Schneckenzucht auf der Schwäbischen Alb

Eine Schnecke namens Frieda

28.10.2014

„Wenn Sie das nächste Mal eine Weinbergschnecke im Garten finden, nehmen Sie doch mal einen Stift und schreiben einen Namen auf das Häuschen – zum Beispiel Frieda“, schlägt Rita Goller den Besuchern ihrer Schneckenzucht oft vor. So entwickle man nämlich ein ganz anderes Verhältnis zu den Tieren. Weit über Münsingen und die Schwäbische Alb hinaus ist die Herrin über 50.000 Weinbergschnecken schon bekannt.

Schneckenernte

Ein Schneckengarten im Tiefschlaf. Anfang November haben die Weinbergschnecken ihr Haus mit einer schützenden Kalkschicht verschlossen und sich in den Boden zurückgezogen. Für Rita Goller ist die Zeit zur Ernte gekommen.

Schneckensüppchen, Schnecken im Bierteig, Schneckenpralinen – die Zubereitungsmöglichkeiten einer Weinbergschnecke sind vielfältig. Mag manch einem das schleimige Weichtier auf dem Teller auch befremdlich anmuten, so hat auf der Schwäbischen Alb das Sammeln von Schnecken zum Verzehr doch Tradition. Sogar nach Frankreich wurden die Albschnecken früher exportiert und waren dort wegen ihres angeblich besonders würzigen Aromas gefragt. „Der damalige Schneckenzüchter hatte seine Sammelgebiete bis runter in den Tübinger Raum", erzählt Rita Goller. Von Juli bis September wurden die Schnecken eingesammelt. Vier bis sechs Wochen fütterte der Züchter sie dann in einem großen Garten, bis sie bereit zur Ernte und zum Verkauf waren. Mit der Zeit jedoch fiel auf, dass man von Jahr zu Jahr weniger Schnecken fand. Helix Promatia, die gemeine Weinbergschnecke, wurde schließlich unter Naturschutz gestellt. Pestizide und der veränderte Ackerbau wurden für den Rückgang der Schneckenpopulation verantwortlich gemacht. Rita Goller jedoch ist sich sicher, dass von den damaligen Züchtern ein entscheidender Faktor übersehen und ein folgenreicher Fehler begangen wurde.

Warum die Schnecken verschwanden

Über Jahre hinweg hat Rita Goller die Verhaltensweisen ihrer Weinbergschnecken studiert. Mit drei Jahren werden die Tiere geschlechtsreif. Erst, wenn sie vier Jahre zählen, kann man sicher sein, dass sie Eier abgelegt und für den Fortbestand ihrer Art gesorgt haben. Laut einer vom Regierungspräsidium festgelegten Bestimmung dürfen Schnecken jedoch alle drei Jahre gesammelt werden – zu oft, findet Rita Goller. Denn über Jahre hinweg wurden so auch die Schnecken eingesammelt, die sich noch nicht fortgepflanzt hatten. „Wo ich vor zwölf Jahren zum ersten Mal im Regierungspräsidium vorgesprochen habe, haben sie gelacht", sagt sie. Rita Gollers Forderung war, die Sammelerlaubnis für die Schnecken nur alle vier anstatt alle drei Jahre zu erteilen. Keiner habe ihr glauben wollen, dass eine Praktik, die seit Jahrzehnten in dieser Form bestand hatte, für das Aussterben der Schnecken verantwortlich sein könnte.

Die Ringe auf dem Häuschen zeigen Rita Goller, wie alt die Schnecke ist (Foto: Sandra Fuhrmann)

Das Fleisch der armen Leute

Den etwa 3000 Quadratmeter großen Schneckengarten von Rita Goller zu finden, ist nicht ganz leicht. Mitten auf der Schwäbischen Alb, oberhalb des Dörfchens Rietheim, liegt der von einem Zaun umgebene Garten. Die einzelnen Beete, in denen die Schnecken leben, sind von kniehohen, engmaschigen Netzten umgeben. Sie sollen verhindern, dass diese ganz besonderen Früchte das Weite suchen. Trotzt seiner abgeschiedenen Lage verirren sich jedes Jahr tausende Besucher aus der ganzen Welt in Rita Gollers Garten – vom Touristen aus Portugal bis hin zum französischen Abgeordneten. Nicht nur das Interesse an ihrer Zucht ist groß, auch die Nachfrage nach Schnecken wächst stetig. Früher galten Weinbergschnecken auf der Alb als das Fleisch der armen Leute. Heute stehen sie bei den Gasthöfen aus der Region als Delikatesse auf den Speisekarten. Rita Goller hat sogar selbst schon ein Kochbuch mit Rezeptideen veröffentlicht. Sichtlich stolz erzählt sie, wie sie in diesem Jahr gemeinsam mit dem Gourmetkoch Eberhard Braun auf der Slow Food Messe in Stuttgart kochen durfte. „Danach wollte er selbst gleich Schnecken bei mir ordern", sagt Rita Goller. Eine Bitte, die sie dem Koch abschlagen musste. Die Albschneckler, wie Rita Goller ihre Zuchttiere getauft hat, sind schon jetzt so gefragt, dass die Züchterin viele Anfragen zurückweisen muss. Restaurants aber auch Privatleute schätzen die Qualität. „Ich könnte locker 30.000 Schnecken im Jahr verkaufen", sagt sie.

