Hoch hinaus

Die Welt zu Füßen

22.02.2017

Die Welt von oben sehen. Da sein, wo sonst keiner ist. Für das illegale Klettern auf Häuser und Bauwerke hat sich mittlerweile eine eigene Szene herausgebildet. Völlig ungesichert und auf der Jagd nach immer spektakuläreren Aussichten setzen die Anhänger bei den riskanten Aktionen ihr Leben aufs Spiel. Über Roofing – einen Extremsport in gefährlicher Höhe.

Über Hong Kong die Beine baumeln lassen. Für solche Bilder riskieren Roofer ihr Leben. | Bild: Picturized

„Auf dem Gebäude war ich schon mal, da kommt man jetzt aber nicht mehr hoch", sagt Adrian und zeigt auf ein Hochhaus. Wir sind unterwegs in München, seiner Heimatstadt. Auf den ersten Blick wirkt der 18-Jährige wie jeder andere hier. Schwarze Hose, eine dicke Jacke über dem roten Hoodie, auf dem Rücken einen großen Rucksack. Die braunen Haare hat er mit Gel gebändigt. Immer wieder streicht er sie aus dem Gesicht, wenn sein Blick mal wieder nach oben wandert. Als würde er nach etwas Ausschau halten dort oben, wo die Münchner Hochhäuser in den Himmel ragen. Doch eine Sache unterscheidet ihn von den anderen Spaziergängern. In seiner Freizeit geht er nicht etwa Joggen oder Fußball spielen, sondern klettert auf Dächer. Adrian ist Roofer.

Adrian erzählt, wieso er für Roofing sein Leben riskiert. | Video: A. Berlin, S. Höbel

Adrenalin, Aussicht und Fotografie

Der Name des Extremsportes kommt aus dem Englischen und bedeutet übersetzt Überdachung. Die Roofer erklimmen ungesichert Bauwerke und Gebäude auf der ganzen Welt, von denen sie sich eine gute Aussicht versprechen. „Roofing ist Adrenalin, Aussicht und Fotografie", sagt Adrian. Der Extremsport gehört zum sogenannten Urban Exploring. Damit wird die private Erforschung des städtischen Raums bezeichnet. Das können verlassene Industriehallen sein, optisch ansprechende Straßen oder eben auch Häuserdächer. Nicht immer sind die Kletteraktionen legal, weshalb Adrian lieber nur mit seinem Vornamen vorgestellt werden möchte.

„Ich mache nichts Leichtsinniges. Ich weiß, was ich tue", sagt Adrian.| Bild: A. Berlin, S. Höbel

Neben der Höhe und dem Nervenkitzel ist die Fotografie ein weiterer zentraler Aspekt des Roofings. Auch heute hat Adrian seinen ständigen Begleiter dabei: seine Kamera. Das Fotografieren spielt bei seinen Missionen die größte Rolle, wie er erzählt: „Ich würde nicht mein Leben riskieren ohne sagen zu können ,ja, ich habe ein gutes Bild dafür gemacht´". Seine Fotos veröffentlicht der 18-Jährige auf Instagram. Seinem Account picturized folgen mittlerweile über 4.000 Personen.

Es kann auch schiefgehen

„Ich weiß, was ich tue." Das versichert Adrian Leuten, die ihn wegen seines Hobbies für verrückt erklären. Seine Familie halte es nicht für gut, wisse aber mittlerweile, dass er keinen Mist baut. Von den Freunden bekommt Adrian Zuspruch, viele roofen selbst. Nicht immer geht die Häuserkletterei allerdings gut aus. Im Oktober 2016 verunglückte der Roofer Christopher Serrano bei einer Mission. Nur 25 Jahre alt wurde der New Yorker, dem auf Instagram immer noch rund 130.000 Personen folgen. Adrian hat mit Serrano eins seiner Vorbilder verloren. „Er ist immer noch mein Idol", erzählt er. Das hohe Risiko ist auch der Polizei bewusst. Roofing sei in München bisher kein großes Thema, wie uns Polizeisprecher Carsten Neubert sagt. Trotzdem könne er nur jedem von den waghalsigen Aktionen abraten.

