Diagnose Hirntumor

Ein Leben mit Krebs

07.01.2016

Wenn ein Mensch schwer erkrankt, bedeutet das Veränderung. Für den Menschen selbst, aber auch für seine Angehörigen. Wie lebt es sich mit Krebs und wie fühlt sich so ein Umbruch für die Familie an?

Sabrina Wirth ist 19 Jahre alt. Sie wohnt gemeinsam mit ihren Eltern, ihrem jüngeren Bruder und ihrer Großmutter (65) in einem alten Bauernhaus auf dem Land, in der Nähe von Meßkirch. Sie führt ein normales Leben, glücklich und unbeschwert, bis ihre Oma vor einem halben Jahr eine alles verändernde Diagnose bekommt.

Unser Treffen findet bei ihr zu Hause im Wohnzimmer statt. Es ist gemütlich: Viele Familienfotos hängen an der Wand, die Sonne scheint durch die Fenster. Sabrina wirkt zuerst etwas angespannt, sie spielt immer wieder mit ihren Haaren und ihre Hände zittern. Je mehr wir reden, desto offener wird sie. Bei unserem Interview erkennt man, dass sie viel zu erzählen hat. Wenn sie daran denkt, wie sie von der Erkrankung ihrer Oma erfahren hat, wird sie wieder stiller: „Es war in der Nacht vom 15. auf den 16. Mai 2015, in der sie einen epileptischen Anfall hatte. Erst wussten wir gar nicht, was passiert. Der erste Gedanke war, dass sie einen Schlaganfall hat, da es bis zu dem Anfall keinerlei Symptome gab." Laut der Pharmazeutischen Zeitung können Tumore unterschiedliche Symptome verursachen, je nachdem, wo sie wachsen. Zu Beginn bereiten sie nur selten Kopfschmerzen, wie man wahrscheinlich vermuten würde. Wesentlich häufiger hingegen sind Schwindel, Übelkeit und Erbrechen. Aber auch Lähmungen, Gefühls-, Sprach- oder Sehstörungen, Persönlichkeitsveränderungen oder epileptische Anfälle sind möglich.

„Wir haben meine Oma dann ins Krankenhaus gefahren, dort wurde direkt eine Computertomografie gemacht. Sie wurde dann ins Krankenhaus nach Tübingen verlegt, um Genaueres festzustellen. Die Diagnose lautete Hirntumor, um genau zu sein, Glioblastom Who Grad vier."

Wissenschaftliche Aspekte

Laut der Klinik für Neurologie Köln-Merheim erkranken pro Jahr ca. 5000 bis 8000 Menschen in Deutschland an einem Tumor im Gehirn. Im Vergleich zu anderen Krebserkrankungen sind Gehirntumore aber eher selten. Es gibt mehr als 130 verschiedene Arten, je nach Ursprung, Zellzusammensetzung und Wachstumsverhalten. Einer Ausgabe der Pharmazeutischen Zeitung nach zufolge, können sie jederzeit unabhängig vom Alter entstehen. Auch Ernährung, Rauchen oder Stress spielen keine Rolle. Gehirntumore werden in vier Grade unterteilt, was Aufschluss über Prognose und Heilungschancen gibt. Um festzustellen um welche Art von Tumor es sich handelt, muss der Arzt etwas Tumormaterial entnehmen.

WHO Grad I bedeutet gutartig. Der Tumor wächst langsam und nur verdrängend. Die Patienten haben eine sehr gute Prognose. Bei WHO Grad II sind die Tumore noch gutartig. Sie wiederholen sich jedoch öfter. Tumore mit dem WHO Grad III sind bereits bösartig. Sie wiederholen sich oft. WHO Grad IV bedeutet bösartig. Nach der Operation sind Strahlen- und/oder Chemotherapie notwendig. Die Patienten haben eine schlechte Prognose.

