Staatsbürgerschaften

Ein halber Ausländer

06.05.2015

Für viele ist es nur eine Karte im Geldbeutel. Doch für Menschen mit ausländischen Wurzeln ist es wichtig, welchen Pass man hat. Ist die Annahme eines deutschen Passes sogar ein Zeichen für gute Integration?

„Hast du eigentlich einen deutschen Pass?" Diese oder ähnliche Fragen müssen sich Menschen mit einem ausländisch klingenden Namen heute noch sehr oft gefallen lassen. Es scheint so zu sein, dass die bloße Annahme eines deutschen Passes als ein Zeichen für eine gute Integration gewertet wird. Doch kann man es sich wirklich so einfach machen? Um dies richtig beurteilen zu können, muss man sich zunächst die Beweggründe der Menschen ansehen. Was bewegt den Einzelnen dazu den alten Pass zu behalten oder den deutschen zu beantragen? Und in welchen Fällen ist vielleicht auch die zurzeit heiß diskutierte doppelte Staatsbürgerschaft eine Möglichkeit? Diesen Themen wollen wir uns anhand von Beispielen nähern.

Beginnen wir unsere Reise mit Marina Vaselina (25)

Marina wurde 1989 in Prostschurady geboren, einem kleinen Dorf in der heutigen Ukraine. Im Alter von fünf Jahren kam sie mit ihren Eltern nach Deutschland. Ihrer Familie war es sehr wichtig, sich schnell zu integrieren und darum sahen sie es auch als Pflicht an, die deutsche Sprache möglichst schnell zu erlernen. „Ich gehe doch nicht in ein neues Land, wenn ich dann dort die Sprache nicht spreche und auch sonst nicht alles tue, um mich mit meiner neuen Heimat zu identifizieren", sagt Marina. Aus diesem Grund war es für sie und ihre Familie selbstverständlich, dass man sich von Anfang an um deutsche Papiere bemüht hat. Somit hatte Marina von Anfang an die deutsche Staatsbürgerschaft. Ukrainische Papiere anzunehmen war für Marina nie ein Thema. Sie sagt: „Was weiß ich denn schon von meinem Geburtsland? Nichts. Außer dass da jetzt gerade Krieg ist." Es wird deutlich, dass sie kaum mehr eine Bindung zur Ukraine hat. Sie spricht von ihrem Geburtsland. Sie ist in Deutschland zu Hause und zeigt das auch durch ihren Pass.

Einen Gegenentwurf, auch emotional betrachtet, stellt Alla Lukashova (24) dar

Alla wurde 1990 in Schukowski in der Nähe von Moskau geboren. Sie kam 2001 nach Deutschland. Sie hat sich in Deutschland schnell eingelebt und auch hier ihr Abitur gemacht. Dennoch hat sie bis zum heutigen Tag „nur" die russische Staatsbürgerschaft. Im Vergleich zu Marina hat sie noch die emotionale Bindung zu ihrer Heimat. Sie erzählt: „Ich bin weiterhin sehr oft in Russland, weil dort noch ein Großteil meiner Familie lebt. Außerdem spiele ich mit dem Gedanken eventuell später zum Arbeiten dorthin zurückzukehren." Aus diesem Grund würde für sie die Abgabe der russischen Staatsbürgerschaft zu größeren Schwierigkeiten führen. Die Reise nach Russland und alles was damit zusammenhängt wäre umständlicher. Dies heißt aber keineswegs, dass sie die deutsche Staatbürgerschaft nicht gerne annehmen würde. „Ich würde gerne Deutsche werden, weil ich mich hier auch heimisch fühle. Aber das geht nur, wenn ich den russischen Pass abgebe. Und das möchte ich nicht, weil die Nachteile bei Abgabe des russischen Passes für mich zu groß wären", sagt sie. Für Alla wäre also eine doppelte Staatsbürgerschaft eine gute Lösung, aber dies stand in ihrem Fall gar nicht zur Diskussion. Sie erklärt: „Ich müsste mich entscheiden. Menschen, die aus einem Land kommen, das nicht zur Europäischen Union gehört, bekommen eine doppelte Staatsbürgerschaft nur in Ausnahmefällen." Zu diesen Ausnahmefällen gehört Alla leider nicht. Auch das neue Gesetz vom 20. 12. 2014 mit dem Wegfall der Optionspflicht kann ihr hier nicht helfen, weil sie bereits das 23. Lebensjahr erreicht hat und somit nach der alten Regelung schon eine Entscheidung für den russischen Pass getroffen hat.

Fabrizio Madonia (24) hat das, was für Alla nicht möglich war: Die doppelte Staatsbürgerschaft

Er wurde 1990 in Bad Säckingen als Sohn italienischer Gastarbeiter geboren. Obwohl er in Deutschland geboren ist, hatte er zunächst wie die Eltern die italienische Staatsbürgerschaft. Allerdings kam mit der Zeit doch das Gefühl, dass er die deutsche Staatbürgerschaft haben wollte. Fabrizio sagt: „Ich bin in Deutschland geboren und fühle mich hier auch heimisch. Außerdem wollte ich in Deutschland mitbestimmen beziehungsweise wählen dürfen. Darum wollte ich auch die deutsche Staatsbürgerschaft. Allerdings wollte ich auch meine Wurzeln nicht aufgeben." Die Lösung hieß daher „doppelte Staatsbürgerschaft". Für ihn war das im Vergleich zu Alla auch gar kein Problem, da Italien zur Europäischen Union gehört. Seit März 2013 hat er nun neben dem italienischen auch den deutschen Pass. Er sagt seitdem über sich selbst: „Jetzt bin ich nur noch ein halber Ausländer." Hat sich für ihn wirklich so viel verändert? „Nein. So groß ist die Veränderung nicht. Es ist nicht so, dass ich mich jetzt anders fühle oder dass ich anders behandelt werde." Das bringt Fabrizio zu dem Schluss, „die Wirkung der Staatsbürgerschaft wird aus meiner Sicht überbewertet."

Die gezeigten Beispiele können jetzt nur einen groben Überblick über das Thema geben, aber sie haben wohl eines schon ganz deutlich gezeigt: Es sind nicht nur die Themen Integration oder Bekenntnis zu Deutschland, die die Wahl der Staatsbürgerschaft beeinflussen. Es gehört so viel mehr zu dieser Entscheidung. Und selbst wenn man den größten Willen hat, sich deutsch zu fühlen und zu Deutschland zu bekennen, kann es immer noch Gründe geben, die schwerer wiegen und somit die Entscheidung beeinflussen. Und eines haben die Beispiele auch gezeigt. Selbst wenn man keinen deutschen Pass hat, kann man hier ein gut integriertes Leben führen.

Die Grafik zeigt das Verhältnis der in Deutschland lebenden Menschen mit doppelter und ausländischer Staatsbürgerschaft. Datenquelle: www.migazin.de/zensus; Graphik: Matthias Nagel

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Über den Autor

Matthias Nagel

Medienwirtschaft (Bachelor)
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2012/2013