Einsatz für die Gemeinde

Engagement in der Ich-Gesellschaft

19.12.2016

„Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen“ (Matheus 18:20). Schon in der Bibel wird von der christlichen Gemeinde gesprochen, aber wie genau funktioniert christliche Gemeinschaft heute und warum engagieren sich überhaupt junge Menschen dafür?

Das Engagement für andere und der Glaube sind schon lange aus dem Fokus von vielen jungen Menschen gerückt. |Bild: Lukas Zeth

Es ist gut geheizt in der Kirche, aber die Jacke behalte ich doch lieber an. Die lange Holzbank knarrt, als ich mich setze und ich stöbere etwas durch das Gesangbuch vor mir. Langsam wird es ruhiger, ich komme zur Ruhe und bin mit meinen Gedanken ganz da. Eine Glocke läutet, der Pfarrer betritt die Kirche und beginnt mit dem Gottesdienst. In der Predigt spricht er über das Zusammenkommen, über Familie, Freunde und die christliche Gemeinschaft. Nach dem Gottesdienst verlassen die Leute die Kirche, es waren kaum mehr als 20. Es ist der dritte Advent, noch genau 13 Tage bis Weihnachten. Eine große christliche Gemeinschaft sehe ich nicht.

Die Mitgliederzahlen der Kirchen in Deutschland werden von Jahr zu Jahr weniger. Waren es 2001 noch über 53 Millionen Menschen in Deutschland, so sind es 2015 knapp zehn Millionen Menschen weniger. Gottesdienste werden weniger besucht, Vereine wie Kirchenchöre lösen sich auf und Freizeitangebote können nicht mehr stattfinden. Es fehlt vielerorts an engagierten Menschen, die Zeit und Kraft in die Gemeinschaft investieren, aber es gibt sie noch. Menschen, die sich ehrenamtlich für die Gemeinde einsetzen und andere für Glaube und Gott begeistern wollen. Dabei arbeiten sie auf vielfältige Weise.

„Ich wollte Gott ein Jahr schenken"

Besonders für junge Menschen zählt der Glaube nicht mehr viel. Kommunion und Firmung werden als willkommene Gelegenheit gesehen, um Geld und Geschenke zu bekommen; die Konfirmation ist ein guter Anlass für den Kauf eines neuen Kleides oder den ersten richtigen Anzug. Als Gegensatz dazu steht Eva Rümmelin. Die 19-Jährige engagiert sich seit ihrer Kindheit in christlichen Gemeinden und beschloss nach ihrem Abitur noch ein Schritt weiter zu gehen. Sie zog über 200 Kilometer von Zuhause weg, in eine fremde Stadt, eine fremde Gemeinde. „Ich wollte Gott etwas zurück geben", das war ihre Begründung als sie fortging. Im Rahmen eines freiwilligen sozialen Jahres fand sie eine neue Gemeinde in Cochem, einer Stadt an der Mose . Ihre Aufgaben dort sind Vielfältig. „Wir versuchen Brücken zu bauen, zwischen unserer Gemeinde und der Schule", deshalb besucht Eva regelmäßig die örtliche Schule und unterstützt Schüler beim Lernen. Nachmittags bereitet sie für junge Christen Bibel- und Gruppenstunden vor und unterstützt den Pfarrer bei Gottesdiensten.

Ist es denn noch modern, an Gott zu glauben und woher kommt der massenhafte Austritt aus den Kirchen?

„Ich finde schon, dass es cool ist zu glauben." |Audio: Lukas Zeth

Neben dem Glauben spielen auch Werte wie Freundschaft und Hilfsbereitschaft eine große Rolle in vielen Gemeinden. Ein Beispiel dafür, wie man mit einem zeitgemäßen Programm junge Menschen für Glaube und Gemeinschaft begeistern kann, ist die katholische junge Gemeinde (KJG) in Eberbach. Seit 1976 versucht man dort, mit einem christlichen Zeltlager, Kindern zwischen 8–14 Jahren die Werte der KjG zu vermitteln.

