Integrationsförderung

Die Zukunft selbst in die Hand nehmen

21.07.2015

Der Start in Deutschland stellt Einwanderer vor viele Herausforderungen und zeigt den Bedarf an Förderung. Eine Hilfestellung von offizieller Seite ist seit 2005 der Integrationskurs. Die Sprache und das Leben kennen zu lernen, steht hier im Vordergrund. Denn nur wer sich ausdrücken kann, kann seine Zukunft beeinflussen.

„Mein Traummann — er soll groß sein und braune Augen haben. Er braucht keinen Ferrari, ein Audi reicht", erzählt eine Teilnehmerin des Integrationskurses in Ulm lachend. Ganz egal, worüber man spricht, ob es erfunden ist oder ob es die eigenen Erfahrungen widerspiegelt. Hier geht es darum, sich flüssig, grammatikalisch richtig und vor allem auf Deutsch verständigen zu können. Selbst wenn dies am Anfang schwer fällt und die Lehrkraft mehrere Sprachen beherrscht, es wird ausschließlich deutsch gesprochen.

Entwicklung einer einheitlichen Integrationspolitik

Zur Jahrtausendwende stellte man sich der Herausforderung, eine einheitliche Integrationspolitik aufzubauen. Ein intensiver Diskussionsprozess mündete schließlich in das System der Integrationskurse, das bis heute vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) verantwortet und gesteuert wird. Schließlich setzte man für den Allgemeinen Integrationskurs 600 Stunden für den Sprachkurs und 60 Stunden für den Orientierungskurs fest. Im Sprachkurs werden Themen aus dem alltäglichen Leben, wie Gesundheit, ein Einkauf oder der Arztbesuch, behandelt. An diesem Tag drehte sich alles ums Heiraten. Nachdem die Teilnehmer den Sprachkurs abgeschlossen haben, geht es für sie direkt mit dem Orientierungskurs weiter. Neben der deutschen Rechtsordnung oder der Geschichte werden ebenso Formen des Zusammenlebens oder demokratische Grundwerte, wie zum Beispiel Religionsfreiheit, Toleranz und Gleichberechtigung behandelt.

Der Integrationskurs beinhaltet eine gleichmäßige Ausbildung der vier sprachlichen Fertigkeiten Sprechen, Schreiben, Lese- und Hörverstehen. Fotos: Lena Biberacher

Abwechslung trotz straffer Vorgaben

Die Teilnehmeranzahl im Allgemeinen Integrationskurs beschränkt sich auf 25 Teilnehmer. Dadurch kann der Lehrer nur schwer auf jeden Einzelnen eingehen. Erschwerend kommt der enge Zeitplan hinzu, wodurch es kaum möglich ist individuelle Schwerpunkte zu setzen. Diese Freiheit bietet sich lediglich in einem der speziellen Integrationskurse, die bis zu 960 Stunden zur Verfügung haben. Dennoch wird auch bei der kürzeren Version mit abwechslungsreichen Methoden gearbeitet: Von dem Arbeiten mit dem Lehrbuch, über Gruppenarbeit, bis hin zu Rollenspielen mit Handpuppen – ergänzt mit den Erzählungen der eigenen Erfahrungen.

„Hier spürt man Integration"

Neben dem Erwerb der Deutschkenntnisse fördert der Integrationskurs Kontakte mit anderen, Verbundenheitsgefühle mit Deutschland und bietet die Basis für einen Start in den Arbeitsmarkt. „Hier passiert mehr als nur ein Sprachkurs", wie die Integrations- und Sprachkursbeauftragte des Weiterbildungsinstituts Profil Kolleg Claudia Werner betont. In den Kursen treffen viele unterschiedliche Altersgruppen und Nationalitäten aufeinander. Anstatt, dass Konfliktsituationen entstehen, profitieren die Teilnehmer von den Unterschieden. Gleichzeitig fällt durch die Vielfalt der Wettbewerbsdruck weg, erklärt Werner. „Jeder hat verschiedene Voraussetzungen. Weil man sich nicht mit den anderen vergleicht, ist die Akzeptanz und Hilfsbereitschaft sehr hoch." Durch den intensiven und täglichen Kontakt zwischen Teilnehmern und Lehrkraft entstehen sehr emotionale Bindungen. Die Lehrkraft begleitet und unterstützt sie während dieser Entwicklung und kann die anfänglichen Ängste oder Unsicherheiten nehmen. Die Angst, den Lernstoff nicht in der vorgegeben Zeit erfüllen zu können, darf nicht unterschätzt werden. Viele Teilnehmer haben noch zusätzliche Verpflichtungen wie Familie oder Berufstätigkeit und erfahren dadurch eine Doppelbelastung. Dies ist ein Grund für die relativ hohe Abbruchquote der Abendkurse.

