies Geschichte

Auf Facebook erklärt sich Amelie zu einem Gespräch bereit und erzählt ihre Geschichte. „Beim Schreiben kann ich mich besser ausdrücken." |Quelle: Facebook Screenshot Catrin Dunz

Total votes: 114
 

Über den Autor

Catrin Dunz

Crossmedia- Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/2016