Onlinehilfe bei Suizidgedanken

Ein Klick in die richtige Richtung

07.06.2017

In Deutschland sterben täglich Jugendliche durch Suizid. Die Anzahl der versuchten Selbstmorde ist noch wesentlich höher. Angst und Scham hindern die jungen Menschen daran, sich Hilfe zu suchen. Florian und seine Kollegen stehen ihnen mit der anonymen Onlineberatung U25 bei.

Suizidgefährdete Jugendliche können anonym per E-Mail Kontakt zu den Beratern der U25 aufnehmen. |Foto: Tessa Hartwig

Eine Studentenwohnung in Freiburg. Ein junger Mann setzt sich an einen Schreibtisch und fährt seinen Computer hoch. Er checkt seine E-Mails. Eine neue Nachricht. Aber es ist keine gewöhnliche E-Mail. Kein Newsletter, keine Grußworte und auch keine Werbung. In dieser Nachricht schildert ein junger Mensch seine schlimmsten Ängste und dunkelsten Gedanken. Er nimmt sich Zeit, liest die E-Mail mehrmals durch. Und dann überlegt er: Wo liegt das Problem? Wie kann ich auf diesen Menschen eingehen?

Florian ist 24 Jahre alt. Er macht seinen Master in Erziehungswissenschaften und arbeitet nebenher in einer Unternehmensberatung. Und er ist ehrenamtlicher Peerberater bei der E-Mail-Beratung der U25 Freiburg. Dort können Jugendliche bis 25 Jahre anonym ihre Ängste, Krisen und Suizidgedanken mit einem ebenfalls jungen Peerberater teilen. Oftmals sind es einmalige Schilderungen, manchmal entsteht auch ein regelmäßiger E-Mail-Kontakt zwischen Peer und Klient.

U25 – E-Mail-Beratung für Kinder und Jugendliche mit Suizidgedanken
Die U25, die Abkürzung steht für „unter 25", ist eine E-Mail-Beratung, bei der Jugendliche andere Kinder und Gleichaltrige bei Krisen und Suizidgedanken begleiten. Das Programm wurde 2001 vom Arbeitskreis Leben Freiburg (AKL) entwickelt und erfolgt seit 2012 in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Caritasverband. Laut dem Jahresbericht des AKL waren im letzten Jahr 205 Jugendliche in E- Mail-Beratung bei der U25 Freiburg. 39 Prozent der Kontakte waren einmalig, 23 Prozent gingen über 18 Monate und länger hinaus. Insgesamt 34 Jugendliche engagieren sich momentan ehrenamtlich als Peerberater.

Florian arbeitet bereits seit 2013 ehrenamtlich für die U25. Als er nach dem Abitur sein Freiwilliges Soziales Jahr beim Rettungsdienst absolviert, begleitet er eine junge Patientin mit Essstörung auf ihrer Fahrt ins Krankenhaus. Im Krankenwagen unterhalten sie sich zwei Stunden. Als sie am Krankenhaus ankommen, denkt er: „So jemandem muss man doch auch besser helfen können." Der Gedanke lässt ihn nicht mehr los. Nach der Schicht fährt er nach Hause, stößt bei einer Internetsuche auf die U25 und bewirbt sich. Über fünf Monate hinweg wird er zum Peerberater ausgebildet. In dieser Schulung lernen Jugendliche von 16 bis 25 Jahren an Fallbeispielen, wie sie konkret auf solche E-Mails antworten. Außerdem sollen die Peers lernen, wie sie mit der Belastung und eigenen Krisen umgehen. Florian schließt die Ausbildung ab und steht seitdem jungen Menschen in ihren schlimmsten Krisen bei.

Florian hat in schwierigen Momenten gelernt, dass es für alles eine Lösung gibt.

Er setzt sich intensiv mit den Sorgen seines Gegenübers auseinander, um ihm so gut wie möglich helfen zu können. Dabei ist manchmal auch die Meinung der anderen Peerberater sinnvoll. Nach einem gemeinsamen Brainstorming macht er sich mit den Ideen auf den Weg nach Hause.

Die Peers arbeiten von Zuhause aus, alle zwei Wochen treffen sie sich jedoch in Kleingruppen für sogenannte Supervisionstreffen. Unter Wahrung der Anonymität tauschen sie sich über Fälle und Probleme aus. Die Jugendlichen sollen sich so gut wie möglich gegenseitig unterstützten. Aber auch eine hauptamtliche Mitarbeiterin nimmt an den Gesprächen teil. Meist übernimmt diese Aufgabe Clara Nordfeld, sie hat soziale Arbeit studiert und leitet die U25 Freiburg.

