Fairphone

Ein Smartphone, das eine Geschichte erzählt

28.10.2014

Schneller, neuer, besser: Smartphones gelten heute als Statussymbol. Die unmenschlichen Produktionsbedingungen und die Unmengen an Elektroschrott rücken dabei schnell in den Hintergrund. Das Fairphone soll dieser Entwicklung entgegen wirken.

Bei der Produktion von elektronischen Geräten stehen Ausbeute und Kinderarbeit an der Tagesordnung. Vor derartig unangenehmen Tatsachen schließt die Gesellschaft jedoch gerne die Augen, wodurch sich dieser Trend stetig fortsetzt. Die Lösung dieses Problems machte sich ein kleines, niederländisches Projekt 2010 zur Aufgabe: Bewusstseinsschaffung! Was anfangs als Aufklärungskampagne geplant war entwickelte sich schnell zu dem sozialen Unternehmen Fairphone B.V.

Unter Leitung von Bas van Abel wurde 2013 ein Handy vorgestellt, bei dessen Produktion Nachhaltigkeit und soziale Werte an erster Stelle stehen. Über 10 000 Menschen entschieden sich, das Startup per Crowdfunding zu unterstützen. Unter ihnen Manuel Koch, Diözesanvorsitzender im Bund der deutschen katholischen Jugend Würzburg, der das Fairphone aus Überzeugung kaufte. „Ich habe mich mit dem Thema beschäftigt und weiß, dass Fairness in der Elektroindustrie sehr komplex ist. Das Projekt Fairphone hielt ich daher für unterstützenswert", so Koch.

Doch worin liegt überhaupt die Schwierigkeit, ein Smartphone fair und nachhaltig herzustellen?

Geheime Geschäfte

Manuel Koch sieht das Problem in der ungewissen Lieferkette. „In einem Handy sind rund dreißig verschiedene Metalle enthalten, die schwer ihrem Ursprung und den einzelnen Zwischenhändlern zuzuordnen sind", sagt Koch. Diese fehlende Nachvollziehbarkeit wird weder von Gesetzgebern noch von Konsumenten kritisiert. Daher besteht für die Händler keine Notwendigkeit, etwas an der Situation zu ändern.

Außerdem ist die Elektroindustrie bei weitem komplexer als der Handel von beispielsweise Kaffee oder Bananen: Für die Produktion elektronischer Geräte werden seltene Metalle benötigt, die ihren Ursprung in Entwicklungsländern wie der Republik Kongo haben. Dort ist sogar durch die hohe Rohstoffnachfrage und die so entstandenen Konkurrenzkämpfe ein Bürgerkrieg ausgebrochen. Die Minen werden von Rebellen kontrolliert, welche sich durch die Geschäfte Waffen finanzieren. Kinderarbeit, fehlende Arbeitsschutzmaßnahmen und niedrige Löhne gehören in den Minen zum Alltag.

Vom Fairphone zum FAIL-phone?

Wenn sich diese unmenschlichen Bedingungen aufgrund ihrer Komplexität so schwer beheben lassen – wie fair ist das Fairphone dann wirklich? Von den insgesamt dreißig im Fairphone enthaltenen Metallen kann man gerade einmal zwei (Zinn und Tantal) als konfliktfrei bezeichnen. Das bedeutet, dass nur diese beiden Metalle unter kontrollierten Arbeitsbedingungen abgebaut und Fairtrade-zertifiziert wurden. Ein weiterer Kritikpunkt ist die Weiterverarbeitung in China – einem Land, das ebenfalls verrufen für Ausbeute und miserable Arbeitsbedingungen ist.

Im Netz war aufgrund dieser Negativschlagzeilen von Greenwashing und einem FAIL-phone die Rede. Geschäftsführer Bas van Abel erklärte darauf in einem Interview auf der Nachrichtenseite Golem.de: „Um ein 100 Prozent faires Smartphone herzustellen, muss man alle Probleme der Welt lösen." Den Namen Fairphone darf man also noch lange nicht wortwörtlich nehmen.

Der erste Schritt in die richtige Richtung

Trotz aller Kritik ist das Fairphone das fairste Handy auf dem Markt. Mit Hilfe der niederländischen Regierung konnte das Startup eine Initiative für konfliktfreie Minen gründen und für bessere Arbeitsbedingungen in China sorgen. Hierzu gehören Mitspracherecht, Sozialversicherung, kostenlose Mittagessen und verbesserte Brandschutzbedingungen.

Wie sieht das Fairphone eigentlich aus?

copyright aller Bilder: Anna-Lena Hildebrand

Das Fairphone als Mittel zum Zweck

Die schwerwiegenden Probleme in der Elektronikbranche lassen sich nicht von heute auf morgen beheben. Doch das Fairphone zielt gar nicht darauf ab, nur praktische Veränderungen hervorzurufen. Vielmehr möchten die Initiatoren eine Geschichte erzählen, die in der Gesellschaft Schritt für Schritt ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit und faire Produktion bewirkt. Ein weiteres Ziel von Fairphone B.V. ist es, die Zahl konfliktfreier Rohstoffe im Fairphone zu erhöhen, eigenständiger in der Produktion zu werden sowie die Arbeitsbedingungen stetig zu verbessern. Die ursprüngliche Absicht der anfangs kleinen Kampagne ist jedoch schon längst erreicht: Das Fairphone entwickelte sich zum Trendsetter. Über 55 000 Fairphones wurden aktuell verkauft und ein zweites Modell mit vielen Verbesserungen ist bereits für 2015 geplant.

Die technischen Daten des Fairphone. (Bilderquelle: bluevertigo.com)

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Über den Autor

Anna-Lena Hildebrand

Crossmedia-Redaktion/Public Relations (Bachelor)
Eingeschrieben seit: SoSe 2014