Umsonstladen in Regensburg

Ein Ausbruchsversuch aus der Schwarz-Weiß-Welt des Konsums

09.02.2015

Kaufen oder nicht kaufen? Das ist hier nicht die Frage. Im Umsonstladen „Wechselwelt“ in Regensburg kann man mitnehmen was man will, ohne etwas dafür zu bezahlen.

Wechselwelt Regensburg

Bildquelle: Katrin Kraus

„Ich hoffe, das ist okay, aber die Leute draußen haben jetzt schon alles genommen? Ich bin gar nicht mehr reingekommen." Lachend und mit fragendem Blick steht eine Frau in der Tür des Umsonstladens „Wechselwelt". Augenblicke zuvor hatte sie gefragt, ob sie gleich einige Stricksachen und Nähkästchen vorbeibringen könnte. Jetzt steht sie mit leeren Händen im Laden. Sie fragt, ob es denn richtig war, den Menschen die Sachen bereits draußen vor der Tür zu geben. Die Ladenhelfer nicken nur. „Das ist schon in Ordnung", sagen sie. Sie hoffen, dass die Frau durch das Erlebnis nicht verschreckt wurde und wiederkommt.

Ein Laden, der sich nicht rechnen muss

Seit mittlerweile 14 Monaten existiert der Umsonstladen „Wechselwelt" in Regensburg. An diesem kalten Freitag im Januar haben sich schon vor Ladenöffnung um 11 Uhr einige Kunden vor dem Haus Nr. 6 in der Steckgasse versammelt. Viele von ihnen mit Einkaufstrolleys. „Wie rechnet sich denn das?", fragt eine Passantin. „Die können ja alles kistenweise rausschleppen, wenn niemand sagt, wie viel sie mitnehmen dürfen." Das denken die meisten Passanten, wenn sie hören, dass es in diesem Laden wirklich alles umsonst gibt. Es muss nichts getauscht, nichts im Gegenzug mitgebracht werden. Was in der Wechselwelt angeboten wird, wechselt ohne Geld den Besitzer. Man könnte sagen: der Umsonstladen ist ein Gegenentwurf zur heutigen Wegwerfgesellschaft, eine sparsame und nachhaltige Insel im Meer des Überflusses – und dies lässt sich belegen, mit Zahlen, die das Statistische Bundesamte vorlegt. Laut diesem sind die Konsumausgaben in Deutschland im Jahr 2013 auf 1,57 Billionen Euro gestiegen. Das sind 2,5 % mehr als im Vorjahr und sogar 31,6 % mehr als im Jahr 2000. Die Menschen in Deutschland kaufen immer mehr. Die Wechselwelt wolle auch aufzeigen, wie viele Dinge überflüssig seien, erklärt einer der Gründer. Die Menschen sollen bei jedem Gegenstand, den sie abgeben oder auch mitnehmen, überlegen: Brauche ich das wirklich?

Ein Raum für Ideen

Gegründet von fünf Psychologiestudenten aus Regensburg, ist über anfängliche Tauschpartys die Idee zu diesem ganz anderen Ladenkonzept gereift. Zunächst waren sich die Gründer gar nicht sicher, ob sie überhaupt ein langfristiges Projekt starten wollen. Inspiriert von anderen Umsonstläden in Deutschland haben sie dann aber das Konzept für ihren eigenen Laden ausgearbeitet. Dabei gingen sie mit ganz unterschiedlichen Motiven an das Projekt heran: Für die einen stand die Ressourcenschonung im Vordergrund, andere wollten ein Bewusstsein für Teilen und Schenken schaffen, den Wissensaustausch fördern oder einen Raum zum Zusammensein und für Veranstaltungen haben. Mittlerweile bringen sich immer mehr Leute aktiv ein und organisieren in Gruppen Repair-Cafes, Up-Cycling oder auch Musikabende und Diskussionsrunden.

„Für mich persönlich ist Nachhaltigkeit nicht alles." Lukas, einer der fünf Gründer, ist es wichtig, dass auch Veranstaltungen zu Themen abseits des Nachhaltigkeitsbereichs, wie zu TTIP oder zur Ukrainekrise, in der Wechselwelt Platz finden. Eine klare politische Einordnung will die Gruppe jedoch vermeiden. Diversität soll bei Veranstaltungen, Mitgliedern und Themen erhalten bleiben. Der Laden soll eine Anlaufstelle für all jene Menschen sein, die sich sozial-politisch engagieren wollen.