Kritiker sehen Risiken darin, Jugendlichen die verantwortungsvolle Aufgabe zu übertragen, anderen Jugendlichen zu helfen. Clara ist sich dieser Verantwortung bewusst: Sie tut ihr Bestes, um für einen reibungslosen Ablauf der Kontakte zu sorgen und lässt ihre Peers auch während der Beratung nicht alleine. „Ich lese alle E-Mails mit, schaue wie das Gespräch verläuft und ob dem Klienten geholfen wird." Trotzdem betont sie: „An erster Stelle steht immer der Schutz der Ehrenamtlichen."

Clara Nordfeld spricht über Risiken und Chancen der Onlineberatung.

Wenn Florian seine E-Mails beantwortet, braucht er Ruhe zwischen Arbeit, Studium und wohlverdienter Freizeit. „Gerade habe ich zwei Klienten, die je einmal die Woche schreiben. Einen davon betreue ich schon länger, mit dem Anderen schreibe ich erst seit vier Wochen." Der Zeitaufwand unterscheide sich je nach Mail und Problem. Und auch ein wenig je nach Kontakt, denn auch im E-Mail-Kontakt sei es von Bedeutung, ob man auf der gleichen Wellenlänge ist. Aber Florian findet: „Manchmal muss man sich beim Schreiben eben ein bisschen an sein Gegenüber anpassen."

2015 haben 532 Jugendliche unter 25 Jahren Suizid begangen. Um diese Zahl zu verringern, hilft die U25 suizidgefährdeten Jugendlichen an zehn Standorten in Deutschland.

Genug Zeit zum Nachdenken und Gedanken sammeln. Er hat eine Idee gefasst und setzt sich wieder an seinen Schreibtisch. Er öffnet das E-Mail-Programm und liest sich die Nachricht noch ein letztes Mal Abschnitt für Abschnitt durch. Dann antwortet er. Er spendet Trost und schlägt Lösungen oder potenzielle nächste Schritte vor. Vor dem Senden liest er das Geschriebene noch einmal durch und stellt sicher, dass er seine Aufgabe bestmöglich erfüllt hat.

Bei der Frage, worauf er beim Schreiben besonderen Wert lege, muss Florian nicht lange nachdenken: „Keine Floskeln wie ‘Wird schon wieder‘ oder ‘Ist doch nicht so schlimm‘. Auch ‘Kopf hoch‘ geht gar nicht. Dagegen ist alles gut was Verständnis zeigt und eine Beziehung eröffnet." Er versucht sich auch so gut es geht an alles zu erinnern, was bisher gesagt wurde und keine Fragen zu wiederholen. „Damit der Klient sicher sein kann, dass ich ihm zuhöre und ihn ernst nehme."

Soll er sich selbst beschreiben, bezeichnet er sich als guten Zuhörer und als hilfsbereit. Durch die Arbeit beim Rettungsdienst hat Florian gemerkt, dass ihm die Arbeit mit Menschen liegt. Dieses Gefühl bestätigt sich in seiner ehrenamtlichen Arbeit. Die Erfahrungen, die er sammelt, nimmt er auch in Studium und Beruf mit. Florian lächelt, während er über seine Arbeit bei der U25 spricht. „Die Atmosphäre ist gut, die Arbeit macht Spaß. Ich komme gerne her."

Die Mail ist abgeschickt. Er widmet sich wieder anderen Dingen, solange bis eine Antwort eintrifft und der Prozess von vorne beginnt: Lesen, gründlich Nachdenken, Austauschen und Ideen sammeln, Antworten. Es ist ein Kreislauf, die Abläufe ähneln sich. Aber trotzdem ist die Arbeit niemals gleich, niemals langweilig.

Bald hat Florian Geburtstag, dann ist er nicht mehr „U25". Darauf angesprochen zuckt er die Schultern und grinst, als hätte er mit der Frage gerechnet. „Es müsste nicht mein finales Jahr sein." Und auch Clara betont, dass er gerne über seinen Geburtstag hinaus dort weiterarbeiten dürfte. Nur etwas Bedenken hat er, dass er sich irgendwann nicht mehr so gut in 16-jährige Klienten hineinversetzen kann. Er weiß, Lebensumstände können sich jederzeit ändern. Sein Studium neigt sich langsam dem Ende zu. Was danach kommt, kann Florian noch nicht mit Gewissheit sagen. Aber er weiß mittlerweile wohl selbst am besten, dass es für alles eine Lösung gibt.



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Über den Autor

Tessa Hartwig

Crossmedia Redaktion/ Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2016/2017