Die Diagnose

Bei Sabrinas Oma wurde ein besonders bösartiger Gehirntumor diagnostiziert, deshalb musste sie so schnell wie möglich operiert werden. Glioblastome gelten als die häufigsten und aggressivsten Tumore bei Erwachsenen. Sie wachsen sehr schnell und dringen dabei in gesundes Gewebe ein, aus diesem Grund sind sie schwer zu entfernen. Selbst unter einer intensiven Therapie führen Glioblastome meist innerhalb eines Jahres zum Tod. Eine frühe Diagnose ist nicht von Bedeutung, vorbeugende Maßnahmen gibt es nicht. Als der Arzt die Nachricht überbrachte, war die ganze Familie anwesend. Ihnen wurde mitgeteilt, dass alles, was man noch tun könne, lebensverlängernde Maßnahmen seien. Die Ärzte vermuteten, dass die Betroffene innerhalb der nächsten 18 Monate sterben würde. Auf die Frage nach Sabrinas Reaktion darauf, antwortet sie: „Ich war schockiert, traurig ich wollte es nicht richtig glauben. Sie hatten meiner Oma das Todesurteil verhängt." Auch die restlichen Familienmitglieder reagierten ähnlich, die Betroffene selbst jedoch war laut Sabrina sehr ruhig. Sie habe es nicht mehr verstanden, da der Tumor bereits begann sie zu verändern.

So wird Sabrina ihre Oma in Erinnerung behalten (Foto: Fenja Fecht)

Veränderungen

Nicht nur das Aussehen von Sabrinas Oma verändert sich mit der Krankheit – auch ihre Persönlichkeit leidet unter dem Tumor. Bilder auf denen sie noch gesund ist, sind Vergangenheit. Durch die Chemotherapie verliert sie nach und nach immer mehr Haare. Ihr Gesicht ist aufgequollen und ihr Blick wirkt leer. Sabrina nimmt die Veränderung deutlich wahr: „Der Anblick ist schlimm. Es ist einfach nicht mehr meine Oma. Das ist nicht der Mensch, den ich mal kannte."

In den letzten zwei Jahren hat sich auch ihr Verhalten verändert, laut Sabrina habe sie Vieles vergessen und missverstanden. Man schob es jedoch auf das Alter. Das Verhältnis innerhalb der Familie war bereits vor der Diagnose schwierig, doch aufgrund der starken Persönlichkeitsveränderung, welche durch den Tumor verursacht wurde, wurde es noch schlimmer. Sabrina meint: „Sie war früher schon grob, wenn ich beispielsweise etwas gegessen habe meinte sie nur: „Iss nicht so viel du wirst immer fetter". Aber jetzt hat man das Gefühl, dass sie wirklich bösartig ist. Wenn wir ihr beispielsweise Hilfe anbieten behauptet sie vor anderen das Gegenteil. Sie ist aggressiv und unhöflich." Keiner aus der Familie hat sich bis jetzt genauer mit dem Thema „Tumore" auseinandergesetzt. Sie haben Angst vor dem, was sie erfahren könnten und sind mit der Situation überfordert. Keiner weiß, wie man sich der Betroffenen gegenüber richtig verhalten soll. Sabrina bemüht sich dennoch sehr, auf ihre Oma einzugehen, um ihr zu zeigen, dass sie nicht allein ist.

Auch für die Erkrankte selbst sei die neue Situation schwierig, weil sie nur gelegentlich klare Momente habe. Früher sei sie eine sehr selbstständige Frau gewesen, durch den Tumor hat sich das geändert: Jetzt sei sie auf die Hilfe ihrer Angehörigen angewiesen, man müsse ständig auf sie aufpassen. Sie darf außerdem Vieles nicht mehr alleine machen, wie beispielsweise Auto fahren oder den Ofen anheizen. Auch die Ärzte sind der Meinung, dass man ihr nur noch die Hälfte glauben sollte, da sie vieles entweder vergisst oder gar nicht mehr versteht. Einfache Handgriffe erfordern viel Konzentration. „Sie denkt zum Beispiel nicht mehr daran die Türen zu zumachen. Das liegt daran, dass sie sich dazu vollständig darauf fokussieren müsste. In etwa so: „Ich werde jetzt diese Türe zumachen" sagt Sabrina.

Die Zukunft

Bei der Operation konnte nicht der komplette Tumor entfernt werden, weil sonst das umliegende Gewebe verletzt worden wäre. Deswegen ist es sehr wahrscheinlich, dass sich der Tumor innerhalb kurzer Zeit erneut bilden wird. Die Betroffene wird – laut Aussage der Ärzte – voraussichtlich nicht mehr lange leben. Sabrina denkt viel darüber nach, wie es ohne ihre Oma sein wird. Als sie davon erzählt, kommen ihr die Tränen: „Wenn sie weg ist, wird etwas fehlen, auch wenn es schwer ist im Moment, aber sie ist meine Oma und ich hab sie lieb."

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Über den Autor

Fenja Fecht

Crossmedia Redaktion / Public Relations
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2015