Abschlussprüfung – und dann?

Der Abschlusstest des Integrationskurses besteht aus zwei Prüfungen, dem „Deutsch-Test für Zuwanderer" (DTZ) und dem Test „Leben in Deutschland". Bei Absolvieren des DTZ mit Sprachniveau B1 und des Tests „Leben in Deutschland" erhält man das „Zertifikat Integrationskurs". Falls im DTZ das Niveau A2 erreicht wird, wird ebenfalls ein Zeugnis mit der erreichten Punktzahl ausgestellt. Auch hier helfen die aufgebauten Beziehungen zwischen Lehrkraft und Zuwanderern. Sie verteilen vor der Prüfung ihren Schützlingen nicht nur liebevoll Traubenzucker, sondern ermutigen bei Nichtbestehen, erneut einen Sprachkurs mit 300 Stunden zu belegen. Nach dem Kurs haben die Absolventen mehrere Möglichkeiten. Sie können beispielsweise ihre Sprachkenntnisse in einem aufbauenden B2-Kurs verbessern oder sich in die Welt des Arbeitsmarktes begeben. Die ausgehändigten Dokumente bescheinigen ihre Kenntnisse und erleichtern so die Bewerbung um einen Job. Auch wenn keine Garantie besteht, nach einem Integrationskurs problemlos in die Gesellschaft eingegliedert zu werden, ist es dennoch der erste Schritt, um sich in Deutschland besser zurechtzufinden, eigenständig Entscheidungen treffen zu können und eine wichtige Etappe auf dem Weg zur deutschen Staatsbürgerschaft.

Aktuelle Zahlen des Bundesamts für Migrations und Flüchtlinge (BAMF) über die Integrationskurse. Quelle: BAMF Erstellt von: Lena Biberacher

Wer darf an einem Integrationskurs teilnehmen?

- Jeder, der einen Aufenthaltstitel nach 2005 bekommen hat und als Arbeitnehmer, zum Zwecke des Familiennachzuges oder aus humanitären Gründen in Deutschland ist.

- Bei freien Plätzen und nicht ausreichenden Deutschkenntnissen werden ebenfalls deutsche Staatsbürger und EU-Bürger zugelassen.

Zusätzlich können folgende Stellen zur Teilnahme verpflichten:

- Jobcenter oder Optionskommune: bei Arbeitslosengeld II

- Ausländerbehörde: bei besonderem Integrationsbedarf

Kein Anspruch besteht:

Während der Schulausbildung, bei erkennbar geringem Integrationsbedarf oder bei ausreichenden Sprachkenntnissen (Orientierungskurs ist möglich).

Kosten:

1,20€ pro Std. ⇒ bei 660 Std.: 792,00€

Befreiung: Bei Bezug von Arbeitslosengeld II oder Sozialhilfe

Erstattung der Hälfte der Kosten: Bei erfolgreichem Abschluss mit B1-Niveau innerhalb von zwei Jahren

Spezielle Integrationskursarten

Frauenintegrationskurs:

960 Unterrichtsstunden, in denen spezielle Themen wie Erziehung und Ausbildung oder die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen dem Leben von Frauen in Deutschland und in ihren Heimatländern behandelt werden.

Elternintegrationskurs:

960 Unterrichtsstunden, die sich mit speziellen Themen wie Einbindung in das Kindergarten- oder Schulleben oder der Aufbau des deutschen Bildungssystems beschäftigen.

Jugendintegrationskurs:

Kleingruppen (10-15 Personen) beschäftigen sich in 960 Unterrichtsstunden mit verschiedenen Aspekten der Schule oder Ausbildung. Zusätzlich gibt es eine Praxisphase, in der direkter Kontakt mit Ausbildungsbetrieben oder Bildungseinrichtungen hergestellt wird.

Förderkurs:

960 Unterrichtsstunden bieten Personen mit Integrationsbedarf, die schon mehrere Jahre in Deutschland leben, die Chance Sprach- und landeskundliche Defizite aufzuarbeiten.

Intensivkurs:

Personen, die leicht eine Sprache lernen, können in 400 Stunden Sprach- und 30 Stunden Orientierungskurs zum „Zertifikat Integrationskurs" gelangen.

Einblicke in die Integrationspolitik

Interview mit der Politikerin Ekin Deligöz

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Über den Autor

Lena Biberacher

Crossmedia-Redaktion/ Public-Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2014/2015