Impfungen

Eine Erfindung spaltet die Gesellschaft

13.12.2016

Befürworter und Gegner streiten sich seit Jahren über Chancen und Risiken von Impfungen – längst ist aus dem Thema eine gesellschaftliche Debatte geworden. Was sind die gängigsten Argumente der beiden Seiten? Experten geben Auskunft.

Ein kleiner Stich kann vor tödlichen Krankheiten schützen. Doch schon bei der Frage „Impfen – ja oder nein?" kommt es in vielen Internetforen zur Diskussion. |Quelle: Anna-Maria Relle

Laut dem Robert Koch-Institut (RKI) waren im Jahr 2014 rund 92,6 Prozent der deutschen Schulanfänger gegen Mumps und Röteln geimpft. Auch bei anderen Krankheiten wie Diphtherie oder Tetanus, lag die Impfrate bei über 95 Prozent. Trotz insgesamt hoher Impfbereitschaft in Deutschland gibt es immer wieder Eltern, die sich weigern, ihre Kinder impfen zu lassen.

Empfohlene Standardimpfungen für Säuglinge und Kleinkinder bis zwei Jahre

|Quelle: Anna-Maria Relle via Piktochart

Am plausibelsten ist das Argument der bleibenden Schäden, die eine Impfung in den seltensten Fällen auslösen kann. Als Impfschäden treten unter anderem Krampfanfälle, Erkrankungen des Nervensystems oder Autoimmunerkrankungen wie Multiple Sklerose und Diabetes Typ I auf. Meistens sind es jedoch nur gewöhnliche Impfreaktionen wie Rötungen und Schwellungen der Impfstelle. Seltener kann es zu Kopfschmerzen, Fieberreaktionen oder Nervenentzündungen kommen. Allerdings bilden sich solche Nebenwirkungen von selbst zurück. Seit 2001 müssen Ärzte den Verdacht auf eine über das Ausmaß einer normalen Impfreaktion hinausgehende, gesundheitliche Schädigung an das Gesundheitsamt melden. Impfkritiker befürchten, die offiziellen Zahlen zu Impfnebenwirkungen seien zu niedrig; es wird von hohen Dunkelziffern ausgegangen.

„Medizinische Maßnahmen sind häufig in der Diskussion. Und das ist auch gut so. Denn sie greifen immerhin in den Körper des Patienten ein." (Prof. Dr. Michael Pietsch)

Vor allem die Impfung gegen die „echte Grippe" (Influenza) wird von vielen als sinnlos empfunden. Das Grippevirus verändert immer wieder seine Oberfläche, weshalb der Impfstoff jedes Jahr aufs Neue für die bevorstehende Grippesaison angepasst werden muss. Empfohlen wird sie Menschen ab 60 Jahren. Susanne Glasmacher, Pressesprecherin des RKI, betont, die Grippeschutzimpfung sei nicht so wirksam, wie man es sich wünsche. Nicht selten kann es daher bei Geimpften zu einer Influenza-Erkrankung kommen. Diese verläuft mit Impfschutz aber in der Regel milder.

Ein weiteres Argument der Impfgegner ist die vermeintliche Kommerzialisierung der Impfstoffe. Nicht selten wird den Pharmakonzernen Profitgier oder „Geldmacherei" vorgeworfen. „Privatwirtschaftliche Unternehmen in allen Branchen haben ein legitimes Interesse, mit ihren Produkten Geld zu verdienen. Man sollte sich klarmachen, dass es einen großen Unterschied zwischen dem Geschäft mit Arzneimitteln und dem mit Impfstoffen gibt. Die Herstellung von Impfstoffen ist weitaus komplexer und teurer, was dazu führt, dass es weltweit immer weniger Impfstoffhersteller gibt", so Glasmacher. Dr. Tobias Bischof, Kinderarzt am Gesundheitsamt Stuttgart, weist zudem darauf hin, dass die daraus resultierenden Lieferschwierigkeiten sogar zu Impfstoffmangel führen können: „Je weniger Hersteller zur Verfügung stehen, desto schwieriger sind zum Beispiel die Preisverhandlungen für Krankenkassen, die an günstigeren Preisen interessiert sind."

Impfzwang als letztes Mittel?

Während in Skandinavien und den USA die Masern quasi ausgerottet sind, ist das in Deutschland bisher nicht der Fall. Vom 1. Januar bis 31. Dezember 2015 wurden rund 2.465 Masernfälle an das RKI übermittelt. Die hohe Zahl an Masernerkrankungen veranlasste Bundesgesundheitsminister Gröhe zur Diskussion um einen Impfzwang in Deutschland. Prof. Dr. Michael Pietsch, Leiter der Abteilung für Infektionsprävention an der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, hält eine Impfpflicht in Deutschland für nicht durchsetzbar: „Ich setze mehr auf Beratung, zum Beispiel für Eltern bei einer Einschulungsuntersuchung. Das Beste wäre, ein Schulfach ‚Gesundheitsschutz’ einzurichten."

