Genussmittel

Ein Gläschen in Ehren

31.01.2017

Alkohol ist das Schmiermittel unserer Gesellschaft und steht neben Rausch auch für Genuss. Gibt das Umfeld den Konsum vor oder liegt es am Einzelnen? – Ein Selbstversuch

An Stelle von Bier bevorzugen Jugendliche vor allem Spirituosen und Mixgetränke. |Bild: Helene Dann

Ich bin zum Geburtstag eines guten Freundes eingeladen. Für meinen Versuch entschließe ich mich, mit dem Auto zu kommen und nichts zu trinken. Als ich bei der Feier ankomme, ist noch wenig los. Laut wummern die Bässe aus den Boxen. Die anwesenden Partygäste unterhalten sich in kleinen Gruppen und jeder hält einen Plastikbecher oder eine Flasche Bier in der Hand. Ich gehe zur Bar, um mir eine Cola zu holen und unterhalte mich mit meinen Freundinnen, die sich alle ein Glas Sekt einschenken. Direkt werde ich gefragt: „Was trinkst du denn?" Mit meiner Antwort Cola haben sie nicht gerechnet. Ich erkläre, dass ich mit dem Auto da bin und deshalb nichts trinke. Das stellt die meisten erst mal zufrieden, denn Autofahren ist bei uns die einzige Ausrede, die gilt, wenn man mal auf Alkohol verzichten will. Was könnte es auch sonst für einen Grund geben?

Prägung in der Kindheit

Bereits von den Eltern haben wir vorgelebt bekommen, dass Alkohol Teil des Erwachsenseins ist. So machen Jugendliche meist schon im Alter zwischen zehn und 14 Jahren ihre ersten Erfahrungen mit dem Genussmittel – ein Glas Wein trinken, einen kleinen Schluck vom Likörglas der Eltern probieren. Gerade an Feiertagen hat Alkohol außerdem Tradition. An Silvester oder auf Hochzeiten stoßen wir mit Sekt an, schlendern in der Adventszeit mit einer Tasse Glühwein über die Weihnachtsmärkte oder gönnen uns ein wohlverdientes Feierabendbier. So stellt sich die Frage, was das Trinken bei uns so beliebt macht.

Nach ein paar Stunden auf der Geburtstagsfeier beobachte ich, wie die Stimmung immer ausgelassener wird. Alle kommen auf einmal hervorragend miteinander aus, denn Alkohol erleichtert die Kontaktaufnahme und fördert die Solidarität. Demnach hat er eine soziale Funktion. Schüchterne Persönlichkeiten können sich entfalten, Unterhaltungen führen sich wie von selbst. Außerdem lockern alkoholische Getränke die Zunge und ermöglichen tiefe Einblicke in die Gefühlswelt unseres Gesprächspartners. „In vino veritas" war schon den Römern bekannt. Wer zusammen trinkt, zeigt damit seine Zugehörigkeit zur Gruppe. Ohne Alkohol ist es schwer möglich, Teil dieser Gemeinschaft zu werden. Gerade Jugendliche wollen dazugehören und beweisen sich durch Trinken. „Die Jugend trinkt ungehemmter. Früher gab es eine größere Hemmstufe bei Jüngeren", erklärt Holger Vatter-Schönthal, Pressesprecher der Mannheimer Privatbrauerei Eichbaum. Zwar hätten viele einen verantwortungslosen Umgang mit dem Genussmittel an den Tag gelegt, aber eben nicht alle. Ist das ein Grund, Probleme zu generalisieren?

Dass Alkohol Teil der deutschen Kultur ist, zeigt sich bereits in den Konsummengen. |Grafik: Helene Dann

Konsumverhalten im Wandel

Trinken ist in unserem Kulturkreis akzeptiert und wird meist nicht als Droge gesehen. Trotzdem fällt auf, dass sich die Wahrnehmung verändert. Während Alkohol früher auch bei der Arbeit als Durstlöscher galt, entwickeln sich Wein und Bier immer mehr zu Genussmitteln. „Früher war es normal, zum Mittagessen Alkohol zu konsumieren. Das gibt es heute nicht mehr, denn die Leute müssen arbeiten und leistungsfähig sein", bestätigt Vatter-Schönthal. Dieser Leistungsgedanke sei auch unter Jugendlichen weiter verbreitet als früher. Zusätzlich erlebt die Alkoholbranche immer mehr Einschränkungen von gesenkten Promillegrenzen bis hin zu geplanten Warnhinweisen auf Alkoholflaschen. Vatter-Schönthal befürchtet sogar „Plain Packaging", also Verpackungen ohne Logo und Werbeverbote für die Alkoholindustrie. Die öffentliche Wahrnehmung korrespondiere mit der politischen Einschätzung, die sich immer weiter verschärfe.

Sanktionen in der Politik betreffen auch die zahlreichen Beschäftigten in der Alkoholindustrie. |Grafik: Helene Dann

Alkohol in der Politik

Lange gab es nur vereinzelt Sanktionen aus der Politik wie die Altersgrenze oder die 0,5 Promille-Grenze im Straßenverkehr. Um den nächtlichen Alkoholkonsum zu verringern, führte die schwarz-gelbe Landesregierung in Baden-Württemberg 2010 das Alkoholverkaufsverbot ab 22 Uhr für Tankstellen und Supermärkte ein – ausgenommen ist die Gastronomie. Vor allem Jugendliche waren in der Vergangenheit durch nächtliche Gelage aufgefallen, ein Beweggrund zur Einführung der Regelung. Oliver Hildenbrand, Landesvorsitzender der Grünen in Baden-Württemberg, meint, gerade die Politik habe oft einen falschen Eindruck der Jugend. Der Umgang mit Alkohol hänge schließlich auch von Erziehung und Umfeld ab, genauso wie vom Ansehen des Genussmittels in der Gesellschaft.

„Da wird ein Bild von einer Generation gezeichnet, das ich für sehr unzutreffend halte." - Oliver Hildenbrand

Unter der grün-schwarzen Landesregierung soll das Verkaufsverbot wieder aufgehoben werden. Stattdessen überlässt man es zukünftig den Kommunen, über Alkoholverbote an öffentlichen Plätzen zu entscheiden. Auch die Politik kann nicht leugnen, dass Alkohol schon lange Teil unserer Gesellschaft und somit nur schwer wegzudenken ist. Sollte man da nicht auf das bei dem Großteil der Deutschen vorhandene Verantwortungsbewusstsein vertrauen? Darf uns Alkohol nicht gelegentlich eine Auszeit aus unserem Alltag verschaffen?

Wer keinen Alkohol trinkt, wird oft belächelt und als Langweiler abgestempelt. |Bild: Helene Dann

Ich merke, dass ich mit meiner Cola nicht reinpasse in diese alkoholisierte Partygesellschaft. Während ich langsam müde werde, werden die Feiernden um mich herum immer aufgedrehter. Auf den Tischen stehen überall leere Flaschen und Becher. Bei jedem Schritt höre ich das schmatzende Geräusch des klebrigen Bodens an meinen Schuhen. Der Raum ist von rhythmischen Beats erfüllt. Obwohl ich ständig überlege, doch ein Glas zu trinken und mein Auto stehen zu lassen, bleibe ich standhaft. Dennoch verliere ich mehr und mehr den Bezug zu meinen Freunden und fahre wenig später nüchtern und ernüchtert nach Hause. Zur nächsten Feier werde ich wohl wieder mit der Bahn kommen.

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Über den Autor

Helene Dann

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Eingeschrieben seit: Sommersemester 2016