Ursachen und Folgen von Wohnortswechseln

Eine Reise ins Ungewisse – Migranten früher und heute

09.06.2015

Die Ursachen für dauerhafte Wohnortswechsel sind Kriege, soziales Ungleichgewicht oder wirtschaftliche Not. Es gibt unterschiedliche Arten von Migration, aber immer wieder dieselben Schwierigkeiten und Vorurteile. Aranka B. wurde 1946 zwangsumgesiedelt. Sie erinnert sich an die schwere Zeit nach dem Krieg und erzählt ihre Erlebnisse mit der Umsiedlung. Professor Kneer betrachtet Einwanderung aus wissenschaftlicher Sicht.

Aranka B. in ihrem Wohnzimmer. (Foto: Stefanie Julia Heinrich)

„Mein Name ist Aranka B. Ich bin 1924 in Budakalász in Ungarn geboren." So beginnt Aranka B. zu erzählen. Ihr österreichisch-ungarischer Akzent ist noch zu hören. Im März 1946 gab es nach Kriegsende eine Volksbefragung in Ungarn. Das Gebiet gehörte bis 1918 zur österreichisch-ungarischen Monarchie. Die Eltern sind deutsch und geben dies bei der Befragung an. Dadurch wird die Familie ausgewiesen.

Die Eltern, die 78-jährige Großmutter, die 22-jährige Aranka und fünf der sechs Geschwister haben 48 Stunden Zeit um das Nötigste zu packen. 50 Kilogramm pro Person dürfen mitgenommen werden. Der jüngste Bruder Josef ist sechs Jahre alt, die älteste Schwester Anusch ist bereits verheiratet und darf in Ungarn bleiben. Eine Familie wird auseinander gerissen, die Zukunft ist ungewiss.

Ein ganzes Dorf wird ausgewiesen und umgesiedelt. Am Abreisetag finden sich alle Ungarn-Deutschen am Bahnhof ein. Mehrere Familien werden zusammen in Viehwaggons verfrachtet. Aranka sieht die Gitterstäbe noch genau vor Augen. Es ist eng und laut. Die holprige Fahrt beginnt und nach zehn Stunden kommt der Zug zum Stehen. In Berchtesgaden müssen alle aussteigen. Sie werden entlaust. Aranka lacht kurz auf und macht eine Sprechpause. Die Absurdität dieser Behandlung stimmt sie nachdenklich.

„In Budakalász sperrten sie uns in Viehwagen mit Gitterstäben, nach 10 Stunden Fahrt kam der Zug zum Stillstand und wir wurden in Berchtesgaden entlaust. Dann ging es weiter bis nach Murrhardt." Die Onlineversion der Karte mit Anmerkungen zu den Stationen finden Sie hier. (Quelle: Google Maps)

Die Fahrt geht weiter ins schwäbische Murrhardt. Nochmal sieben Stunden sind die Familien in den Viehwagen unterwegs. Am Ziel angekommen, werden sie zunächst für einige Tage in Turnhallen untergebracht. Schreiende Kleinkinder, zwischen Gepäckstücken schlafen Menschen auf dünnen Matratzen.

Aranka B. erzählt, dass sie in der Schule Deutschunterricht hatte, aber nur eine Stunde in der Woche. Mit österreichischem Dialekt habe sie Deutsch gelernt. Das Schwäbisch versteht sie zunächst nicht.

„Es war eine schwere Zeit, als wir gekommen sind."

Die Familien werden auf verschiedene Ortschaften aufgeteilt. Aranka und ihre Familie werden einige Tage in Plüderhausen untergebracht, dort wird entschieden, wo sie arbeiten sollen. Das Arbeitsamt teilt sie zu. Der Vater ist Zimmermann und soll in einer Holzfabrik in Urbach anfangen. Aranka war in Ungarn Weberin und kommt zunächst in einer Holz und Porzellanfabrik unter.

Ein erneuter Umzug, diesmal nach Urbach, steht bevor. Die Familie kommt in einer ehemaligen Baracke in der Wasenmühle unter. Die Eltern, Großmutter und sechs Kinder wohnen in drei engen Räumen.

In den ländlichen Regionen herrscht Abneigung gegen die Flüchtlinge. Immer wieder muss sich die Familie auf ihrem Weg zur neuen Bleibe viele Beschimpfungen anhören, Zigeuner wurden sie genannt, erinnert sich Aranka.

Doch die Mutter erkennt, es ist wichtig neu anzufangen, mit Ungarisch kommen sie nicht weiter. Sie verbietet den Kindern, die ihnen vertraute ungarische Sprache zu sprechen – auch der ältesten Tochter und deren Mann. Sie sollen im Beisein der Geschwister fortan nur noch Deutsch reden. Zur Verständigung in der Familie, damit die jüngeren Geschwister nicht ausgegrenzt werden und damit die deutschen Nachbarn nicht denken, dass sie etwas Böses sagen.

Aranka ist tüchtig, lernt schnell indem sie beobachtet und nachfragt. Sie lernt die Sprache, geht auf die Menschen zu. Sie grüßt höflich über die Gartenzäune auf dem Weg zu ihrer Arbeit. Bei der Arbeit knüpft sie erste Kontakte zu Einheimischen. Bald öffnen sich diese und es entstehen Gespräche über den Gartenzaun.

„Nächstes Jahr sind es 70 Jahre ... Hier ist es schön. Ich bin zufrieden."

