Schweinefreunde e.V.

Ein Herz für Ringelschwänze

04.07.2017

Einselthum, 02.06.2017. Schon von Weitem begrüßt uns ein freudiges Grunzen: Der Duft von Futter liegt in der Luft. Das riechen die Borstentiere natürlich sofort, denn sie haben einen ausgeprägten Geruchssinn. Mehr als 1.300 Gene der Schweine dienen nur der Funktion ihrer Duftsensoren.

Wutzwutz, Maggi, Joe, Schätzelein, Wutzilla, Mocca, Ursel, Bella & Co. genießen ihr Leben im „Schweineparadies". |Foto: Nina Büchs

Silke Arnold, erste Vorsitzende des Vereins Schweinefreunde e.V., lebt für die Vierbeiner mit den Ringelschwänzen. Sie öffnet den Weidezaun und füttert die hungrige Meute. „Das ist Maggi", sie deutet auf ein rosafarbenes Minischwein. Sie ist fast blind – ein häufiger Genetik Fehler unter Minischweinen, da ihre Augäpfel oft zu klein sind. Ihrer Lebensfreude merkt man das nicht an. Freudig grunzend lässt sie sich auf die Seite fallen und ausgiebig von Frau Arnold kraulen.

Vom „Glücksschwein" zur Grillwurst

Mein Blick schweift über die riesige grüne Weide: Ein echtes Schweine-Paradies. Denn hier, auf dem Gnadenhof von Silke Arnold, führen die Schweine ein Leben, das ihnen zu oft verwehrt wird. Hier haben sie freien Auslauf, ein trockenes Schlafplätzchen und sogar eine Suhle. Anders als in der Massentierhaltung, die über die Jahre stark zugenommen hat. Auch im Sommer geht es in den Schlachthöfen heiß her: Die Grillsaison ist eröffnet und somit stapeln sich wieder tonnenweise Würste und Steaks im Kühlregal der Supermärkte. „In der Massentierhaltung hat das Schwein laut Gesetz weniger als einen Quadratmeter Bewegungsfreiheit. Die sogenannte Auszeichnung für „Bio"-Fleisch erhalten die Züchter schon, wenn das Schwein nur 1,3 Quadratmeter Raum zur Verfügung hat", so Arnold. Das ist nicht einmal ein halber Quadratmeter mehr. Aufgrund des aggressiven Verhaltens der Schweine in den Mastanlagen, werden ihnen häufig die Schwänze abgeschnitten. Eine Qual, die ihnen in der Freilandhaltung erspart bleibt. Warum eigentlich Schweine, will ich von ihr wissen. „Schweine waren in der Vergangenheit das Glück des Menschen. Im Laufe der Zeit hat die Bevölkerung das Schwein jedoch nicht mehr als Tier, sondern als Stück Fleisch wahrgenommen. Die Massentierhaltung war geboren." Ein Trend, den die Tierfreundin nicht nachvollziehen kann. Blickt man über den Tellerrand hinaus, entdeckt man, „dass Schweine ganz besondere Lebewesen sind und es einfach nicht verdient haben, so zu leben", bekräftigt die Tierschützerin.

Massentierhaltung und Schlachtung: Zahlen, Daten, Fakten
1. 60 Millionen Schweine werden pro Jahr in Deutschland geschlachtet.

2. Jeder Bundesbürger isst in seinem Leben durchschnittlich 46 Schweine.

3. Die natürliche Lebenserwartung von Schweinen beträgt in etwa 15 Jahre. Als „Nutztier" erreicht das Schwein nur ein Alter von circa einem halben Jahr.

Quelle:
Vebu.de
aktiontier.org

Suhlen, Fressen, Schlafen – ein bisschen Luxus muss sein

Zurück zur Schweineherde bei Frau Arnold. Es ist ein heißer Sommertag. Das Thermometer zeigt 30 Grad. Ein großes, matschiges Wasserloch lädt zur Hautpflege und Abkühlung ein. Das lässt sich die Leitsau Mocca nicht zweimal sagen. Genüsslich suhlt sie sich und wälzt sich von einer Seite zur anderen: Kosmetikbehandlung erledigt! Mit Mocca verbindet Silke Arnold eine besondere Geschichte. Sie durfte die Geburt ihrer Ferkel miterleben. Und das heißt schon etwas, erfahre ich, denn „Schweine gebären am liebsten alleine und abgeschottet in einer ruhigen Ecke". Für Silke Arnold ein „sehr emotionaler Moment". Im Umgang mit den Ringelschwänzen merkt man – Schweine sind nicht nur ihre Leidenschaft oder Berufung: Sie sind Familie.

