Was steckt hinter zeitgenössischer Kunst?

The earth without art is just „eh“

04.02.2015

Emotionale Eskapaden zwischen Krieg, Verzweiflung und einer guten Flasche Wodka? So in etwa lässt sich mein Eindruck großer Künstler der Nachkriegszeit beschreiben. Nun traf ich einen Tierrechts-Künstler und einen Street-Artist, die mir stattdessen zeigen, wie Kunst unsere Gesellschaft nachhaltig beeinflussen kann.

„Wann verlieren Kinder ihr Mitgefühl für Tiere, die zu Nahrzungszwecken getötet werden?" Diese und ähnliche Fragen stellt Tierrechtskünstler Roland Straller in seinen Werken.

Ich betrachte das Bild. Das kleine, süße Mädchen, mit diesen kindlich neugierigen Knopfaugen. Mit der rosafarbenen Blume in ihrem langen lockigen Haar. Im Hintergrund eine niedliche Tapete mit fliegenden Schweinchen auf fluffigen Wolken. Um ihren Hals ein Latz mit einem fröhlich lächelnden Schweinegesicht mit übergroßer Schnuffel. In ihrer Hand ein süßes Ferkel, dem es eine Gabel in den Hals rammt.

Kurz darauf finde ich mich im veganen Restaurant „The Tasty Leaf" wieder, dem Schauplatz der „Herbivores"-Ausstellung in Nürnberg, die ausschließlich Illustrationen von Pflanzenessern zeigt. Wie ich dort hin gekommen bin? Auf Einladung von Roland Straller, dem Urheber des Bildes mit dem kleinen Mädchen, das ein Schweinchen aufspießt.

„Paula 5" heißt das Werk, das auf einem Zitat aus der Rubrik Kindermund des ELTERN Magazins basiert, in der Eltern witzige Bemerkungen ihrer Kinder einreichen können. Die kleine Paula antwortet auf die Frage, was ihre Lieblingstiere sind: „Schweine – die schmecken so gut!"

Motivation ist nicht gleich Interpretation

Was im ersten Moment lustig klingt, ist für Tierrechtler wie Roland Straller Grund genug, die Haltung des Menschen gegenüber Dritten aus der Tierwelt zu hinterfragen. Paula 5 ist Teil der Human Animals Serie, in welcher der Künstler versucht, seine Fragen grafisch zu verpacken und sie den Menschen in Form von Kunst zu stellen. Die Frage hinter Paula 5 lautet: „Wann verlieren Kinder ihr Mitgefühl für Tiere, die zu Nahrungszwecken getötet wurden?"

Ganz andere Themen verarbeitet dahingegen Patrick Hartl, den ich eine Woche später in seinem Atelier treffe. Möglicherweise sind es wohl eher die Betrachter seiner Werke, die seiner Kunst bestimmte Themen und Hintergründe zuschreiben. Ob er aus der Punk-Szene käme, seine Bilder seien so rebellisch, fragt ein Beobachter. Ob er politische Themen aufgreife oder eine bestimmte religiöse Ansicht vertrete. Ob er in seiner Serie „Streetfighting" auf die Kriege dieser Welt anspielen möchte. Ob der populäre Street Art Künstler Banksy sein Vorbild sei. Die Interpretationen gehen wahrscheinlich so weit, dass die Integration von zerrissenen oder mit Farbspritzern versehenen Werbe- und Filmplakaten eine Abwehrhaltung gegenüber der Konsumgesellschaft suggeriert. Der freischaffende Grafiker vertritt nichts von alledem, sondern illustriert auch gut und gerne Werbeanzeigen für namhafte Marken, so lange er dabei seiner Passion nachgehen kann. Seine von Street Art inspirierte Kunst gleicht dem Credo einer Generation, die sich weder einschränken, noch festlegen möchte und lautet deshalb nicht ohne Grund „still just writing my name".

„Ihr habt’s an Schloch"

Auf meine Frage nach dem Auslöser, sich den Mensch-Tier-Beziehungen anzunehmen, dachte Roland Straller wiederum nicht lange nach. Als „Junge vom Land" hat er die ersten 20 Jahre seines Lebens damit verbracht, hinzuschauen, wenn die sogenannten „nichtmenschlichen Tiere" zunächst gequält und anschließend getötet wurden. Kein Wunder; in der engeren Verwandtschaft verdienten die Familien mit Landwirtschaft und Viehzucht ihr tägliches Brot. Die ethische Motivation, sich schlussendlich doch gegen diese Normalität in unserer Gesellschaft aufzulehnen, ergab sich aus einer engen Freundschaft zu einem Veganer. Von diesen Tagen an konnte Roland Straller sein Essverhalten nicht mehr rechtfertigen: „Es geht halt um Dritte, das ist das Problem. Und ich war schon immer so ein Gerechtigkeitsfanatiker." Die Reaktionen in der eigenen Familie auf den plötzlichen Sinneswandel waren durchwachsen. „Man hörte schon mal den ein oder anderen Kommentar wie Ihr habt’s an Schloch (Schlag, Anm. d Red.)", lacht Roland Strallers Ehefrau Yvonne, „aber es gibt ja so viele andere Themen, über die man sich unterhalten kann." Yvonne und Roland Straller leben mittlerweile mit ihren Kindern und „tierischen Mitbewohnern" in Roland Strallers Heimat, wo er gerade dabei ist, eine eigene Online-Galerie mit Webshop für seine „Vegan Art" einzurichten. Lebt denn die ganze Familie konsequent vegan? Auf diese Frage hin müssen die jungen Eltern schmunzeln: „alle, bis auf den Hund. Dem schmeckt veganes Essen nicht."