Die erste Impfung der Geschichte
Arzt Edward Jenner, geboren 1749 in England, gilt als Entdecker der ersten Impfung.

Immer wieder kamen Patienten zu Jenner, die an Pocken litten. Bei einer Infektion mit dem Pockenvirus kam es zu grippeähnlichen Symptomen, gefolgt von einem schweren Hautausschlag. Im schlimmsten Fall konnten Pocken sogar tödlich sein. Gleichzeitig machte er die Beobachtung, dass Melkerinnen und andere Menschen, die Kontakt zu Kühen hatten, oft an Kuhpocken erkrankten, während sie von Menschenpocken verschont blieben. Es schien, als seien sie durch die Tierkrankheit immun gegen die wesentlich schlimmere Menschenkrankheit geworden.

Deshalb wagte Jenner 1796 ein Experiment: Er impfte den Sohn seines Gärtners mit dem Kuhpocken-Erreger, woraufhin der Junge die harmlosen Kuhpocken bekam. Als er wieder gesund war, infizierte Jenner ihn mit den Menschenpocken. Und siehe da: Das Kind erkrankte nicht – sein Körper hatte bereits eine Abwehrfunktion gegen das Virus aufgebaut.

Seit jeher nennt man diese Form der Impfung deshalb Vakzination (lat. vacca „Kuh").

Vorsorge statt Nachsorge

Die Tatsache, dass Impfen Kosten für das Gesundheitssystem spart, spricht für die Schutzimpfungen. Ein Impfstoff mag auf lange Sicht günstiger sein als die Behandlung von schwerkranken Patienten. Ärztliche Behandlungen und Medikamente sowie Dienstausfälle der Erkrankten belasten die Krankenkassen. Von den knapp 194 Milliarden Euro, die die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) im Jahr 2014 ausgegeben hat, entfielen 33 Milliarden Euro auf Arzneimittel und lediglich etwas mehr als eine Milliarde auf Impfstoffe.

Durch Schutzimpfungen konnten Krankheiten wie Kinderlähmung oder Diphtherie in Deutschland größtenteils verdrängt werden. Die Pocken ließen sich somit sogar komplett ausrotten. Kinderarzt Dr. Lothar Maurer betont in diesem Zusammenhang, dass es gerade in Zeiten der Globalisierung wichtig sei, sich auch gegen Krankheiten impfen zu lassen, die in Deutschland für nicht mehr existent gelten. In Russland kam es Ende der 80er Jahre zu über 100.000 Diphtherie-Fällen, teilweise mit Todesfolge. Im Rahmen dieser Epidemie starb auch ein fünfjähriges, nicht geimpftes Mädchen in Freiburg. Das Kind hatte sich bei einer Tante aus Russland angesteckt.

Soziale Verantwortung – Wer impft, schützt andere

Impfbefürworter begründen: Durch das Impfen schützt man nicht nur sich selbst, sondern auch seine Mitmenschen. Das Impfen von Kindern kann verhindern, dass sich Schwangere anstecken. Dies greift besonders im Falle der Röteln-Impfung – während die Infektion für Kinder relativ ungefährlich verläuft, kann ein Krankheitsausbruch bei der werdenden Mutter dem ungeborenen Kind erheblichen Schaden zufügen. Bei Erwachsenen verlaufen Kinderkrankheiten meist schwerer als im Kindesalter, auch hier sind die Masern exemplarisch. Besonders für krankheitsanfällige Personen, wie Krebspatienten oder Säuglinge, können vermeintlich harmlose Kinderkrankheiten gefährlich werden. Einer US-Untersuchung aus dem Jahr 2007 zufolge sind Eltern und enge Verwandte die häufigste Infektionsquelle, wenn ein Säugling an Keuchhusten erkrankt.

Alle befragten Experten plädieren für eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema Schutzimpfungen. Wer beraten werden möchte, kann auf Infomaterial der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zurückgreifen. Auch Gesundheitsämter beraten unabhängig von finanziellen Interessen. Ob und in welchem Umfang der Nachwuchs geimpft wird, bleibt letztendlich jedem selbst überlassen.

Zwei Arten der Immunisierung

|Quelle: Anna-Maria Relle via Piktochart

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Über den Autor

Anna-Maria Relle

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Eingeschrieben seit: Sommersemester 2016