Ein Rückblick: Wie alles begann…

„Ich weiß noch genau, wie ich zu meinem ersten Schwein, Wutzwutz, gekommen bin", verrät mir die stolze Schweinebesitzerin. „Ich ging abends mit meinen Hunden spazieren und hörte urplötzlich ein mörderisches Geschrei. Hinter einem halbhohen Weidezaun habe ich ein unfassbares Szenario entdeckt. Ein Mann stand dahinter, unter seinem Arm ein Ferkel geklemmt und schnitt ihm die Ohren ab. Da wurde es mir echt zu viel! Und dann saß ich da. Mit einem Schwein. Ohne Plan und ohne Auftrag." Mit dieser rührseligen Geschichte über ihre allererste Schweinerettung begann auch ihr Kontakt zu den Schweinefreunden. Über das Internet stieß sie auf Sabine Duda, damals erste Vorsitzende des Vereins, und erklärte ihre Lage. Dudas Rat: „Also das Erste, was du brauchst, ist noch ein Schwein!" Denn Schweine darf man laut Gesetz niemals alleine halten. Und das sei auch gut so, findet Arnold, denn 80 Prozent der Kommunikation bei Schweinen findet über Gerüche statt, die nur ihre Artgenossen verstehen. „Das ist so, als ob man als einziger Europäer in China lebt – man kann sich nur schwer verständigen." Leider ist das Schicksal von Wutzwutz kein Einzelfall, denn zu Silke Arnold kommen nicht nur gesunde oder kranke, sondern auch misshandelte Schweine, deren Besitzer überfordert sind. Zu oft geben sie ihre Minischweine zurück, denn mit einem „Abrisskommando in der Wohnung" haben sie nicht gerechnet.

Inzwischen sind aus zwei Schweinen zwanzig geworden, die sich auf dem Gnadenhof von Silke Arnold „sauwohl" fühlen. Auch Wutzwutz lebt noch auf dem Hof, allerdings hat sie gesundheitliche Probleme: Vermutlich ist sie an Demenz erkrankt. Hier bei Sabine Arnold scheint die Welt noch in Ordnung zu sein, das finden auch die Schweine, denn „man merkt es ihnen an, wenn sie glücklich sind und es den Schweinen gut geht– von der Körperhaltung, dem Wedeln des Schwanzes, ähnlich wie bei Hunden, den aufgestellten Ohren bis hin zu verschiedenen Grunzarten", die Silke Arnold alle verstehen und unterscheiden kann.

Das Leben auf dem Gnadenhof: Ein Blick hinter die Kulissen |Fotos: Nina Büchs

Die Schweinefreunde – mit Öffentlichkeitsarbeit zum Erfolg

Aber so ein Gnadenhof kann manchmal auch mühsam sein. Ihr hart verdientes Geld fließt in den Verein, denn für Silke Arnold steht fest: „Das ist das, was ich mag. Meine Berufung." Für den Verein arbeiten derzeit etwa 170 Mitglieder; auch international sind die Schweinefreunde vertreten, unter anderem in Frankreich und Spanien. Doch die Vereinsarbeit geht weit über die Leitung eines Gnadenhofes hinaus: Auch für die Tiervermittlung ist Silke Arnold zuständig. Das beinhaltet Vor- und Nachkontrollen des neuen Zuhauses, die Beratung der Schweinehalter, Transport und vieles mehr.

Ein besonderer Fokus wird auf die Öffentlichkeitsarbeit gelegt, denn die Schweinefreunde wollen „das Ansehen der Schweine in der Öffentlichkeit verbessern". Das ist die Grundidee des Vereins, der sich außerdem für eine artgerechtere Haltung, die Abschaffung von Kastenleben und die Abschaffung der betäubungslosen Kastration stark macht. Wie das gelingt? „Durch unsere Präsenz auf Messen, Auftritte in den Medien und Kontakte über Politiker", so Arnold. Was dem Verein aber fehlt sind Mitglieder, die stimmberechtigt sind und zur Jahreshauptversammlung kommen, um neue Perspektiven zu öffnen und dem Verein gegen seine „Betriebsblindheit" zu helfen. Seit 2004 ist Silke Arnold Mitglied, seit 2016 auch Vorstandsvorsitzende. Ihr Handy summt, die neue Frage im Schweineforum lässt sie schmunzeln: Dürfen Schweine Kokos Chips fressen?

Schweinische Fakten |Grafik: Nina Büchs via Piktochart

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Über den Autor

Nina Büchs

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 16/17