Muss Kunst immer eine Botschaft transportieren?

„Ich will einfach machen, was ich will. Ich will Fehler nicht ausbessern müssen, sondern sie einfach einbauen", beschreibt Patrick Hartl seine Motivation. Eine Haltung, wie sie typischer für unsere Zeit und die „Generation Y" nicht sein könnte. Patrick Hartls Ursprünge finden sich in der Graffiti-Szene, einer Kunstform, die von Vergänglichkeit und Vielschichtigkeit geprägt ist. Egal, ob auf den Free Walls dieser Welt oder an illegalen Schauplätzen: kein Werk bleibt lange bestehen. Entweder es wird übermalt, überklebt oder entfernt. Dieses Szenario bildet Patrick Hartl auf seinen mitunter aus 20 Schichten bestehenden Werken ab. „Ich will dreckige Hände haben und mich nicht nach Vorstellungen anderer richten, das versaut mir das ganze Plakat." Die Freiheit, sich selbst zu verwirklichen und sich dabei im besten Fall selbst zu finden – wer kennt dieses Bestreben nicht?

Für Roland Straller wiederum steckt ein nachhaltiger Auftrag hinter der Kunst. Der Auftrag, sich mit den eigenen Stärken gegen den Speziesismus aufzulehnen, der die Ausbeutung von Tieren legitimiert. Ohne dabei das fleischfressende „Menschentier" direkt anzuprangern, versucht der Künstler Szenarien auf die Leinwand zu bringen, die einen konkreten Inhalt transportieren: das Leid, das wir anderen Lebewesen beispielsweise durch Massentierhaltung antun. „Ich möchte den Menschen in gewisser Weise von seinem Thron holen; ihm die richtigen Denkanstöße geben, um selber drauf zu kommen."

„Kunst erfordert Reflexion"

Zwei Künstler, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, teilen eine gemeinsame Passion. Zwei Künstler, die Themen mit gesellschaftlicher Relevanz aufgreifen: unsere Verantwortung gegenüber Dritten und unser Bedürfnis nach Selbstverwirklichung. Für Roland Straller ist die Wahl der Kunst als Vermittler seiner Motivation eine einfache Konsequenz, denn „Kunst erfordert Reflexion." Für Patrick Hartl ist Kunst eine Möglichkeit, einer Arbeit nachzugehen, die seiner Leidenschaft und seinen eigenen Fähigkeiten entspricht.

Als ich am kommenden Wochenende meine Gespräche während einem Besuch in der Pinakothek der Moderne in München Revue passieren lasse, ertappe ich mich dabei, wie ich mich bei all den Interpretation rund um Picasso, Beckmann, Neo Rauch oder auch Andy Warhol frage, ob wir wirklich das sehen, was der Künstler uns mit seinem Werk hat sagen wollen? Sind es Joseph Beuys’ Werke wie „Demokratie ist lustig", die aus ihm den idealistischen Gesellschaftsvisionär machen? Ungeachtet der Botschaften, die uns Künstler dieser Welt vermitteln wollen (oder auch nicht), komme ich im Gespräch mit anderen Besuchern der Ausstellung zu dem Entschluss, dass Kunst weiterhin die Macht besitzt, Aufmerksamkeit zu generieren. Bilder erzählen Geschichten und die Urheber haben damit in vielerlei Hinsicht die Möglichkeit, Agenda-Setting zu betreiben.

Als ich bei Palermos Werk „Totes Schwein" angelange, erinnere ich mich an die Heimfahrt von meinem Treffen mit Roland Straller, wie mich beim Betrachten der Leuchtreklame diverser Fast-Food-Restaurants ein leichtes Gefühl von Ekel überkam. Unwillkürlich schleicht sich wieder „Paula 5" mit ihrem aufgespießten Schweinchen Babe in meine Gedanken.

Ein Blick in die Galerien von Roland Straller und Patrick Hartl

Werfe einen Blick auf die Werke der Künstler, die diesen Artikel inspirierten

Thema auf Facebook verfolgen

Diskutiert hier mit auf Facebook

Total votes: 322
 

Über den Autor

Julia Antkowiak

Medienwirtschaft (Bachelor)
Eingeschrieben seit: WS 2014/15