Hilfe für Nepal

Eine Perspektive für die Kastenlosen

14.06.2017

Von der Familie verstoßen, auf der Straße gelandet und ihrem Schicksal selbst überlassen. Jeder Tag ist ein neuer Kampf ums Überleben. So ergeht es mehr als sechzigtausend Straßen- und Waisenkindern in Nepal. Das Projekt „Hilfe für Nepal“ will diesen Kindern wieder eine Chance im Leben geben.

Kinder aus Nepal während eines Einsatzes 2016 | Foto: Hilfe für Nepal

Nopin ist acht Jahre alt. Nachdem der Vater die Familie verließ, wusste die Mutter nicht, wie sie weiterhin für ihren Sohn sorgen sollte. Er würde ihr nur das Essen wegessen und solle selbst schauen, wie er über die Runden kommt. In ihrer Verzweiflung hat die Mutter ihr eigenes Kind verstoßen. Seitdem lebt Nopin auf den Straßen Nepals.

Die Kinder, die Nopins Schicksal teilen, werden „abandoned children" (auf Deutsch: aufgegebene Kinder) genannt und haben keine Perspektive im Leben. Der in Nepal lebende Pastor David hat dieses Problem erkannt und damit begonnen, sich um diese Kinder zu kümmern. Um sie auch finanziell zu unterstützen, hat er nach Hilfe in Deutschland gesucht und das Jugendmissions- und Sozialwerk Altensteig (JMS) kontaktiert. Durch die Zusammenarbeit von JMS und der Himalayan Gospel Church in Kathmandu ist vor zehn Jahren „Hilfe für Nepal" entstanden. Das ehrenamtliche Projekt möchte den Straßen- und Waisenkindern Nepals wieder eine Perspektive geben.

Seit 2009 ist Thorsten Fiering, Allgemeinarzt aus Winnenden, Mitglied im Team des Projekts. Das Team fördert Patenschaften, bei denen Menschen aus Deutschland einen monatlichen Betrag zwischen 35 und 50 Euro spenden. Mit diesem Geld finanzieren die Spender den Kindern und Jugendlichen aus Nepal eine Schulbildung, Essen, Kleidung und Medikamente.

„Für mich ist es total schön zu sehen, wie die Kinder dort aufblühen und mit Werten versorgt werden." – Thorsten Fiering

Momentan hilft das Projekt 92 Kindern, wovon 15 Kinder gemeinsam mit Pastor David in seinem Haus in Kathmandu leben. Zehn weitere leben im Kathmandutal und der Rest der Kinder lebt mit anderen Pastoren in abgelegenen Gegenden, die schwer erreichbar sind. Fiering selbst hat bis jetzt nur einen Teil der Kinder persönlich kennengelernt, da Nepal so schwer zugänglich ist. Das bedeutet auch, dass die Paten nur einmal pro Jahr persönliche Informationen von ihren Patenkindern erhalten. „Manche Patenkinder habe ich noch nie gesehen. Das ist ein bisschen schade, aber auf der anderen Seite hilft man dann Leuten, die weg vom Schuss sind und bei denen man sagen kann, dass sie wirklich in Not sind", meint Fiering.

„Hilfe für Nepal" hilft auch der restlichen armen Bevölkerung, die weit weg von jeglicher medizinischer Versorgung lebt. Dafür organisiert das Team alle zwei bis drei Jahre ein „Medical Mission Camp". Vor ihrem zweiwöchigen Aufenthalt im Land wird in mehreren Dörfern bekannt gegeben, dass deutsche Ärzte kommen und medizinische Hilfe leisten werden. Viele der Nepalesen haben in ihrem ganzen Leben noch nie einen Arzt gesehen und kommen von weit weg, um sich behandeln zu lassen.

„2009 kam ein 85-Jähriger, der fünf Stunden zu Fuß in Gummistiefeln unterwegs war." – Thorsten Fiering

Bei einem Einsatz vor Ort liegt der Fokus der Arbeit auf der medizinischen Hilfe. Das Team bietet aber auch Kinderprogramm und Gottesdienste an und verteilt Wolldecken, Lebensmittel und Bibeln.

Der medizinische Einsatz

Der Ablauf eines „Medical Mission Camp" des Projekts in einem abgelegenen Dorf im Herbst 2016. |Fotos: Hilfe für Nepal

Obwohl die Hilfe für alle zugänglich ist, kann das Projekt nicht jedem helfen. Das wurde dem Team während ihres Einsatzes 2009 bewusst. Bei einem der Einsatzorte handelte es sich um ein sehr dicht bevölkertes Dorf, in dem zu viel für den Einsatz geworben wurde. An einem Tag kamen mehr als tausend Patienten, doch diesen Ansturm konnten die Ärzte nicht bewältigen. Und so konnten viele Nepalesen nicht behandelt werden. Viele von ihnen blieben trotzdem stundenlang, weshalb das Team die Polizei rief. „Wir hatten Angst, dass die Stimmung kippen würde", erinnert sich Fiering.

Neben der humanitären und medizinischen Hilfe ist dem Team auch der christliche Glaube sehr wichtig. In Nepal gehört die Mehrheit der Menschen dem Hinduismus an, in dieser Religion existiert das Kastensystem. Die arme Bevölkerung Nepals zählt zu den Kastenlosen, welche keinen Wert besitzen. Das Team erzählt den Nepalesen bei den Einsätzen vor Ort sowie den Patenkindern von der christlichen Botschaft und macht ihnen bewusst, dass sie einen Wert haben. Doch ist das nicht eine Art Missionierung? Fiering widerspricht dem. Er meint, dass den Menschen das Christentum zwar vermittelt werde, doch jedem die Entscheidung selbst überlassen sei, den Glauben zu ändern.

Kritiker würden behaupten, dass die medizinische Hilfe auf einem niedrigen Niveau und ihre Arbeit nur ein Tropfen auf dem heißen Stein sei, so Fiering. Auch wenn das Projekt nicht jedem helfen könne, sei es wichtig zu helfen, wo man könne, findet Fiering. Denn für die Behandelten und Patenkinder würde die Hilfe einen wichtigen Unterschied machen.

„Es ist sehr bewegend, wenn man sieht, wie zufrieden die Kinder jetzt sind." – Thorsten Fiering

Die Mitglieder wollen daran anknüpfen, dass sie mit ihrer Arbeit etwas bewegen können. Seit zwei Jahren suchen sie intensiv nach einem Grundstück für ein Kinderheim in Nepal. Bisher erfolglos, doch sie geben nicht auf. „Hilfe für Nepal" hält an der Vision fest, dass ihr gesetzter Tropfen irgendwann Kreise ziehen wird.

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Über den Autor

Jennifer Kögel

Crossmedia-Redaktion
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2016/2017