Polizeisprecher Carsten Neubert sieht das Thema kritisch. | Audio: A. Berlin, S. Höbel, Foto: Privat

Nicht nur für die Kletterer sind die Aktionen riskant. „Auch Rettungskräfte und Nachahmer werden durch das Verhalten gefährdet", meint der Polizeisprecher. Zur Verletzungsgefahr kommt hinzu, dass die Roofer beim illegalen Häuserbesteigen in Deutschland mit einigen Gesetzen im Konflikt stehen. „Es drohen Anzeigen wegen Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung und Belästigung der Allgemeinheit", erklärt Neubert. Im schlimmsten Fall wird das mit zwei Jahren Gefängnis oder einer Geldstrafe geahndet. Deshalb spielt beim Roofing auch immer die Angst mit, von der Polizei erwischt zu werden. Im Ausland gibt es zusätzlich zu den Beamten sogar spezielles Sicherheitspersonal, das auf die Häuser aufpasst. „Manchmal musst du dann halt einfach wegrennen", sagt Adrian. In Deutschland sei es bisher noch nie dazu gekommen, im Ausland schon öfter.

Momentaner Rekord: 630 Meter

Besonders in Russland und der Ukraine ist der waghalsige Sport beliebt. Das liegt vor allem daran, dass auf das Klettern auf öffentliche Hochhäuser gar keine oder nur eine sehr geringe Geldstrafe stehen. Von hier kommen die ganz Großen der Roofing Szene. Dem Russen Vadim Makhorov und dem Ukrainer Vitaliy Raskalov gelang 2014 der bisher größte Coup. Sie kletterten auf den Shanghai Tower der chinesischen Stadt Shenzhen. Der Wolkenkratzer ist das zweithöchste Gebäude der Welt und mit über 630 Metern fast dreimal so hoch wie der Stuttgarter Fernsehturm. Das Video der waghalsigen Aktion wurde auf YouTube bisher über 60 Millionen Mal geklickt. Roofing ist mittlerweile Mainstream. Das österreichische Elektro-Duo Klangkarussell veröffentlichte 2014 das Musikvideo zu ihrem Lied Netzwerk (Falls like rain). Hauptprotagonist in dem Video ist der Roofer Mustang Wanted, der in Belgrad verschiede Gebäude erklimmt. Adrian ist mit seiner Passion also nicht alleine. „Die Roofing Szene ist so groß", erzählt er. „Ich kenne Leute auf der ganzen Welt, mit denen ich etwas machen könnte, wenn ich in dem Land wäre."

Mit Adrian auf den Dächern

So sieht es aus, wenn der Roofer seiner Passion nachgeht. | Bilder: Picturized

Die nächsten Ziele schon im Blick

Trotz allen Risiken wagt sich Adrian immer wieder in die Höhe, stets auf der Suche nach dem perfekten Bild. Seine bisher größte Errungenschaft: 300 Meter. Doch der Münchner hat noch lange nicht genug. „Es gibt hunderte Gebäude, wo ich gerne noch hoch will", sagt der 18-Jährige mit strahlenden Augen. Als nächstes geht es für ihn nach Wien und London. Ende 2017 ist eine Reise durch China geplant. Das Land, in dem auch der Shanghai Tower steht. Lust, dem zweitgrößten Wolkenkratzer der Welt auch mal einen Besuch abzustatten? „Das ist leider nicht mehr möglich", sagt Adrian „Aber mal schauen, was es bis Ende 2017 sonst so gibt."

Adrian ist ständig auf der Suche nach neuen, noch spektakuläreren Zielen. | Bild: A. Berlin, S. Höbel

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Über die Autoren

Anne-Marie Berlin

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