Katholische junge Gemeinde
Die Katholische junge Gemeinde (KjG) ist eine katholische Kinder- und Jugendorganisation. Ihre Anfänge nahm sie bereits im Jahr 1896 in Düsseldorf. Nach dem Verbot aller katholischen Jugendorganisationen in der NS-Zeit schlossen sich 1970 die katholische Jungmännergemeinschaft und die katholische Frauenjugendgemeinschaft zur KjG zusammen. Ziele der KjG sind, jungen Menschen politische und soziale Verantwortung zu übergeben, christliche Werte zu schaffen und einen Zugang zum Glauben zu vermitteln. Auch wenn die KjG ein katholischer Verband ist, werden Christen aller Konfessionen aufgenommen.

Ein viertel Jahrhundert Gemeinschaft

Verantwortlich für Planung, Organisation und Umsetzung in der KjG Eberbach ist Chris Weiß. Der 32-jährige Religionslehrer war selbst als Kind mehrere Jahre Teilnehmer und ist seit über 20 Jahren in der Jugendgemeinde.

Aber warum sollte man freiwillig über zwei Wochen auf 50 bis 60 fremde Kinder aufpassen?

Zwei Wochen tolle Gemeinschaft für einen selbst und die Kinder. |Audio: Lukas Zeth

Studenten und Polizisten, Ingenieure und Handwerker

Ohne die Hilfe vieler Freiwilliger wäre es nicht möglich, das Zeltlager zu planen und durchzuführen. Besonders Schüler und Studenten, meist ehemalige Teilnehmer, engagieren sich und stecken Zeit und Kraft in die Gemeinde. Die Helfer, zwischen 17 und 35 Jahre alt, sind meist Schüler, Studenten oder Auszubildende. Jedoch auch mehrere Vollberufstätige. So wird aus dem gelernten Chemielaborant für zwei Wochen im Jahr ein Gruppenleiter, Vollzeitanimateur und Ansprechpartner für Jungs zwischen acht und zehn Jahren. Viele der Helfer waren vor einigen Jahren noch selbst Teilnehmer und engagieren sich nun für die für die nächste Generation. Daher sieht Weiß im Moment auch keine Probleme an Helfern und Freiwilligen, wie es in vielen Vereinen und Gemeinden der Fall ist.

Aber haben diese Menschen auch einen persönlichen Nutzen von ihrem Engagement? Was bekommt man zurück für den Einsatz, die Zeit und Kraft?

Warum engagieren sich Leute für eine christliche Gemeinschaft? |Audio: Lukas Zeth

Gemeinschaft der digitalen Welt

867 Freunde bei Facebook und unzählige WhatsApp-Gruppen – Alltag bei jungen Erwachsenen. Besonders in den letzten Jahren sieht der Realschullehrer für katholische Religion, dass sich junge Menschen mehr aus dem sozialen Umfeld zurückziehen und Gemeinschaft im Internet und sozialen Netzwerken suchen. Ein Problem sieht er darin nicht, sondern viel mehr den natürlichen Lauf unserer Gesellschaft und auch eine Chance. „Es ist aber auch eine Möglichkeit, über Facebook und andere Seiten junge Menschen anzusprechen und so mehr für die KjG und die Kirche zu begeistern", so Weiß. Mit einer eigenen Internetseite und Facebook-Fanpage versucht die KjG Eberbach deshalb für ihr junges Publikum attraktiv zu bleiben.

Zwischen Geben und Nehmen

„Ein Jahr Gott schenken" oder „Kinder und Jugendliche für Kirche und Glaube begeistern". Die Gründe, warum sich Menschen für andere engagieren sind vielfältig. Ebenso der persönliche Nutzen für jeden Einzelnen. Man erfährt Freundschaft, Dankbarkeit und Gemeinschaft oder die Erfahrung, etwas mit anderen erlebt oder geschafft zu haben. Das Verständnis von Gemeinschaft ändert sich durch die Digitalisierung und soziale Medien, aber wer Engagement für andere zeigt, bekommt meist mehr zurück, als er gibt.

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Über den Autor

Lukas Zeth

Crossmedia-Redaktion /Public Relations
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2016