Aranka erhält Hilfe durch eine ältere Dame, diese macht sie mit verschiedenen Einwohnern Urbachs bekannt. Bald entstehen Freundschaften und dadurch lernt sie das Dorf besser kennen. In manchen evangelischen Regionen haben die Migranten nach und nach die katholischen Kirchen aufgebaut.

Was sie besonders vermisst? „Das Essen und die Lebensmittel." In Ungarn wird gerne scharf gegessen. Nach dem Krieg gab es in Deutschland noch keine Paprika zu kaufen. Die Ungarn-Deutschen haben diese mitgebracht und gezüchtet. Heute gehören die gefüllten ungarischen Paprika zur Vielfalt und den kulturellen Einflüssen der Migration.

Das Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland e.V. Der Verein DOMID wurde 1990 von vier aus der Türkei stammenden Migranten gegründet. In den vergangenen 25 Jahren wurden mehr als 70.000 Objekte, Dokumente und Interviews gesammelt. Seit Ende April 2015 beginnt der Verein mit der Umsetzung eines zentralen Migrationsmuseum in Deutschland.

Mehr Informationen und den Link zum Archiv finden Sie hier.

http://www.domid.org/de

Interview mit dem Soziologen Professor Georg Kneer

Prof. Dr. habil. Georg Kneer (Foto Stefanie Julia Heinrich)

Herr Kneer, einer Ihrer Schwerpunkte ist die Migrationssoziologie. Diese forscht nach den Ursachen und Folgen von Wohnortswechseln. Dabei steht auch die Frage nach der Integration im Vordergrund. Wenn man in der Vergangenheit die Migration mit der heute vergleicht, wie gelingt Integration?

„Wir unterscheiden drei Begriffe in der Migrationssoziologie: Assimilation, Integration und Inklusion. Der Assimilationsbegriff setzt voraus, dass Kulturfremde kommen und sich an die Kultur der Aufnahmegesellschaft anpassen müssen, sprich ihre Herkunftskultur aufgeben sollen. Das sagt man in der Migrationssoziologie glücklicherweise heute nicht mehr. Aber es gibt da eine Kontroverse zwischen dem Integrations- und Inklusionsbegriff."

Worin liegt dann hier der Unterschied?

„Integration meint eine Verschmelzung unterschiedlicher kultureller Dinge. Migranten als auch Personen, die bereits dort leben, sollen kulturelle Dinge einbringen und sich verändern. Der Inklusionsbegriff sagt, dass Migration für alle Beteiligten mit einem kulturellen Wandel und mit einer kultrellen Vervielfältigung und Verfeinerung einhergeht. Das bedeutet, dass die Gesellschaft multikulturell ist, dass sie viele Werte, Normensysteme und Stilrichtungen hat. Beispielsweise in der Musikbranche ist es absolut normal, dass wir mit ganz unterschiedlichen Musikstilen konfrontiert werden."

In den vergangenen Monaten gab es immer wieder Ausschreitungen gegen Flüchtlingsheime, wieso reagieren so viele Menschen mit Vorurteilen?

„In der Migrationsdebatte läuft vieles falsch. Migranten werden danach geprüft, ob sie kulturell entsprechend aufnahmefähig sind. Man verweist auf kulturelle Konflikte und meint daraus resultieren die Schwierigkeiten. Aber sie bringen eine ganze Menge Dinge mit und tragen damit hier zu einer Bereicherung bei. Meine Oma hörte andere Musik, mein Vater zog sich anders an, mein Nachbar schneidet sich anders die Haare... also wir leben in einer hochgradig vielfältigen Kultur. In der Regel nehmen wir das nicht als Problem wahr. Dass wir es bei den Migranten dann doch als Problem wahrnehmen, scheint mir eher damit zusammen zu hängen, dass hier Ängste um Arbeitsplätze und soziale Absicherung damit verbunden sind. Kultur ist also nur ein vorgeschobenes Argument, eigentlich geht es um andere Dinge."

Was ist von beiden Seiten für eine erfolgreiche Integration nötig?

„Die Migranten, die in den 40er Jahren, nach dem Ende des zweiten Weltkrieges zwangsumgesiedelt worden sind, konnten sich schneller beteiligen. Sie trugen zum Wiederaufbau Deutschlands maßgeblich bei. Man sollte sich aber auch da nichts vormachen. Die strukturelle Integration in den Arbeitsmarkt, zog nicht unbedingt gleich auch nachbarschaftliche Integration nach sich.

Ich kenne Personen, die fühlen sich noch 60 Jahre nach der Einwanderung nicht zu Hause in diesem Land. Weil ihnen bestimmte Beteiligungen, Kontakte und soziale Kommunikationsformen nach wie vor fehlen. Sie fühlen sich gewissermaßen als außenstehende Beobachter.

Für die gegenwärtige Situation wäre wichtig, dass der bundesdeutsche Staat durch eine Vielzahl sozialpolitischer Maßnahmen die strukturelle Eingliederung der Neuankömmlinge erleichtert. Die Bundesrepublik Deutschland könnte sich dazu ausdrücklich als Einwanderungsgesellschaft beschreiben. Die Eingliederung von Migranten stellt einen vielschichtigen Vorgang dar, der durch zahlreiche Einflussfaktoren bestimmt wird. Der Blick allein auf kulturelle Unterschiede blendet vieles aus."

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Über den Autor

Stefanie Julia Heinrich

Elektronische Medien Master
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2015