„Ich glaube, wir hatten eigentlich riesiges Glück", sagt Lukas. Die Vermieterin wurde durch einen Zeitungsartikel auf die Gruppe aufmerksam und bot ihnen eine Mietminderung für die ersten Monate an. Mittlerweile können sie durch Spenden den vollen Betrag aufbringen. Wesentlich ist dafür auch der Verbund mit der „Transition" Regensburg. Die Bürgerinitiative, ein Teil der weltweiten Transition-Town-Bewegung, ist seit Frühjahr 2012 in Regensburg aktiv. Engagiert sind hier zahlreiche Menschen, die ihre Stadt nachhaltig gestalten wollen – unter anderem mit Gemeinschaftsgärten, regionalen Lebensmittelkisten oder Begrünungsaktionen. Lukas ist der letzte der Gründer, der sich noch aktiv im Laden einsetzt. Aber er ist hier keinesfalls der Chef. In regelmäßigen Treffen wird gemeinsam über Anregungen und Probleme diskutiert. Die Treffen sind immer offen und jeder hat das Recht sich einzubringen. Entscheidungen werden im Konsens getroffen, feste Hierarchien wollen sie in der „Wechselwelt" vermeiden. Jeder soll alles machen können. Dass dadurch natürlich auch mal Organisationsprobleme entstehen, ist klar. Seit November gibt es deswegen feste Ladenhelfer.

Keine Angst vor Ladendieben

Am meisten freuen sich die Organisatoren darüber, dass sich ihr Konzept fast zum Selbstläufer entwickelt hat. Zu Beginn kamen viele Besucher vor allem aus dem Bekanntenkreis. Mittlerweile kommen die verschiedensten Menschen in die „Wechselwelt". Viele bringen regelmäßig Sachen vorbei, andere kommen mit ganzen Kartons nach einem Umzug oder dem Ausmisten. Natürlich könne nicht verhindert werden, dass einige das Umsonst-Prinzip ausnutzen. Das seien aber Einzelfälle. Meistens haben die Ladenhelfer schon das Gefühl, dass die Dinge, die mitgenommen werden, auch wirklich gebraucht werden. Trotzdem läuft nicht immer alles glatt. Teilweise stellen Leute ihre Kiste draußen ab und verschwinden wieder. Prinzipiell wird aber alles angenommen, wovon sich die Helfer vorstellen können, dass es anderen eine Freude bereitet. So hat auch ein altes Haarfärbemittel irgendwann eine begeisterte Abnehmerin gefunden. Zeitweise gab es sogar einen Annahmestop. Mittlerweile habe sich das aber gut eingependelt, sagt Lukas. Angst, dass ihnen der Laden eines Tages leer geräumt wird, hat der Student nicht. Gerade weil es so einfach wäre, dass zu tun, werde es nicht passieren, glaubt er. Dieser Laden zeige ja gerade auf, was die Menschen alles nicht brauchen. Zu Beginn hätten die Besucher allerdings erst warm werden müssen mit dem Konzept des Umsonstladens, erklärt Lukas: „Am Eröffnungstag fragte jemand, ob denn der Schmuck nachts weggeschlossen wird, damit er nicht geklaut wird. Ich habe dann gesagt, wenn das jemand mitnehmen will, kann er auch während der Öffnungszeiten kommen. Kostet ja nichts."

Der Laden als Anlaufpunkt

Dass sich das Konzept Umsonstladen weiter durchsetzen kann, glauben die Ladenhelfer durchaus. „Klar, diese Räume sollen sich ausbreiten. Läden, in denen es nicht ums Geld geht, sondern um Vertrauen und Schenken, davon kann es gar nicht genug geben." Und über einen weiteren Laden nebenan würden sie sich ebenso freuen. Das sei ja nicht wie mit einem Supermarkt, der sich beschwert, wenn nebenan ein Konkurrent eröffnet, erklärt Lukas. Es gehe ihm vor allem ums Vernetzen und um den Austausch mit Gleichgesinnten, weniger um die Gegenstände.

Passanten reagieren dagegen verhaltener auf die Frage, ob das Konzept Schule machen kann. Die Idee finden die meisten gut. Aber dass eine Gesellschaft nicht alleine durch Schenken und Teilen bestehen kann, ist allen klar. „Vielleicht geht es gar nicht so sehr um die Sachen, sondern mehr um die Sache und den Ort", sagt eine ältere Frau.

Auch für die „Wechselweltler" spielen weniger die Gegenstände, die den Besitzer wechseln, eine Rolle. Sie sehen den Laden als Anlaufpunkt, einen Ort, an dem Menschen zusammenkommen können und an dem Projekte gestartet oder angestoßen werden. Es gehe in erster Linie nicht um das Besitzen von Gegenständen. „Es gibt, glaube ich, nicht viele Orte an denen so ein gemischtes Publikum da ist und man die Lebensrealität von so vielen Menschen mitbekommt." Für Lukas sollen die Leute andere Denkweisen und Lebensstile kennenlernen. Sie sollen eine andere Welt kennen lernen, eine „Wechselwelt".

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Über den Autor

Katrin Kraus

Elektronische Medien Master Unternehmenskommunikation
Eingeschrieben seit: WS 14/15