Haarspenden

Ein Zopf als Second-Hand-Produkt

01.06.2017

Aus altem Haar wird neues Selbstvertrauen. Aber wieso wird es beim Friseur dann einfach weggeschmissen? Haare sind kein Müll. Das findet auch Alena, deshalb spendet sie ihres. Dadurch kann Mädchen wie Meena, die ihr eigenes Haar verloren haben, geholfen werden. Durch eine Perücke aus echtem Haar kann sich Meena endlich wieder ganz normal fühlen – trotz Krankheit.

Mit nur einem einzigen Schnitt sind die Haare ab. Für einen anderen Menschen können sie Einiges verändern. |Foto: Celine Eckl

Der Friseursalon ist klein, sehr klein. Nicht größer als das Badezimmer in den meisten WGs. Zwei Haarwaschbecken sind zwischen vier Frisierstühle gezwängt. An den Wänden stapeln sich die Haarpflegeprodukte. Als wir hereinkommen, weht uns schon der Geruch von Shampoo und Haarspray entgegen. Die Friseurin sieht uns hilflos an: Sollen alle in den Raum? Alena nickt. Sie braucht ihre beiden Freundinnen als seelischen Beistand.

Alena ist 20 Jahre alt und hat hüftlanges, hellbraunes Haar. Auf die Frage, wie lange sie es schon wachsen lasse, hat sie keine Antwort. Seit sie denken kann, trägt sie ihre Haare lang. Natürlich habe sie als Jugendliche auch mal mit Farbe herumprobiert, aber die sei schon längst wieder herausgewachsen. Ihre Haare sind naturfarben, glatt und gesund. Die perfekten Voraussetzungen für das, was sie vorhat, denn Alena hofft, heute jemandem helfen zu können.

Ein wertvoller Zopf

Die Friseurin schneidet ihr einen 29 cm langen Zopf ab. Dieses Haar soll verpackt und verschickt werden, um hoffentlich bald den Kopf eines Kindes zu schmücken, das es mehr braucht als Alena. Alena ist die Entscheidung nicht leicht gefallen. Sie hängt sehr an ihrem langen Haar, das merke ich an ihrem Gesichtsausdruck. Ihre Freundin Fanny bestärkt sie: „Denk einfach an das Kind, dem du damit hilfst." Auch die anderen Frauen, die in dem kleinen Raum frisiert werden, bemerken die aufgeregte Stimmung, die von uns ausgeht. Neugierig erkundigen sie sich, was wir mit dem Zopf vorhaben, den wir wie einen heiligen Gral durch den Raum tragen. Alena bewacht alles ganz genau, denn sie will auf keinen Fall, dass das Haargummi sich löst und alles umsonst war.

Mit Alena beim Friseur

Mit gemischten Gefühlen betritt Alena den Salon und geht überglücklich nach Hause. | Fotos: Celine Eckl

„Ich hätte meine Haare nicht abgeschnitten, wenn es nicht für jemand anderen gewesen wäre."

Wie kommt man zu der Entscheidung seine Haare zu spenden? |Quelle: Celine Eckl

Alena verpackt ihren Zopf vorsichtig in einer Plastiktüte und steckt ihn in einen Umschlag mit österreichischer Anschrift, die Adresse gehört zu dem Verein Haarfee mit Sitz in Wien. Haarfee ist eine unabhängige Non-Profit-Organisation, die Perücken für Kinder herstellt, die ihre Haare infolge von Chemotherapie, schweren Verbrennungen oder der Krankheit Alopecia Areata verloren haben. Der Verein hatte sich zum Ziel gesetzt, genug Haarspenden zu sammeln, um 50 Kindern eine Perücke spenden zu können. Nachdem er das im Herbst 2016 bereits erreicht hatte, wollte er ein größeres Ziel verfolgen. Heute versucht der Verein Haarfee allen Kindern ohne eigenes Haupthaar eine Echthaarperücke zu ermöglichen. Die Perücken gehen an Kinder aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Da die Herstellung sehr aufwendig und teuer ist, sammelt der Verein auch Geldspenden, um die Perücken den Kindern komplett kostenlos überreichen zu können.

Von jedem Zopf postet der Verein ein Bild auf Facebook und dankt der Spenderin. | Foto: Celine Eckl

Vom Zopf zur Echthaarperücke

Eine Echthaarperücke kostet zwischen 1.500 und 3.000 Euro und die Krankenkasse übernimmt nur einen bescheidenen Anteil von 380 Euro. Besonders für Kinder sind möglichst echt aussehende und gut sitzende Perücken wichtig, da Kinder ohne Haare leicht ihr Selbstwertgefühl verlieren und von anderen Kindern gehänselt oder sogar ausgegrenzt werden. Außerdem können Kunsthaarperücken Patienten nach einer Chemotherapie noch zusätzlich durch Hautirritationen schaden. Um eine Perücke zu knüpfen, braucht man etwa vier bis fünf gespendete Echthaarzöpfe, je nach Dicke der Zöpfe. Als Grundlage verwenden Perückenmacher eine künstliche Kopfhaut, die sogenannte Montur, die einer ganz feinen Netzmütze ähnelt. Jedes einzelne Haar wird mit einer Knüpfnadel an die Montur geknüpft. Für eine Perücke werden ca. 80.000 bis 100.000 Stiche benötigt. Für die Herstellung einer einzelnen Perücke braucht der Verein bis zu fünf Monate. Glücklicherweise kommen mehrere Zöpfe täglich in Wien an. Diese werden dann nach Farben sortiert, sodass schon mal Perücken vorgefertigt werden können. Von dem Kind, das die Perücke bekommt, muss dann lediglich die Kopfform ausgemessen und die Frisur ausgesucht werden.

Ist es eine komische Vorstellung, dass eine andere Person die eigenen Haare trägt? |Quelle: Celine Eckl

Aber wer ist diese andere Person?

Meena* ist 16 Jahre alt und wohnt in Eisenstadt in Österreich. Sie hatte dunkelbraunes Haar, bis sie es durch die Chemotherapie verloren hat. Ende April hatte Meena aber das Glück, die 71. Perücke vom Verein Haarfee zu bekommen. Die Perücke ist dunkelbraun und sitzt perfekt. „Durch die Perücke fühle ich mich besser, sicherer und einfach glücklicher." Weil es ihre erste Perücke ist, musste Meena sich trotzdem erst an das Gefühl gewöhnen, eine Perücke zu tragen. Meena erzählt mir, dass sie nur eine Woche auf ihre Perücke warten musste. Sie wurde dunkelbraun gefärbt und ähnelt ihrer natürlichen Haarfarbe sehr. Mindestens vier Frauen haben dazu beigetragen, dass Meena sich wieder mutig in der Öffentlichkeit zeigt. „Wenn ich mit Haarspenderinnen wie Alena sprechen könnte, würde ich ihnen danken, dass sie mir das Gefühl geben, normal zu sein." Dieses Gefühl kann der Zopf von Alena als Perücke auf dem Kopf eines anderen Mädchens hoffentlich auch bald erzeugen.

*Name geändert

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Über den Autor

Celine Eckl

Crossmedia-Redaktion
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2016/17