Ein Traum stirbt

Gewinn macht Rita Goller dennoch keinen. Tatsächlich verlassen ab der Ernte im November nur etwa 10.000 Tiere ihren Garten. Etwa 50 Cent bekommt sie pro Schnecke. Das große öffentliche Interesse an ihrer Arbeit und der große Zuspruch scheinen im Widerspruch zu den vielen Hürden zu stehen, die ihr von Seiten der Behörden in den Weg gestellt werden. Der ursprüngliche Traum der Züchterin war, ihr bisheriges Hobby zum Beruf zu machen. Dafür hätte sie mehr Fläche benötigt als bisher, da die Schnecken über das Jahr immer wieder in andere Beete umziehen müssen. Denn das ursprüngliche Beet muss regelmäßig gemäht werden und es muss neue Nahrung für die Schnecken wie Salat oder Löwenzahn darin gesät werden. „Man muss sich so ein Beet wie einen Stall vorstellen", erklärt Rita Goller diesen Prozess. „Damit bei den Schnecken keine Krankheiten entstehen, muss es quasi ausgemistet werden." Auf einer größeren Fläche Land als bisher könnte Rita Goller mit Maschinen arbeiten. Das würde Zeit und Kraft sparen. Doch schon der Zaun um ihren Schneckengarten gilt rechtlich als Baumaßnahme. Da sie nicht ausschließlich von der Schneckenzucht lebt, hat sie keine Chance, eine Baugenehmigung zu erhalten. Die Baugenehmigung und somit eine größere Fläche wären jedoch die Voraussetzung dafür, dass Rita Goller die Schneckenzucht zu ihrem Hauptgewerbe machen könnte. „Man bewegt sich in einem Teufelskreis", sagt sie. Nicht einmal die Weiterverarbeitung, also das zweieinhalb stündige Kochen der Schnecken in einem gewöhnlichen Topf, ist ihr erlaubt. Dafür nämlich bräuchte sie laut der Bestimmungen ein Schlachthaus nach EU-Norm. Deshalb liefert sie ihre Schnecken direkt nachdem sie sie gesammelt hat lebendig an die Kunden aus.

Wenn Rita Goller von ihren Schnecken erzählt, ist ihre Begeisterung spürbar (Foto: Sandra Fuhrmann)

Ein „150-prozentiges Draufzahlgeschäft"

Hinzu kommt, dass das Futter, das der karge Albboden im Garten für die Schnecken hervorbringt, lange nicht ausreicht. Über den Sommer sammelt Rita Goller zusätzlich Kräuter auf den Wiesen oder holt sich übrig gebliebenes Kraut von der Filderebene, wo sie eine Übereinkunft mit einem Bauern hat. Aus einem Discounter aus Münsingen bekommt sie außerdem drei Mal die Woche den Salat, der nicht verkauft werden konnte. Rita Goller hatte gehofft, mit anderen Discountern ähnliche Abmachungen treffen zu können. „Ich bin einige Jahre hausieren gegangen, von einem Discounter zum anderen", erzählt sie. Meist jedoch scheiterte es daran, dass die Geschäfte sich nicht an vereinbarte Abholzeiten hielten. Jede Fahrt nach Münsingen kostet Rita Goller Benzin und vor allem viel Zeit. So musste sie auch diesen Plan schließlich wieder aufgeben.

Die Schneckenzucht so nachhaltig zu betreiben, wie es Rita Gollers Anspruch ist und gleichzeitig Gewinn zu erwirtschaften, wäre laut der Züchterin im derzeitigen Rahmen unmöglich. „Ich betreibe ein 150-prozentiges Draufzahlgeschäft", sagt sie. Rita Goller ist anzumerken, dass sie schon viel Verdruss hinnehmen musste. Zu oft hat sie erlebt, wie idealistische Pläne und ehrgeizige Ziele an zuweilen willkürlich erscheinenden Vorschriften oder mangelnder Kooperationsbereitschaft scheitern mussten. Die Begeisterung für ihre Sache aber hat sie sichtlich nicht verloren seit sie vor über zwölf Jahren begann, die ersten Schnecken zu halten. Der große Zuspruch, den sie dabei von der Öffentlichkeit erfährt, ist für sie eine Bestätigung, weiter zu machen. Rita Goller ist sich sicher, durch ihre Arbeit und die Aufklärung, die sie betreibt, einen wichtigen Grundstein dafür gelegt zu haben, den Menschen die Weinbergschnecke ein wenig näher zu bringen.

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Über den Autor

Sandra Fuhrmann

Elektronische Medien- Unternehmenskommunikation (Master)
Eingeschrieben seit: WS 14/15